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Ramsau punktet mit alpiner Kompetenz

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Der Titel »Bergsteigerdorf« ist noch nicht endgültig vergeben. Deshalb stießen die Verantwortlichen gestern erst einmal auf die WM-Titel von Skibergsteiger Toni Palzer an. Auf dem Bild (v.l.): Nationalparkchef Dr. Michael Vogel, Touristinfo-Leiter Fritz Rasp, Skibergsteiger Toni Palzer, Bürgermeister Herbert Gschoßmann und DAV-Sektionsvorsitzender Beppo Maltan. (Foto: Kastner)

Ramsau – Die größte Bergführerdichte in einer deutschen Gemeinde, ein breites Angebot an alpinen Unternehmungen, ein beschauliches Familienskigebiet ohne Beschneiung und Massenandrang, Heimat eines Weltklasse-Skibergsteigers sowie hohe alpine Kompetenz der Einheimischen – eigentlich ist die Gemeinde Ramsau schon seit Jahrzehnten ein Bergsteigerdorf. Doch nun strebt die Nationalparkgemeinde auch diesen offiziellen Titel an, den der Deutsche Alpenverein ziemlich sicher noch heuer an die Ramsau vergeben wird. Da freuen sich alle Beteiligten und vor allem Bürgermeister Herbert Gschoßmann: »Es geht bei unseren Angeboten um Nachhaltigkeit. Wir brauchen keinen Event-Tourismus.«


Der Weg zum Bergsteigerdorf war für die Gemeinde Ramsau anfangs holprig. Schließlich hatte Hinterstein im Allgäu im Rennen um den ersten Titel auf deutschem Boden lange Zeit die Nase vorn. Doch in Hinterstein stehen dem Projekt derzeit noch die Pläne für den Bau eines Pumpspeicherkraftwerks im Weg. »Und außerdem haben wir dann bei der Bewerbung ziemlich schnell aufgeholt«, sagt der Ramsauer Touristinfo-Leiter Fritz Rasp. Zusammen mit Bürgermeister Herbert Gschoßmann, DAV-Sektionsvorsitzendem Beppo Maltan und Nationalparkchef Dr. Michael Vogel konnte man den DAV davon überzeugen, dass kein Ort besser zum Bergsteigerdorf geeignet ist als die Ramsau. Die Eignung stellte der DAV auch kürzlich offiziell fest – und so ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann die entsprechende Urkunde übergeben wird.

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Glücklich mit der Entwicklung ist auch der Gemeindebürger Toni Palzer. Mit ihm konnten die Projekt-Verantwortlichen einen der weltbesten Skibergsteiger als Werbeträger und Aushängeschild gewinnen. »Ich weiß, dass es auch woanders schön ist«, sagt Palzer und ergänzt: »Aber in der Ramsau ist es schon brutal schön!« Für ihn ist die Ramsau das Musterbeispiel eines Bergsteigerdorfes. »So ein Titel ist eine Auszeichnung und eine Würdigung für unser Dorf«, stellt der junge Ausnahmesportler fest.

Wenn man mit den Verantwortlichen über das Projekt Bergsteigerdorf spricht, dann wird schnell deutlich, dass nicht unbedingt revolutionäre Veränderungen geplant sind. Vielmehr werden Charakteristika der Gemeinde ins Feld geführt, die es schon seit Langem gibt. »Wir in der Ramsau sind nicht Teil des alpinen Skizirkus'. Wir setzen stattdessen auf Nachhaltigkeit, auf Skitouren, Schneeschuhwanderungen und Winterwandern«, sagt Fritz Rasp und ergänzt: »Wir müssen nicht irgendwelchen Großevents nachrennen.« Um seine Aussagen zu unterstreichen, präsentiert Rasp den neuen Folder »Winterträume«.

Der Pluspunkt bei den Ramsauer Plänen ist, dass die Bevölkerung fast geschlossen hinter dem Projekt steht. Die Abstimmung im Gemeinderat war einstimmig und bei einer Diskussion haben sich nach Schätzung Rasps rund 95 Prozent der Ramsauerinnen und Ramsauer für die Bewerbung zum Bergsteigerdorf ausgesprochen. Für DAV-Sektionsvorsitzenden Beppo Maltan ist das auch eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung. »Ich habe aus vielen Gesprächen in österreichischen Bergsteigerdörfern erfahren, dass die Bergsteigerdörfer nur da florieren, wo die Bevölkerung mit im Boot ist.« Dennoch ist Maltan vom Erfolg des Projekts überzeugt und verspricht, sich im DAV-Verbandsrat für entsprechende Werbemittel einzusetzen. »Für mich steht fest, dass sich der Alpenverein hier einbringen muss«, sagt der Sektionsvorsitzende. Er weiß aber auch, dass man sich vor Ort Gedanken über die Lenkung der Touristen machen muss: »Wir müssen schauen, wie wir die Besucherströme leiten, ohne die Natur zu schädigen.«

Von der Auszeichnung Bergsteigerdorf erhofft man sich in der Ramsau auch die Bereitstellung von EU-Fördermitteln für bestimmte Projekte. Noch wichtiger aber könnten neue Möglichkeiten des Marketings sein. »So eine Auszeichnung ist ein Alleinstellungsmerkmal. Schon jetzt ist enormes mediales Interesse vorhanden«, sagt Bürgermeister Gschoßmann. Nationalparkchef Dr. Michael Vogel pflichtet ihm bei und betont: »Auf diesem Weg können die Einheimischen aus dem eigenen Kapital etwas machen. Man braucht nicht immer einen Großinvestor.« Besonders freut sich Vogel, dass mit diesen Plänen auch die Ziele der Alpenkonvention verfolgt werden. Deshalb wird sich der Nationalpark an der Umsetzung beteiligen. Das kann mit infrastrukturellen Angeboten genauso geschehen wie mit Führungen und Vorträgen.

Im April soll es eine Klausurtagung geben, auf der unter anderem die Ziele des potenziellen Bergsteigerdorfes beraten werden. Geplant ist bereits der Ausbau der Elektromobilität durch die Förderung von E-Bikes. Die Gemeinde soll ein Elektro-Dienstfahrzeug erhalten und am Rathaus wird es eine E-Tankstelle geben.

Derweil denkt der Berchtesgadener Alpenvereinschef Beppo Maltan bereits eine Runde weiter. Seine Vision ist die Schaffung einer Bergsteiger-Region im südlichen Landkreis Berchtesgadener Land. »Das könnte parallel zu den Bergsteigerdörfern mit gelockerten Kriterien funktionieren.« Ohnehin könnte es mit der Marktgemeinde Marktschellenberg ein weiteres Bergsteigerdorf im südlichen Landkreis geben. Zumindest steht die Marktgemeinde auf einer DAV-Liste mit potenziellen Bergsteigerdörfern.

Trotz positiver Bewertung der Ramsauer Pläne bleibt Bürgermeister Herbert Gschoßmann realistisch. »Hier geht es in erster Linie um eine Tourismus-Philosophie. Es wird schwer zu beurteilen sein, ob es sich tatsächlich im Geldbeutel rentiert. Und es wird ein langer Weg werden.« UK

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