weather-image

Pleiten, Pech und Panzer

3.9
3.9
Bildtext einblenden
Dunkle Wolken über der Minenhalle: Die Baustelle der WTD 52 in Oberjettenberg trieb zwei Unternehmer zur Verzweiflung. (Foto: privat)

Schneizlreuth/Ramsau – Ein Taufkirchner und ein Ramsauer Bauunternehmer erheben schwere Vorwürfe gegen das Staatliche Bauamt. Denn bei der Planung und dem Bau der neuen Landminen- und IED-Detektionshalle in der Wehrtechnischen Dienststelle 52 (WTD) in Oberjettenberg ist nachweislich einiges schiefgelaufen. Inzwischen sind juristische Schritte eingeleitet.


Das Staatliche Bauamt in Traunstein baut derzeit im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland eine Hightech-Halle auf dem Gelände der WTD 52 in Oberjettenberg. Darin soll künftig Sondertechnik zum direkten Schutz vor Landminen und sogenannten Improvised Explosive Devices entwickelt werden. Was bisher in Freifeldversuchen stattfindet, soll nun in einem Gebäude unter steuerbaren Bedingungen untersucht werden.

Anzeige

Doch das Projekt stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Massive Baubeginnverzögerungen, permanente Umplanungen, organisatorische Schwächen und Kommunikationsprobleme. Das zumindest wirft der Taufkirchner Bauunternehmer Artur Oppenhorst dem Bauamt vor. Die meisten der Vorwürfe kann er anhand von Unterlagen, die dem »Berchtesgadener Anzeiger« vollständig vorliegen, beweisen. Auch die Firma Grassl Bau in Ramsau hatte mit der Baustelle massive Probleme. Inhaber Andreas Graßl hat das Staatliche Bauamt inzwischen verklagt.

»Ich war glücklich«

Los ging es, weil es nicht los ging. Artur Oppenhorst kann sich noch genau erinnern. Wenn man mit dem 53-Jährigen spricht, muss man unweigerlich an Kommissar Thiel aus dem Münster-Tatort denken. Oppenhorst schaut genauso aus und redet auch so. Ehrlich, geradeheraus, immer leicht grantelnd, aber gleichzeitig großherzig und lustig. »Es war um 11.45 Uhr am 19. Dezember 2014«, erinnert er sich. »Da haben wir den Auftrag per Fax bekommen. Ich war glücklich.« Am 15. April 2015, hätte es losgehen sollen. Volumen: 500 000 Euro. Ausführungszeit: fünf Wochen. Artur Oppenhorst hat diesen Zeitraum dann sofort geblockt, an keinen Ausschreibungen für diese Zeitspanne teilgenommen. Um »verzugsfrei« mit seiner 22-köpfigen Mannschaft starten zu können. Doch nicht einmal zwei Wochen vorher, am Gründonnerstag, dem 2. April, hat der Unternehmer vom Bauamt von einer »erheblichen Bauablaufstörung« erfahren. Der Beginn sollte sich bis in den Herbst verschieben. »Das war 'ne Bombe«, erinnert sich Oppenhorst. Denn der Unternehmer stand ohne Ersatzaufträge da. »Die Ausschreibungswelle im November war vorbei. Wir hatten keine Chance, etwas anderes zu kriegen«, sagt Artur Oppenhorst.

Der Unternehmer hat daraufhin zigmal gemailt und telefoniert, um Informationen vom Bauamt zu bekommen. Was nachweislich schwierig war, denn die Ansprechpartner dort hatten gewechselt. »Ich habe keine brauchbaren Informationen erhalten. Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen ist katastrophal«, betont Oppenhorst.

Am 18. November gab es dann ein Gespräch mit einem Sachverständigen, bei dem der neue Terminplan besprochen wurde. Als Beginn wurde Juli 2016 festgelegt. Soweit, so gut. Nur sind Oppenhorst in der Zwischenzeit erhebliche Stillstandskosten entstanden. Die er dem Bauamt in Rechnung gestellt hat. Alles in allem rund 800 000 Euro. Das Geld hat Oppenhorst nicht bekommen. Dafür eine pdf-Datei mit der Bayerischen Vergabeordnung. 850 Seiten. »Das Bauamt hat mich völlig alleine gelassen. Das hat die einfach nicht interessiert«, ärgert sich der Unternehmer. Im Januar hat er einen namhaften Baurechtler beauftragt. Bisher ohne Erfolg. Artur Oppenhorst ist kurz vor der Verzweiflung. »So etwas habe ich noch nie erlebt.«

Dabei ist Artur Oppenhorst ein ganz alter Hase im Baugeschäft. Seine Firma hat er gegründet, da war er gerade mal 18. Mit 24 hat er seinen Landschaftsbaumeister gemacht, dann in Essen Landespflege und Architektur studiert. Der Ingenieur ist stolz auf sein Unternehmen. Mit seiner »überschaubaren Truppe« und dem eigenen Maschinenpark hatte er in besseren Zeiten einen Jahresumsatz von 2 Millionen Euro erwirtschaftet, inzwischen über 600 Vorhaben, darunter mehrere Großprojekte, abgewickelt. »Mein Betrieb ist nicht bankenfinanziert. Ich bin der Chef und packe selbst mit an. Ich lege Wert auf eine professionelle Auftragsabwicklung«, stellt der 53-Jährige klar. »Auch beim Auftraggeber.« Und noch etwas. Die Firma Oppenhorst ist tiefbaukonzessioniert. »Nicht, dass da jemand meint, wir kommen mit dem Gärtnerschürzchen daher.«

Artur Oppenhorst ist zweifelsfrei ein Profi. Immer auf Achse, immer erreichbar. E-Mails beendet er mit dem Zusatz: »Sie können mich gerne anrufen. Ich bin von 6 bis 22 Uhr erreichbar. Für das Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« ist er extra von Palma nach München geflogen und dann frühmorgens mit dem Auto ins Berchtesgadener Land gefahren.

