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»Pragmatismus statt Ideologie«

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Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmer und Staatsregierung reden mit, wenn es um das Sonntagsverkaufsverbot geht. Die heimische CSU-Landtagsabgeordnete will sie alle unter einen Hut bringen. (Foto: Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Anders als etwa in Miesbach und anderen touristisch geprägten Orten in Bayern haben die Geschäfte am Königssee sonntags weiterhin geschlossen (wie berichtet). Grund dafür ist das die Bayerische Ladenschlussverordnung, deren Einhaltung von Landkreis zu Landkreis unterschiedlich stark überprüft wird. Sehr zum Ärger der Königssee-Geschäftsleute. Aktuell wird sich an der Situation aber kaum etwas ändern. »Der Druck in Bayern fehlt bislang«, sagt Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber (CSU) im »Anzeiger«-Interview. Und fordert eine bayerische Regelung für den Verkauf bestimmter Waren an Sonntagen.


Frau Kaniber, wären Sie eigentlich enttäuscht, wenn Sie als Urlauber zum Königssee kommen und die Geschäfte dort sind geschlossen?

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Michaela Kaniber: Selbstverständlich. Schauen Sie sich bekannte Urlaubsregionen an, da gehört es zum Normalfall, dass die Gäste ihr Geld ausgeben können. Denn das Verhalten hat sich vom reinen Einkaufen hin zum Decken von Freizeitbedarf entwickelt. Und da gehört für viele auch das dazu, was sie unter Tracht verstehen. Wenn wir den Tourismus fördern wollen, dürfen wir ihn nicht behindern. Dazu sind die umsatzstarken Zeiten zu kurz. Das sogenannte Shoppen gehört mittlerweile einfach zur Freizeitgestaltung dazu.

Ist diese Sonntagsregelung am Königssee nicht aus der Zeit gefallen? Wieso gibt es so strikte Verfechter?

Kaniber: Dass der Mensch Ruhezeiten braucht, ist nicht altmodisch. Und die Regelung entspricht geltendem Recht, in diesem Fall ist es das Bundesrecht. Wir alle schätzen und brauchen unsere Wochenenden. Viele Bereiche, wie etwa die Gastronomie, haben da flexible Lösungen. Deswegen brauchen wir eine Lösung im Landesrecht, wie es Baden-Württemberg mit dem Respekt vor Gottesdienstzeiten vormacht. Es geht immer um eine gesunde Mischung aus Ermöglichung und Schutz der Arbeitskräfte. Und dazu sind wir in ständigen Gesprächen, etwa mit den Kirchen und Gewerkschaften.

In vielen bayerischen Orten gibt es vergleichbare Geschäfte wie die am Königssee, die aber sonntags geöffnet haben. Wieso ist das möglich?

Kaniber: Weil uns eine einheitliche Regelung fehlt. Aber zur Wahrheit gehört auch: Nur wenige unterstützen dieses Anliegen, auch in Unternehmerkreisen. Die Frage ist: Wo ist zeitlich und geografisch eine Grenze? Wer darf wann was? Die bestehenden Ausnahmen können als Arbeitsgrundlage dienen, auch für unsere Region eine angemessene Lösung zu finden. Derzeit bestimmt eben der Bund Sortiment und Ausnahmen.

Sind am Königssee Fortschritte zu erwarten? Was müsste dazu passieren?

Kaniber: Das hoffe ich. Ich bin der Überzeugung, dass wir das Rad nicht neu erfinden müssen. Aber die Kunst liegt darin, in einem menschlichen Bedürfnissen angepassten Maß unsere Wirtschaftsstrukturen zu erhalten und zu fördern. Wie schon gesagt: Dazu brauchen wir Konsens mit Kirchen und Gewerkschaften und eine bayerische Regelung.

Werden Sie das Thema erneut auf die Agenda bringen?

Kaniber: Die Unternehmer müssen die besuchsstarken Zeiten nützen können. Immerhin leben sie davon. Wenn es uns gelingt, die berechtigten Anliegen zu vereinen, haben wir ein wichtiges Ziel erreicht. Deswegen werde ich mich mit Nachdruck für eine politische Lösung einsetzen. Die aber wird es ohne bayernweite Unterstützung kaum geben können. Da sind auch die Unternehmer selbst gefordert, ihre Kollegen zu motivieren. Die ewige Stadt Rom und ganz Italien haben am Sonntag sogar ihre Supermärkte offen und sind dennoch katholisch geblieben. Vielleicht sollten wir mehr Pragmatismus statt Ideologie in die Diskussion einbringen. Kilian Pfeiffer