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Potenzial zu etwas richtig Großem

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Margot Zeitvogel-Schönthier (Bild) und ihr Mann Holger ließen sich auch durch einen eineinhalbjährigen Stillstand am Kanal nicht aus dem Konzept bringen. Die beiden Karlsteiner blieben tatkräftig und zogen weiterhin wichtige Fäden.
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2020 wird Surfen olympisch. Vielleicht kann der rasante und außergewöhnliche Sport in Bad Reichenhall schon vorher auf einer künstlichen Welle ausgeübt werden. 2018 ist jetzt das Ziel. (Fotos: Bittner)

Bad Reichenhall – Um Visionen sind Margot Zeitvogel-Schönthier und ihr Mann Holger nicht verlegen. Ihre Vision der Saalachwelle lebt mehr denn je: »Wenngleich wir eineinhalb Jahre quasi verloren haben«, sagen die beiden Karlsteiner und sprechen für ihr siebenköpfiges Initiatoren-Team. Sie alle lassen sich durch die überraschend lange Verzögerung keinesfalls ausbremsen. Grund für den Stillstand im Kanal war das rund 18 Monate lang trockene Kanalbett zwischen Kirchberger Kraftwerk und Hauptflussarm, unter anderem hervorgerufen durch die Staumauer-Sanierung in Kibling sowie die Revision des Kraftwerks ab Oktober 2014. Das alles stoppte eingehendere Untersuchungen für die Saalachwelle. Das neue Umsetzungsziel lautet jetzt 2018.


Die verlorene Zeit haben die Projekt-Initiatoren genutzt, um bei Niedrigwasser beziehungsweise Leerstand Pegelmessstände zu installieren. Die Daten dokumentierte Holger Schönthier ab Oktober 2015 bis nach Abschluss der Revision im Mai 2016 täglich. Seine Messungen flossen in die zweite Machbarkeitsstudie ein. Ziel des zweiten Papiers unter der Leitung von Prof. Markus Aufleger von der Universität Innsbruck war es, den Einfluss einer Wellenanlage auf den Kraftwerksbetrieb zu untersuchen. Ergebnis: »Es lässt sich ein äußerst positives Resümee ziehen«, so Holger Schönthier.

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Seit 4. Dezember liegt die zweite, allerdings nicht öffentlich einsehbare Machbarkeitsstudie vor. Die Situation am Ende eines Ausleitungskraftwerks ist aus betrieblicher und ökologischer Sicht »in hohem Maße vorteilhaft« und somit »außergewöhnlich günstig«, heißt es. Prof. Aufleger schreibt in einem Mail vom 7. Juli: »Die Location ist wirklich herausragend und hat das Potenzial zu etwas richtig Großem.«. Der Einfluss auf das Kraftwerk sei bei größeren Abflüssen zwar vorhanden, aber nicht besonders intensiv. Jüngst übergab die heimische Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber das Papier an Bahnchef Rüdiger Grube. Letztlich ist die DB Energie das entscheidende Organ, gehört ihr doch der Grund, auf der die neue Attraktion entstehen soll.

Margot Zeitvogel-Schönthier und Holger Schönthier beweisen samt ihrem Team Ausdauer: Im August 2012 entstand die Idee zur Saalachwelle, seitdem wurden dutzende Gespräche geführt und noch weitaus mehr Briefe und E-Mails geschrieben. »Warum soll es bei uns nicht den ersten deutschen Olympiastützpunkt für das Surfen geben?«. Der Sport wird 2020 in Tokio olympisch. Bad Reichenhall könnte nicht nur zum Eldorado für Freunde des Wellenreitens, sondern zur ernsthaften Trainingsstätte für Profis avancieren. Mit im Boot der Unterstützer sind mittlerweile Skisprung-Olympiasieger Andreas Wellinger aus Weißbach, Eiskletter-Weltmeisterin Ines Papert aus Bayerisch Gmain, Extrem-Bergsteiger Thomas Huber, Rodellegende Schorsch Hackl und der Sportdirektor des Deutschen Ski-Verbandes, Wolfgang Maier aus Bischofswiesen. Die Verbindung mit einer jüngst ins Gespräch gekommenen Landesgartenschau 2020 würde womöglich weitere Potenziale erzeugen.

