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Reisebus gegen Motorrad

3.4
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Laufen/Berchtesgaden – Das Motorrad habe er erst gesehen, als es da war, erklärte der 62-jährige Busfahrer aus der Oberpfalz. »Und dann hat's schon gekracht.« Dabei hätte der Mann die Straße hinauf zum Obersalzberg gar nicht befahren dürfen, war sein Bus mit 13,7 Metern doch deutlich über den zulässigen zehn Metern. Sein Einspruch gegen einen Strafbefehl blieb erfolglos, Richter Dr. Karl Bösenecker blieb bei der fahrlässigen Körperverletzung und entschied auf 30 Tagessätze zu je 20 Euro.


Der Geselligkeitsverein »Höhe 308« wollte an diesem 24. Juli 2014 auf den Kehlstein. Dazu bog der Fahrer von der Bundesstraße 319 an der Ortsausfahrt von Berchtesgaden ab. Das hätte er nicht tun dürfen, denn die kurvenreiche Steigungsstrecke ist nur für Fahrzeuge bis maximal zehn Metern Länge zugelassen.

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Und dann stand da auf der rechten Fahrbahn an eher unübersichtlicher Stelle dieser Möbeltransporter mit eingeschalteter Warnblinkanlage, der gerade entladen wurde. »Ich bin zunächst hinter dem Lkw stehen geblieben«, berichtete der angeklagte Busfahrer, »und dann im Schritttempo nach links ausgeschert.« Dabei habe er gesehen, wie das erste Fahrzeug des Gegenverkehrs langsamer wurde und schließlich stehen blieb, woraus er schloss: »Der lässt mich vorbei.« Doch dann kam das Motorrad.

»Ich kenne die Strecke gut, ich fahre die öfter«, sagte der Motorradfahrer, ein 51-jähriger Handwerksmeister aus Kraiburg. Er habe nicht wie vom Busfahrer dargestellt, die Autos des Gegenverkehrs ganz knapp vor dem Lkw überholt, sondern bereits Hunderte Meter vorher. Und das in moderatem Tempo. Das bestätigte auch ein 79-jähriger Rentner aus Lünen, einer der dem Bus entgegenkommenden Pkw-Fahrer.

Der Motorradfahrer bremste und versuchte schließlich zwischen Lkw und Bus durchzukommen. Was nicht gelang. Er krachte gegen die Front des Busses, stürzte und verletzte sich schwer. Unter anderem musste er an der Schulter operiert werden.

»Sie sehen an dieser Stelle nichts«, hielt Nebenklägervertreter Wolfgang Gulden dem Busfahrer mit Blick auf die Bilder am Richtertisch vor. Warum er denn als erfahrener Busfahrer nicht einen Fahrgast habe aussteigen lassen, der ihn und den Gegenverkehr anweise? »Wenn's den zammfahr’n, bin ich schuld«, lehnte der Busfahrer ein solches Vorgehen kategorisch ab. Der Reiseleiter, ein 29-jähriger Angestellter aus Weiden, stützte dagegen die Version des Angeklagten. Auch er sagte, er habe zunächst den fast schon stehenden Gegenverkehr gesehen, dann erst das Motorrad. »Der war plötzlich da.«

Staatsanwalt Thomas Wüst sah die angeklagte fahrlässige Körperverletzung bestätigt. »Der Angeklagte hat das Motorrad einfach übersehen.« Wüst plädierte auf eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 30 Euro. Von einem Fahrverbot wollte er absehen.

Rechtsanwalt Gulden räumte ein, dass ein solcher Fehler auch dem erfahrensten Kraftfahrer unterlaufen könne. Eine Nebenklage sei nur deshalb notwendig geworden, »weil sich die Versicherung querstellt«.

Als nicht völlig erwiesen sah Rechtsanwältin Anja Semmelmayr den Sachverhalt. Das plötzliche Auftauchen des Motorradfahrers lasse einen Schluss auf das vorangehende Geschehen zu, jedenfalls sei es nicht auszuschließen. Die Verteidigerin des Busfahrers plädierte auf Freispruch.

Diese Ansicht teilte Strafrichter Dr. Karl Bösenecker nicht. Abgesehen davon, dass der Bus dort nicht hätte fahren dürfen und der Lkw »an einer saublöden Stelle« gestanden habe, habe sich der Angeklagte fahrlässig verhalten. Daher verhängte er 30 Tagessätze zu je 20 Euro, dazu die Kosten des Verfahrens und die Kosten des Nebenklägers muss der Busfahrer tragen. Hannes Höfer