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Regen als Chance, zur Besinnung zu kommen

3.4
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Schönau am Königssee – »Jetzt brauch' i a Maß Bier«, sagt Kaspar Brandhofer, als er endlich den ersehnten Gasthof in St. Bartholomä erreicht hat. Der groß gewachsene Bauer und Hufschmied aus Irschenberg war in seiner farbig bestickten Lederhose das erste Mal bei der »Almer Wallfahrt« dabei – und ließ sich vom nassen Wetter nicht entmutigen. »So was macht mir nix aus.« Besonders die Bergmesse, die Predigt, das Weisenblasen und die Felsen-Wildnis des Steinernen Meers haben ihn begeistert. »Des war echt bärig. I werd' wieder mitgeh'.« Mit strammem Schritt ist er zügig sein eigenes Tempo gegangen, bestellt aber gleich für seinen Spezl, der noch auf dem Wallfahrtsweg ist, eine Maß mit. Etwa 600 bis 800 eiserne Wallfahrer gingen am Samstag die älteste Hochgebirgswallfahrt Europas mit.


Bei richtig schönem Wetter, das es seit 2007 nicht mehr gab, beteiligen sich schon einmal über 2 000 Menschen an der 1688 erstmals erwähnten Bartholomä-Wallfahrt. 1951 wurde die alte Tradition von der Trachtenmusikkapelle Maria Alm, die ihre Instrumente alljährlich über das Gebirge trägt, wieder belebt.

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Bei Regen mussten die Wallfahrer heuer in Maria Alm losgehen. Einige alpin weniger Erfahrene kehrten bei den ersten ausgesetzten Stellen um. Bei der zweiten Hälfte des steilen Aufstiegs war Petrus gnädig und schloss die Himmelsschleusen bis zum letzten Musikstück bei der Bergmesse am Riemannhaus – und später wieder beim mittäglichen Almsegen vor dem Funtensee. Den Gottesdienst leitete Christian Schreilechner, Stadtpfarrer von Zell am See. Pater Kajetan, Kaplan in Unterstein und Ramsau, und der Gast-Priester Andreas Schweimer konzelebrierten.

An der Landesgrenze bat der Maria Almer Bürgermeister Alois Gadenstätter die frühere Grenzpolizei nach altem Brauch um Einlass ins »boarische Land«. Franz Sommerauer, Vize-Polizeichef in Berchtesgaden, gewährte ihn gerne. Nach der obligatorischen Schnapskontrolle durch Hans Lindner vom Zoll wurden die Musikanten von der Polizei zu Bier und Würstel eingeladen. Frisch gestärkt ging es zum Kärlingerhaus, wo die Kapelle Ehrenmärsche spielte.

Nach etwa 1 400 Höhenmetern im Auf- und Abstieg erreichten die Wallfahrer den Kiesstrand am Eisbach in St. Bartholomä. Dort wurden sie von Nationalparkleiter Dr. Michael Vogel und seinen Waldarbeitern mit Bier empfangen. Als Begrüßungskomitee waren unter anderen Bürgermeister Hannes Rasp mit Frau Timmi, Altbürgermeister und Ehrenbürger Stefan Kurz, Polizeichef Günter Adolf, Schifffahrtsdirektor Michael Grießer und Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber da. Zweiter Bürgermeister Richard Lenz hieß die Wallfahrer willkommen und dankte allen, die zum Gelingen der Wallfahrt mithelfen. »Jeder Wallfahrer hat sein eigenes Anliegen, warum er mitgeht«, sagte Lenz. Ganz »offiziell« begrüßte er seine Mutter, die seit 15 Jahren jede Wallfahrt mitgeht, egal bei welchem Wetter, weil sie das nach dem schweren Skiunfall ihres Sohns versprochen hatte.

Nun wurden in euphorischer Freude, dem Wetter getrotzt zu haben, Erlebnisse ausgetauscht. Rosa Huber aus Palling, die ihre Premiere hatte, blieb der einen Augenblick währende Aufgang der Sonne, die in die schneebedeckten Berge strahlte, im Gedächtnis. »Mia zwoa ham eigentlich ausg'macht: Wenn's regnet, gemma net. Dann hamma uns in Traunstein troffa, und dann samma einfach g'fahrn«, erzählt Maria Mayer aus Waging über sich und ihre Freundin Bernadette Egger-Steffl aus Petting. Diese ist von der Tracht der Österreicher und der Predigt über Bartholomäus, der gehäutet wurde und den der Pfarrer »eine gute Haut« nannte, fasziniert. »Einfach des Geh'« nennt Anna Zeltsperger aus Tittmoning eines der Geheimnisse der Wallfahrt. Der »Gruppenzwang« sei schuld, dass sie bei dem Sauwetter hier sind, sagen die Rupertiwinklerinnen lachend.

Mit einem Dirndl haben sich die Schwestern Beatrice und Gunhild, beide Töchter von Herbert Klein, der 1953 die Jennerbahn gebaut hat, für den Empfang der Wallfahrer schön gemacht. Jedes Jahr besucht Beatrice, die im Odenwald lebt, ihre Schwester in Berchtesgaden zur Wallfahrt. »Nächstes Jahr nehm' ich einen Hund mit, der mich zieht, oder lasse ein paar fesche Madln vor mir gehen«, scherzt Heinrich Hafner aus Übersee. Der 75-Jährige hat sich zum zehnten Mal auf den Weg gemacht. Silvia aus Bernau und Gerhild aus Kärnten entspannen sich im Gastgarten in St. Bartholomä bei heißen Getränken. Ihnen gefällt, dass die Musikkapelle mitgeht und unterwegs öfter spielt.

Bereits die dritte Wallfahrt absolvierte Pater Kajetan. Dank seiner ersten Wallfahrt vor Antritt der hiesigen Kaplanstelle habe er viel besser Kontakt zur Bevölkerung hier gefunden, verrät er. Entlang des Wegs fand er auch heuer jede Menge neuer Fans. »Heute sind die Leute wegen Gott mitgegangen, nicht wegen dem Tourismus. Heute ist das echte Buße«, erklärt er. Nebenbei hat er eine neue Leidenschaft entdeckt: das Dirigieren. Auch das Kamerateam des Bayerischen Fernsehens, das für die Serie »Wirtshausgeschichten« über die Almer Wallfahrt drehte – der Beitrag wird im Sommer 2015 gesendet –, ist begeistert von dem humorvollen Pater und filmt ihn immer wieder.

Dass man beim schlechten Wetter besser zur Besinnung kommt als bei gutem, findet auch der Maria Almer Bürgermeister. Die positive Energie und das innige Gebet der Wallfahrer waren förmlich spürbar bei der Abschlussandacht in Maria Alm. Der Untersteiner Pfarrer Herwig Hoffmann leitete sie und stellte in einer lebensnahen Predigt die Heiligen in den Mittelpunkt: Als suchende Menschen seien diese mit allem vertraut gewesen, was auch uns heute bewegt.