Als Profi erwartet Artur Oppenhorst einen professionellen Auftraggeber. Aber er sagt über das Bauamt: »Die Baustelle an sich ist super. Aber die Koordinierung und die Bezahlung sind unerträglich. Eine Mischung aus Inkompetenz und Vorsatz.« Zum Beispiel zahlt das Bauamt Rechnungen gar nicht oder kürzt den Betrag um mehr als die Hälfte. Bei Differenzen sei ein Einbehalt von 10 Prozent üblich, in Oppenhorsts Fall sind es 61 Prozent. Des Weiteren kritisiert der Unternehmer willkürliche und unrealistische Terminvergaben, Desinformation, Kündigungsdrohungen, Aufbauschung von Baumängeln und die Abwesenheit der Bauleitung vor Ort. »Wenn sich ein Bauträger so was erlauben würde, wäre ich schon längst beim Staatsanwalt«, stellt Artur Oppenhorst klar.

Ein paar handfeste Beispiele gefällig? Ein kleiner Auszug aus den geradezu unzähligen Baubehinderungsanzeigen, die Oppenhorst in den vergangenen Monaten gestellt hat. Der Lastwagen konnte das Material für die Asphaltierung nicht abladen, weil die zeitgleich hochgezogene Halle dafür zu niedrig ist. »Das muss man sich mal vorstellen. Die haben die Stützen für das Dach hochgezogen, während wir gleichzeitig den Boden gemacht haben. Lebensgefährlich war das«, so Oppenhorst. Des Weiteren wurde eine Treppe dreimal umgeplant. Gabionen mussten sogar sechsmal neu gesetzt werden, weil die Planung so laienhaft gewesen sei.

Unter den offensichtlichen Planungsfehlern leidet auch die Ramsauer Firma Graßl Bau. Inhaber Andreas Graßl hatte sich zunächst jede Aussage juristisch prüfen lassen, bevor er mit dem »Anzeiger« sprach. Schließlich ist die Bundesrepublik Deutschland ein relativ großer Gegner. Graßls Problem war, stark vereinfacht erklärt, folgendes: Der Boden der Minenhalle muss antistatisch beziehungsweise antimagnetisch sein. Und zwar zu 100 Prozent. Was die Firma Graßl nicht liefern konnte. Und somit raus aus dem Geschäft war. Ohne Bezahlung. Graßl teilt dazu mit: »Aufgrund Unstimmigkeiten mit den Auftraggebern sahen wir uns veranlasst, einen renommierten Sachverständigen einzuschalten. Dieser stellte fest, dass das vom Auftraggeber/Bauherren erstellte Leistungsverzeichnis eine Leistung vorgesehen hat, die technisch so überhaupt nicht ausgeführt werden kann. Zwischenzeitlich haben wir den Auftraggeber/Bauherren auf Zahlung des geschuldeten Werklohns verklagt.«

Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat Doris Lackerbauer, die Leiterin des Staatlichen Hochbauamtes in Traunstein, mit den erwähnten Vorwürfen konfrontiert. Die Bereichsleiterin gibt sich unbeeindruckt. Schriftlich räumt sie zunächst ein, dass es gleich zu Beginn Verzögerungen im Bauablauf gegeben habe. Die Maßnahme sei wegen der völligen Metallfreiheit ungewöhnlich und anspruchsvoll. »Dem Anspruch wurden leider nicht alle beteiligten Firmen gerecht. Das wenigstens erforderliche Maß an Zusammenarbeit blieb in diesem Fall dann leider auch aus. So verschob sich die Bauausführung in das Jahr 2016«, teilte Lackerbauer schriftlich mit.

»Kann Behinderungen so nicht bestätigen«

Die genannten Baubehinderungen könne sie »so auch nicht bestätigen«. Jeder Bauablauf habe seine Besonderheiten, so Lackerbauer weiter. »Als Vertreter des Bauherrn erwarten wir jedoch die Erfüllung der von uns beauftragten und geprüften Leistung. Diese Leistung wird auch vergütet, sofern Anspruch besteht.« Die Androhung einer Kündigung sei das »letzte Mittel der Wahl« und nur konsequent, »wenn etwas nicht passt«. Konkrete Antworten auf die »Anzeiger«-Fragen liefert Doris Lackerbauer nicht. Auch ist nicht klar, welche Gründe sie für eine potenzielle Kündigung heranziehen könnte.

Zum Schluss noch was Lustiges. Wie aus gut informierten Kreisen zu erfahren war, passen wohl die in der WTD stationierten Radpanzer gar nicht in die Halle, weil die lichte Höhe von 4,50 Meter unzureichend sei. Der Panzer habe einen Greifarm und könne in der niedrigen Halle nicht operieren. Deshalb müssen wohl zivile Fahrzeuge, wie die auf der Liegenschaft verwendeten Elektroautos, zum Einsatz kommen. Christian Fischer

- Anzeige -