weather-image
29°

Rock gegen Regen

2.5
2.5
Bildtext einblenden
Die »Escape Artists« aus Wien gestalteten ein furioses Finale auf der Bühne. (Fotos: Tessnow)
Bildtext einblenden
Langsam füllte sich der Rathausplatz.
Bildtext einblenden
»Jaywalk« begeisterten die heimischen Fans.
Bildtext einblenden
Heimlicher Star des Abends: Gitarrist Aaron Buchner.

Berchtesgaden – Es ist ärgerlich, wenn ein dreistündiges Sauwetter eine monatelange Organisationsarbeit bedroht und somit alle Bemühungen fast die Ache heruntergeflossen wären. Umso willensstärker jedoch zeigten sich Jugendreferentin Sabine Wimmer und ihr Team der »Jugend-AG«. Im Verbund mit fünf knackigen Bands trotzten alle den Launen der Natur. Auch das seit Jahren treue Stammpublikum kam gerne wieder und garantierte für ein gut gestimmtes Open-Air-Festival am Samstagabend rund um das Gemeindegebäude.


Da macht man einmal im Jahr so ein »Ding« und dann das: Pünktlich zum Soundcheck und kurz vor Beginn des Multikonzerts krachte und schüttete es vom Himmel. Nur ein kurzer Schauer? Leider nicht. Risiko Open Air. Die ersten zwei Stunden der achten Auflage von »Rock am Rathaus« standen somit unter keinem guten Stern. Die anfangs überschaubare Gästezahl duckte sich daher lieber unter die Schirme, hoffte auf Wetterbesserung und klammerte sich an das heimische Hopfengetränk. Die Techniker aber zogen unbeirrt den Soundcheck durch. Hier noch ein wenig lauter und da noch ein bisserl leiser gedreht. »Im Monitor mehr Mitten, bitte.« »Passt.« Wird schon werden. Kann losgehen.

Anzeige

Punkt 18 Uhr hatten dann »Manfred & Klaus« das schwere Los, als Opener mit Folkrocksongs das Festival zu eröffnen. Alex am Cajon ergänzte das Duo mit perkussiven Elementen. Aber es goss weiterhin unaufhörlich in Strömen und gerade mal geschätzte dreißig Zuhörer verloren sich vor dem Rathaus. Abbruch? Keineswegs. Alle Mitwirkenden ließen sich durch den massiven Regen die Stimmung nicht vermiesen. Der Abend wurde letztlich bravourös und mit viel Herzblut aller durchgezogen.

Als zweite Band stieg »Acoustic Black« auf die Bühne. Frontmann Franz Haas beeindruckte mit seinen charismatischen Vocals. Zu allem Unheil war Gitarrist Nico Preussner kurz vor dem Auftritt auch noch die Gitarre zerbrochen. Schnell improvisierte das Team der »Jugend-AG« und organisierte ein sechssaitiges Ersatzinstrument – der Gig war gerettet. Viel Folk- und Reggae-Rhythmik hatten die Freilassinger Acoustic-Rocker im Repertoire.

Trudelten zu Konzertbeginn die Leute noch spartanisch ein, war der Rathausplatz jetzt gut gefüllt. Und langsam kam auch die gewünschte Stimmung auf. Gegen 20 Uhr war der Regen weggerockt. Der Grund: »Resonant of Mind« erzeugten einfach ein Gegengewitter. Das Burghauser Posthardcore-Quartett hatte mit Aaron Buchner einen Ausnahmegitarristen am Start. Seine einzigartigen virtuosen Fingerfertigkeiten im Tapping mit Deeptuning verliehen der Truppe ihren typischen Brachialsound. Unterstützt vom Drummer Philipp und seiner Doppelbasspower, donnerte die Formation mit ihrem ausdrucksstarken Songmaterial und entsprechendem »Wumms« eine kräftige Ansage in den grauen Himmel. Progressiver Style in Form einer kräftigen Klangmauer. Der Regen gab auf. Aus allen Ecken des Schlossplatzes und des Kurgartens strömten nun die meist jungen Zuhörer zum Festival und der Abend wurde, wie er werden sollte.

Die Lokalmatadore »Jaywalk« überraschten anschließend mit einem schönem Auftrittsfinale. Songs aus der Feder von Sänger Detlev Knoll wie »Blue Eyes« und das nicht ganz jugendfreie »My girl« erfreuten die Fans. Diese enterten die Rampe und man feierte sich gegenseitig. Das Publikum unten klatschte und tanzte mit.

Viele Jugendliche nahmen sich während des Open-Airs kurz eine akustische Auszeit und flanierten zurück zum Schlossplatz. Das ergab zur späten Stunde dann ein sommerlich ausgelassenes Ambiente. Alles blieb friedlich. Dafür sorgten auch Security-Mitarbeiter. »Wildbieseln« und Flaschenbruch wurde somit unterbunden. Neu in diesem Jahr war die Ausleuchtung rund um das Gelände.

Zum finalem Line-Up krachten dann die Wiener »Escape Artists« über die Bretter. Schneller poppiger Punk mit der quirlig rockenden Frontfrau Pia am Mikro. Beim Bassisten wirbelten die Haare gegen die Saiten. Die Lightshow erzeugte wirre Farben. Vor der Bühne hatten »Headbanger« ihren Spaß. Auch bizarre Gestalten waren jetzt im Publikum zu sehen. In der nächtlichen Luft lag ein duftendes Gemisch aus Gewitterdampf und Grillgut. Um 23 Uhr brachte ein Nachtschwärmerbus die weiterhin Erlebnisdurstigen kostenlos zur »Kaserbar«.

Wer glaubt, dass das Festival nach dem letzten Ton zu Ende war, der irrt. Dann ging die Arbeit der »Jugend-AG« mit Unterstützung des Bauhofs erst richtig in den Endspurt. Die Bühne musste abgebaut, der Rathausplatz gefegt und der Backstage-Raum geputzt werden. Der wurde von der »Berchtesgadener Tafel« zur Verfügung gestellt. Dort konnten die Musiker ihre Instrumente stimmen und ein letztes Mal den Plan diskutieren. Noch am frühen Sonntagmorgen waren Sabine Wimmer und ihr Team damit beschäftigt, die Relikte der Nacht zu beseitigen. Wer über das verlassene »Schlachtfeld« schlenderte, bemerkte nichts mehr. Der Rathausplatz war blitzblank. Keine Kippe klebte mehr zwischen den Ritzen der Pflastersteine. Alle Müllkübel sauber, die Bänke gerade gerückt. Eine schöne Jahresshow. Regen weg. Rock weg. Und das Rathaus steht auch noch. Die Gardinen können wieder zugezogen werden.

Mehr Bilder von dem Musikfestival gibt es online unter www.berchtesgadener-anzeiger.de. Jörg Tessnow