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Extremklettern im Wandel: Buhl bleibt für Ines Papert und Peter Habeler Vorbild – 2. Alpines Philosophicum im Bergsteigerdorf Ramsau

Plädoyer fürs einfache, elegante Bergsteigen

Im Gespräch (v.l.): Ines Papert, Peter Habeler, Kurt Diemberger und Jens Badura. (Foto: Mergenthal)

»Elegantes Bergsteigen mit kleinen Rucksäcken – es gibt nichts Besseres. Leichtigkeit ist toll«, schwärmte der Zillertaler Peter Habeler bei der Diskussion zum Thema »Extrembergsteigen gestern und heute«.


Diese fand im Rahmen des »2. Alpinen Philosophicums« im Bergsteigerdorf Ramsau statt. Mit Ines Papert gestaltete er am Dienstag den Höhepunkt eines Symposiums zum Gedenken an den 60. Todestag von Hermann Buhl.

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Die Bayerisch Gmainerin Ines Papert wurde als vierfache Eiskletter-Weltmeisterin und durch spektakuläre Erstbegehungen und Expeditionen in Fels und Eis berühmt. Habeler ging durch die erste Besteigung eines Achttausenders im Alpinstil, ohne zusätzlichen Sauerstoff (Hidden Peak 1975), und durch die Besteigung des Mount Everest im Alpinstil (1978), beides mit Reinhold Messner, in die Geschichte des Alpinsports ein. Unter den gut 85 Gästen im Vortragssaal im Rathaus waren auch der mittlerweile 85-jährige Kurt Diemberger (siehe Bericht über die Lesung von Kriemhild Buhl), die Saalfeldener Bergsteiger-Brüder Wörgötter, Peter (75) und Wastl (80) sowie »Watzmannostwand-König« Heinz Zembsch.

Buhls Buch »Achttausend drüber und drunter« habe er mit seinen Kletterkollegen in der Jugend »gefressen«, erzählte Habeler. In Verbindung mit Kurt Diemberger sei Buhl Vorreiter dessen, was Messner und er später umsetzen konnten. Ines Papert pflichtete Habelers Plädoyer für Einfachheit und eine Reduktion auf das Allerwichtigste Equipment bei, die aber öfter Abwägungssache sei. »Ich habe mich am Anfang auch gefragt: Brauche ich den Biwaksack?«, räumte sie ein. Viele Menschen würden ohne eine gewisse Ausrüstung vielleicht in Bergnot geraten. Sie überlegt vor einer Tour genau, um wie viel schneller sie voraussichtlich durch den Verzicht auf bestimmte Ausrüstungsgegenstände unterwegs ist und ob der Verzicht daher gerechtfertigt ist. »Ich habe auch schon komplizierte Bergpartner gehabt. Das hat nicht geklappt«, erzählte sie aus ihrer Erfahrung.

Das Erlebnis, zwei Erstbegehungen von Hermann Buhl nachzugehen, war für Habeler »sensationell«. Die von Buhl vergebene Bewertung »VI+« sei das Maß der Dinge gewesen. Auch Papert bestätigte »beinharte Schlüsselstellen« in den sehr anspruchsvollen alten Klassikern.

Ethnische Einstellung wichtig

Da heute schon vieles erschlossen und erstbegangen ist, gehe die neue Generation dorthin, wo es schwer ist, hin zu gelangen, oder suche sich neue, kreative Möglichkeiten, so Papert. Die ethische Einstellung sei nach wie vor wichtig. »Bohrhaken haben an gewissen Orten nichts zu suchen«, betonte die 43-Jährige. Sie stellte fest, dass die Jugend, so auch das junge, ambitionierte Kletterteam in Berchtesgaden, sich für die Geschichte des Kletterns nicht mehr so interessiere, zum Beispiel nicht mehr wisse, wer die »Rotpunkt-Kletterei« erfunden hat. Dieser Begriff meint das Klettern ohne Belasten der Sicherungskette und wurde von Kurt Albert in den 70ern geprägt.

