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Ramsau knapp vor der Katastrophe

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Brenzlig wurde die Situation am Hintersee, als das Wasser sich seinen Weg bahnte. Foto: Anzeiger/Wechslinger

Ramsau – »Es stand Spitz auf Knopf, dass das Wasser aus dem Hintersee austritt.« Das sagt Bürgermeister Herbert Gschoßmann im Gespräch mit der Heimatzeitung. Was war passiert? Der Dauerregen hatte dazu geführt, dass der Klausbach, der das Wasser aus dem Hirschbichltal am Hintersee vorbeileiten soll, die Massen nicht mehr befördern konnte. Ein Damm brach. Der Hintersee war daraufhin um 1,5 Meter gestiegen. Mit zunächst unabsehbaren Folgen. Ein Vorwurf geht in Richtung der Behörden.


Idyllisch liegt der Hintersee in unverwechselbarer Lage. Am Sonntag hätte dessen Wassermassen aber ein Szenario einleiten können, das für kaum einen fassbar ist. »Wir können nur von Glück sprechen, dass nicht mehr passiert ist«, so Gschoßmann. Mehrere in der Sache Vertraute sprechen von möglichen Flutwellen, die sich durch den Zauberwald in die Ortschaft ergossen hätten. Drei bis vier Meter hoch. Ramsaus Bürgermeister kann das nicht bestätigen, zu vage sei, wie groß der Wasserverlust des Sees bei einer Katastrophe gewesen wäre.

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Fakt ist, dass der Wasserspiegel des Hintersees »extrem« angestiegen war, 1,5 Meter höher als gewöhnlich. »Das ganze Wasser führte dazu, dass der Abfluss bei der Seeklause nicht mehr richtig funktionierte, das Wasser nicht mehr geschluckt werden konnte.« Zusätzliche Gefahr bestand bei diversen Pfeilern, die die Baukonstruktion verankert. »Diese sind unterspült worden«, so Gschoßmann. Hätte die Seeklause nicht mehr gehalten, wäre mit einem Mal der See freigegeben worden, das Wasser aus dem rund 16 Hektar großen Hintersee gen Tal gerauscht. Mit unabsehbaren Folgen. »Das war wirklich knapp«, sagt der Gemeindechef einen Tag danach. »Der Ortsbereich war in höchstem Maß gefährdet.« Denn durch den Zauberwald hindurch wäre das Wasser geflossen, nach unten in den Ort.

Dass es so weit überhaupt kommen kann, kann Gschoßmann nicht begreifen. Denn die Behörden, allen voran das Wasserwirtschaftsamt Traunstein, haben immerzu bekräftigt, dass die getätigten Maßnahmen, etwa am Damm, ausreichend seien. Dieser war in den letzten Jahren hergerichtet worden. Dass viele der Bauaktionen nicht ausreichend seien beziehungsweise erst sehr spät in Angriff genommen wurden, bekräftigte eine Ramsauer Bürgerinitiative mit mehr als 400 Beteiligten bereits vor Jahren.

»Die Probleme sind seit langem bekannt«, so äußerten sich Vertreter der Initiative gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Demnach träten Naturereignisse mit schwerwiegenden Folgen in immer kürzeren Zeitabständen mit zunehmend negativen Auswirkungen auf. Die Vergangenheit habe schon oft gezeigt, dass erst nach Naturereignissen reagiert wurde, heißt es von Seiten des Bürgerzusammenschlusses.

Bereits 2006 hatte die Initiative mehrere Schreiben an die damalige Gemeindevertretung geschickt, an Mandatsträger und an das Ministerium. Um einen gewissen öffentlichen Druck zu erzeugen und aufzufordern, dass bekannte Gefahrenpotenziale »abgebaut werden oder durch Gutachten feststellen zu lassen, dass keine Gefahr in Verzug ist.« Etliche Maßnahmen folgten, diese waren aufgrund einiger Naturereignisse in den vergangenen Jahren, etwa dem schweren Felssturz mit 300 000 Kubikmeter Fels 1999 oder dem Hochwasser 2002, notwendig geworden. Immer wieder habe es auch Überlegungen gegeben, ein Rückhaltebecken für die Ramsau zu bauen, also ein künstlich angelegtes Becken, rund 500 000 Euro teuer, das größere Geschiebemengen zurückhalten kann – »für den Notfall wäre das wichtig«, so äußerte man sich bei den Teilnehmern der Ramsauer Bürgerinitiative gegenüber der Heimatzeitung noch im vergangenen Jahr.

Jetzt ist der Notfall eingetreten und Herbert Gschoßmann weiß, wie nah man an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist. »Man muss den Klausbach in Zukunft anders behandeln als bisher.« Die Priorität müsse deutlich erhöht werden. »Da muss jetzt unbedingt sofort etwas passieren«, ist sich der Gemeindechef sicher. Seine Aufforderung zu handeln, richtet er klar in Richtung Wasserwirtschaftsamt. Vertreter der Institution hatten sich für Montag zu einer Vor-Ort-Besichtigung angekündigt. Ein erneuter Starkregen könnte die in Mitleidenschaft gezogene Seeklause brechen lassen, vermutet Gschoßmann, das Unglücksszenario wäre dann eingetreten.

Der stark beschädigte Damm müsse also ausgebaut, verstärkt, eventuell sogar erhöht werden. Auf die Wartebank verschieben? Das ist in Augen des Gemeindechefs fahrlässig. »Die Maßnahme hat Toppriorität.« Immerhin sei genau das Szenario eingetreten, das die Bürgerinitiative bereits im Jahr 2006 skizziert hatte. Und damals wurde sie nicht ernst genommen. Kilian Pfeiffer