Das Team um Zeitvogel-Schönthier versucht mit Bedacht, dass Thema Saalachwelle nicht zum Politikum werden zu lassen: »Wir haben die Unterstützung aller Fraktionen im Stadtrat«. Das machte unter anderem die »Coldwater Challenge« im September 2014 deutlich. Dabei schoben einige Stadträte Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner als ersten Surfer auf einem Brett stehend durch den Kanal. Die politisch Verantwortlichen, Reichenhalls Stadtchef Lackner, Landrat Georg Grabner, Michaela Kaniber und MdB Dr. Peter Ramsauer stehen hinter der Saalachwelle, deren Facebook-Seite aktuell gut 3 000 Likes registriert.

Von einem Ortstermin im Januar versprechen sich alle jetzt einen großen Schritt Richtung Umsetzung. Mit 21 Metern Breite, eineinhalb Metern Höhe und 24 bis 60 Kubikmeter Durchfluss pro Sekunde wäre die Saalachwelle die erste dieser Art und die größte weltweit. Bad Reichenhall würde mit der Einrichtung ein völlig neues Klientel an jungen Leuten und Sportlern ansprechen. Ein paar Gegner kritisieren »massiv nötige Eingriffe« in die Natur. Holger Schönthier sagt dazu: »Die Anlage würde in einen künstlichen Kanal eingebaut«. Die Einwirkung in die Landschaft sei minimal, da die nötige Infrastruktur nahezu komplett vorhanden sei. Dem vor allem durch Leserbriefe ins Gespräch gebrachten Parkplatzproblem nehmen die Verantwortlichen den Wind aus den Segeln: Es gebe genügend Möglichkeiten in der Nähe, die Surfer seien gut zu Fuß, ansonsten könnten bei Veranstaltungen Shuttles eingesetzt werden. Die heimischen Gastgeber, die Gastronomie, Nahversorger und Fachgeschäfte würden von der Welle profitieren. Die Deutsche Bahn könnte als Namenspate auftreten.

Reine Wasserkraft

Der Umweltgedanke ist dem Saalachwellen-Team, dem unter anderem der Reichenhaller Merlin Schönthier als jüngster unter weltweit 47 Ausbildern für Surflehrer angehört, wichtig. Sein Vater Holger meint: »Im Gegensatz zu den meisten anderen künstlichen Wellenprojekten wird für die Erzeugung der Welle keine zusätzliche Energie benötigt. Unsere Welle würde aus reiner Wasserkraft entstehen.«

Die Universität Innsbruck kommt in ihrer zweiten Untersuchung zu folgenden Zahlen: Bis 30 Kubikmeter Durchfluss pro Sekunde erfolgt keine Wasserspiegelanhebung unmittelbar am Kraftwerk und somit sei weder eine Leistungs- noch eine Finanzeinbuße zu verzeichnen. »Bei diesem Durchfluss ist bereits eine attraktive Welle umsetzbar«, so Margot Zeitvogel-Schönthier. Ab 30 und bis 40 Kubikmeter – das entspricht laut den heimischen Experten bereits einer sehr guten Welle – betrage die Pegelanhebung nur 0,1 Meter. Bei 50 Kubikmeter, das wäre schon eine selten große Welle, würde sich der Wasserspiegel um 0,2 Meter anheben, die Leistung würde um 80 Kilowattstunden sinken.

Die Gründung einer GmbH zum Betrieb der Saalachwelle ist angedacht, sie könnte Stromeinbußen des Kraftwerks bei sehr hohem Kanalabfluss kompensieren. Beispielhaft wäre ein Interessenverbund zwischen DB Energie, der Stadt Bad Reichenhall und einer Saalachwellen-GmbH. Zum Vergleich: Die Münchner Eisbach-Welle spült jährlich rund 30 Millionen Euro in die Stadtkasse der Landeshauptstadt – hervorgerufen in erster Linie durch YouTube-Videos. Regelmäßig besuchen Weltmeister wie Gabriel Medina oder Adriano de Souza die Münchner Attraktion. Die Reichenhaller Welle wäre fast dreifach so breit und bei Top-Bedingungen doppelt so hoch.

Die Gedanken gehen bereits sehr viel weiter und versprechen Nachhaltigkeit: Im Vergleich zur EM-Welle am Münchner Flughafen müsste Bad Reichenhall selbst die Durchführung einer Weltmeisterschaft laut Initiatoren nicht scheuen. Die Kosten bei einer Surf-EM mit Verbleib der Anlage über vier Wochen betragen rund eine Million Euro. Nach der Errichtung einer Wellenanlage am sogenannten Unterwasserkanal in der Kurstadt würden jedoch keine weiteren Aufbau- oder Betriebskosten bei einer WM oder anderen Wettkämpfen entstehen. Hans-Joachim Bittner