»Was früher die Gipfel waren, wurde später die Linie: Hat sich da was verschoben?«, wollte Moderator Jens Badura, Gründer des Berg-Kulturbüros, wissen. »Mit den Bohrhaken wurde das Klettern völlig anders. Da war alles möglich«, erwiderte Habeler. Früher hätten Kletterer queren oder abseilen müssen, wenn sie nicht mehr weiter kamen. In der Fokussierung auf einen bestimmten Griff oder Zug gehe heute manchmal das Erlebnis verloren, meinte Habeler. »Bei den großen Wänden gehört der Gipfel dazu«, erklärte Papert. Sie beobachtet bei Jugendlichen wie ihrem Sohn, dass diese ihr Projekt drinnen in der Halle verfolgen, auch wenn draußen schönstes Wetter ist, und sieht ihre Aufgabe darin, die junge Generation für das Bergsteigen draußen zu begeistern. Bewusst nahm sie ihren Sohn nach Kirgistan und in die Rocky Mountains mit und möchte mit ihm nun Projekte in Patagonien umsetzen. Dass es ein Bergsteigerdorf wie Ramsau gibt, finden beide Bergsteiger sehr positiv für die Vermittlung solcher Werte.

Kein richtig und kein falsch

Grundsätzlich stellte Papert fest, dass das Bergsteigen sehr vielseitig geworden ist. Es gibt für sie »kein richtig und falsch«. Die Regeln setze sich jeder selber. Sie liebe diese Freiheit in den Bergen. Bei Begehungen im Grenzbereich müsse man jedoch auch sagen, wie sie umgesetzt wurden, und dürfte das Verwenden von Bohrhaken nicht verschweigen. Auch sie sei schon froh über Bohrhaken gewesen, etwa, als sie kürzlich an der Westwand des Hohen Göll die Route »Scaramouche« (X-) der Huber-Brüder wiederholt habe.

Badura stellte die Frage in den Raum, wieweit sich Extremkletterer für die Sponsoren zu grenzwertigen oder fragwürdigen Aktionen hinreißen lassen. »Jeder sucht natürlich seine Nische, um sich bestmöglich zu vermarkten«, räumte Papert ein. »Aber von denen, die ich kenne, verbiegt sich keiner«. Für sie stehen Authentizität, Kreativität und Pflege des eigenen Netzwerks ganz oben. Die Kletterer heute könnten auf alle Fälle besser als Buhl davon leben. Habeler bekannte, dass die Freude seine Triebfeder war, und ermutigte das Publikum zum »einfachen Bergsteigen«, etwa schönen Dreier- und Vierertouren. »Die Normalität braucht es immer noch. Die ist immer noch das Beste.« Und es brauche den Humor. Sehr kritisch äußerten sich beide Referenten zum Lockangebot eines Veranstalters für eine Everest-Besteigung für 95 000 Euro in vier Wochen.

Bürgermeister Herbert Gschoßmann fragte, ob Doping bei den kletterischen Spitzenleistungen ein Thema ist. Peter Habeler erteilte allem, was die Wahrnehmung beeinträchtigt, eine klare Absage. Die Doping-Kontrollen bei den Eiskletter-Weltcups seien immer negativ gewesen, berichtete Papert. Badura vermutet, dass sich eher »Möchtegern-Bergsportler«, die zum Beispiel beim Akklimatisieren Zeit sparen wollen, dopen als Profis.

»Wo entwickelt sich die Spitze hin?«, war die Schlussfrage. Beide Extremkletterer waren sich einig, dass sich Bergsteigen nicht für Rekorde eignet. Dass das Seilklettern, Speedklettern und Bouldern olympisch wird, sieht Papert »sehr zwiespältig«. Vorteil sei, dass Klettern dadurch wohl an Bedeutung gewinnt und sich die Einstellung zum Klettern positiv verändert. Buhl-Tochter Silvia Bögl wies darauf hin, dass Bergsteigen – im Gegensatz zum standardisierten Wettkampf – letztlich für Abenteuer stehe. Man könne dieses Abenteuer auch so gestalten, dass es kalkulierbar ist. Veronika Mergenthal