weather-image
18°

Rehkitz Bezi wickelt jeden »um den Finger«

3.8
3.8
Bildtext einblenden
Ein Herz und eine Seele: der neunjährige Flori und Rehkitz Bezi. (Fotos: Pfeiffer)
Bildtext einblenden
Die ersten Stehversuche klappen – hin und wieder plumpst Bezi aber noch auf den Boden.
Bildtext einblenden
Viel Freude, aber auch viel Arbeit haben derzeit Ziehmama Elisabeth Lehmhofer und ihre Kinder Anna Lena und Flori.

Schönau am Königssee – Ganz schön wackelig ist die kleine Bezi noch. Kein Wunder: Das Rehkitz ist auch erst knapp drei Wochen alt. Gefunden hat es Elisabeth Lehmhofers Vater, ein Jäger, am Pfingstmontag am Wegesrand Richtung Grünstein. Der Fuchs war schon da gewesen, Bezi war verletzt am Kopf, hatte einen Holzsplitter im Auge, aber sie lebte noch. Und von der Rehkitz-Mama weit und breit keine Spur.


Was also tun? Elisabeth Lehmhofers Vater hat das Rehkitz schließlich mit nach Hause genommen, es zum Tierarzt gebracht, dort aufpäppeln lassen. Und dann die Sache in die Hand der Tochter gelegt. »Ich wurde erst gar nicht gefragt«, sagt Elisabeth Lehmhofer, sie lacht dabei, denn in der Tat schaut der Alltag, seitdem Bezi Teil der Familie ist, anders aus als zuvor. Alle zwei Stunden braucht das kleine Rehkitz, das anfangs gerade 1 600 Gramm auf die Waage brachte, Milch. Ziegenmilch. 60 Milliliter pro Portion. Vergleichbar mit einem menschlichen Baby sei die kleine Bezi, sagt die Ziehmutter. Ständig verlangt das auf den Beinen noch wackelige Tier das »Fläschchen«. Besser gesagt die Spritze. Inklusive selbst gebasteltem Schlauchaufsatz, der als Nuckelersatz dient.

Anzeige

Elisabeth Lehmhofer hatte anfangs keine Ahnung, auf was sie sich da einlässt. Im Internet hat sie sich bei einer Rehkitzaufzuchthilfe schlau gemacht, um erst einmal die Grundlagen kennenzulernen. Viel Zeit und viel Aufmerksamkeit erfordert Bezi, das kleine Kitz. Mit den großen, runden Augen ist der Knuddelfaktor besonders groß. Wer nicht genau hinsieht, möchte meinen, bei Bezi handle es sich um ein »Steiff«-Kuscheltier. Was nur fehlt, ist der Knopf im Ohr. Ausnahmslos jeder Besucher ist begeistert vom Rehkitz, das bei den Lehmhofers mittlerweile zum Katzenersatz geworden ist.

Tiere gab es in der Familie bislang keine, nur ein paar Fische schwimmen durch ein Aquarium. Mit Bezi schaut die Sache anders aus, was vor allem den neunjährigen Flori und seine Schwester, die 14-jährige Anna Lena, freut.

Bezi liegt auf der Couch, zusammengerollt wie ein kleiner Hund. Sie schnuppert nach oben. Rehe riechen besonders gut. Sie nehmen bereits geringe Duftreize wahr und erkennen Menschen aus bis zu 400 Metern Entfernung. Menschenscheu ist Bezi nicht: Als sich Flori neben das Rehkitz auf die Couch setzt, schaut das Kitz etwas verwundert und nähert sich mit lang gestrecktem Hals Floris Kopf, der mit seinem Gesicht nur noch wenige Zentimeter von Bezi entfernt ist. Die spitze Nase, Jäger nennen das beim Reh auch Windfang, berührt nun Floris Stirn. Er hält inne, Bezis Zunge schleckt über Floris Gesicht, ganz wild ist das drei Wochen alte Tier, ja keine Stelle auszulassen. Kleine Stupser zeugen davon, dass es Bezi gefällt, erwidert wird das Ganze durch Floris Streicheleinheiten. Anna Lena krault nun das Rehkitz, Mama Elisabeth nimmt es auf den Arm – obwohl es dann schon mal sein kann, dass Bezi wild zum Strampeln beginnt. Denn die Beine sind sehr lang, ausgelegt zum Springen, zum Flüchten, je nach Situation.

Zu Hause in der Wohnung gibt es dafür allerdings keinen Grund. Bezi läuft vom Wohnzimmer aus in die angrenzenden Räume – und wieder zurück. Nur die Küche versucht sie zu meiden. Ein Fliesenboden hindert das Kitz am Laufen. Zu rutschig ist es dort. Da gilt es dann, die Balance zu halten.

Anderenfalls klappen die Beinchen nach links und rechts und der kleine Körper, mittlerweile rund drei Kilo schwer, plumpst auf den Boden. Geschlafen wird im komfortablen Hundebett inklusive zweier Kissen – oder aber im Bett der Ziehmama. Elisabeth Lehmhofer lacht dabei. Was soll sie schon machen, immerhin ist das »Ziehkind« doch so unverschämt süß ... Elisabeth Lehmhofers Vater hat Bezi mittlerweile eine Art Gehege gestaltet. Ein ein Meter hoher Zaun verläuft im Garten um eine Fläche im Freien, zusätzlich ein engmaschiges Netz, damit der Rehkitz-Kopf nicht durchpasst. Ein paar Büsche und Bäumchen wachsen hier, Bezi hat einen kleinen Unterschlupf, hier kann sie sich verstecken. Tagsüber ist sie gerne draußen, nachts natürlich in der Wohnung, bei den Lehmhofers auf der Couch. Bezi wird auch in Zukunft Teil der Familie sein. »Ein Jahr bleibt sie definitiv bei uns«, sagt Mama Elisabeth, mittlerweile Expertin im Verfüttern von Ziegenmilch. Im Gehege äst Bezi dann schon mal ein paar Löwenzahnblätter, schnuppert an der guten Erde. Auch wenn die Arbeit nicht weniger werden dürfte, sind die Lehmhofers doch froh, Bezi zu haben. Ein Blick in die Rehkitzaugen reicht aus – und man ist hin und weg.

Kilian Pfeiffer