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Plädoyer gegen Kriminalisierung der Sterbehilfe

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Michaela Obermeier vom Kreisbildungswerk mit Bartholomäus Grill. (Foto: Mergenthal)

Berchtesgaden – »Endstation Zürich – Die letzte Reise meines Bruders« hat Bartholomäus Grill ein Essay genannt, das 2006 preisgekrönt wurde. Auf Einladung des Katholischen Bildungswerks las er es nun im Pfarrheim St. Andreas vielleicht zum letzten Mal. Freimütig bekannte er, dass ihn jedes Vorlesen seiner Erlebnisse um den Freitod seines schwer kranken Bruders ziemlich mitnimmt. Etwa 40 Zuhörer lauschten gebannt und ließen sich danach auf ein intensives Gespräch mit dem Journalisten ein.


In seinem Essay schildert Grill minutiös die Fahrt der Geschwister mit ihrem todkranken Bruder in einem selbst hergerichteten Krankentransportfahrzeug zur Organisation »Dignitas«, die Freitodbegleitung anbietet, nach Zürich. Unterbrochen wird dieser Erzählstrang von Rückblenden. In kraftvoller, farbenreicher Sprache zeichnet Grill die Stationen bis zur finalen Entscheidung nach – etwa, wie sein Bruder im Krankenhaus wütend die wuchernden Blumen aus dem Fenster werfen will. Im Satz »Sie verabschiedeten sich aus dem Paradies, in dem sie gemeinsam waren: der Kindheit«, verdichtete sich die Wehmut des letzten intensiven Dialogs der Brüder. Hautnah erlebte der Zuhörer das letzte Abgehen der Plätze der Kindheit mit, sah das symbolträchtige leere Storchennest über dem Getreidespeicher des elterlichen Hofs vor sich und wurde in das Ringen der Familie, ob es vielleicht doch eine andere Möglichkeit gäbe, hineingezogen.

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Der unheilbar kranke Bruder wird, selbst im Krankenbett noch stolz ein gelbes Fußballtrikot tragend, zum Tröster für die Geschwister: »Macht euch keine Sorgen. Wir fahren nach Zürich.« Bevor er diese innere Ruhe fand, hatte er diese Reise »unwürdig« genannt. »Könnte ich nur daheim sterben.« Grill beschreibt jedes Detail. Eigentlich wollte sein Bruder, dass seine Asche im Meer oder im Zürichsee verstreut wird, doch das konnte er der Mutter nicht antun. Dass er neben seinem Vater die letzte Ruhe finden konnte, ermöglichten erst zähe Verhandlungen mit dem Rathaus.

»Es ist wie eine Fahrt mit der Zeitmaschine«, schrieb Grill über den Weg nach Zürich. Im Satz »Der See schillert wie Quecksilber« leuchtete das Zwielichtige der Situation auf. Am Ende wird aus einer schockierenden, gnadenlosen Bestandsaufnahme eine Parabel der Hoffnung.

»Diese Geschichte ist kein Plädoyer für die Sterbehilfe«, sagte Grill nach längerem Schweigen. Auf seinen Vorschlag hin verzichteten die Zuhörer nach dem Vortrag auf Beifall. Es sei vielmehr ein Erfahrungsbericht, der auch die ganzen Gewissenskonflikte aufzeige. Er sei kein 100-prozentiger Befürworter der Sterbehilfe, aber dagegen, dass sie kriminalisiert wird, betonte der Autor. Ein anderes Thema war das »Geschäft mit dem Tod«. Grill lehnt den Aufbau einer kommerzialisierten, verselbstständigten Sterbehilfe-Struktur ab, erklärte aber auch, dass selbst in der Schweiz mit Freitodbegleitung kein Gewinn gemacht werden dürfe. Veronika Mergenthal