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»Rock'n Roll Rendezvous« im Kongresshaus

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Die »Spider Murphy Gang« kam zum »Rock'n Roll Rendezvous« ins Kongresshaus Berchtesgaden. (Fotos: Tessnow)
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Volles Haus und tolle Stimmung beim »Spider Murphy«-Konzert.

Berchtesgaden – Rund 1 000 Musikfans kamen am Freitagabend zum »Rock'n Roll Rendezvous« in den Großen Kongresshaussaal. Sie alle waren verabredet mit der »Spider Murphy Gang«, die erneut einen glorreichen Auftritt in Berchtesgaden absolvierte. Es war eine begeisternde wie anstrengende Reise zurück in die 80er-Jahre.


Würde man Chart-Erfolge, Auszeichnungen und Konzert-Highlights der Münchner Musiker in diesem Artikel auflisten, wäre er danach beendet. Die Hitparaden hat die Band zwar längst verlassen und nicht mehr im Visier, die Konzerte jedoch ziehen immer noch Massen in die Hallen. Denn die bewusst gradlinigen Arrangement- und Textstrukturen ihrer Songs sprachen schon immer ein generationsübergreifendes Publikum an und begründen somit eine gewisse Zeitlosigkeit. Seit Jahrzehnten steht das Motto: »Rock´n Roll aus Minga will never die«. Außerdem ist die »Spider Murphy Gang« eine ausgezeichnete Liveband, obwohl ihre Performance eher unspektakulärer Art ist. Und genau das wiederum hat die Band zu einem Sympathie-Selbstläufer gemacht. Intensive Publikumsnähe ist eines ihrer wichtigsten Erfolgselemente und wurde Markenzeichen der fast 40-jährigen Karriere.

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1977 gegründet, ritten die Münchner in den 80er-Jahren auf der »Neuen Deutschen Welle« und verzeichneten dort ihren kommerziellen Biografiehöhepunkt. Günther Sigl (Gesang, Texter, Komponist, Bass) und Gerhard »Barny Murphy« Gmell (Gitarre) sind noch aus der Ursprungsformation eisern dabei. Auf viele Jahre »Gang«-Zuhörigkeit können mittlerweile auch Ludwig Seuss (Keyboard, Akkordeon), Willie Duncan (Gitarre, Mandoline, Lapsteel), Paul Dax (Schlagzeug) und Otto Staniloi (Saxofon, Querflöte, Tuba) zurückblicken.

Über 1 000 Tickets gingen bis kurz vor Konzertbeginn weg. Die Stühle wurden entfernt und ein Sicherheitsgitter an der Bühne installiert. Auch Kongresshausleiter Sepp Wenig freute sich riesig auf den Veranstaltungshöhepunkt des Jahres im Großen Saal. Zusammen mit seinem Team hatte er hinter der neuen und fest eingerichteten Getränkeausgabe einen reibungslosen Ausschank organisiert. Dann ging das Licht aus.

»Mia san a bayerische Band«

»Are you ready for Rock? Are you ready for Roll?« – mit der provokant kommunikativen Frage-Antwort-Animation leitete Frontmann, Sänger und Bassist Günther Sigl den Auftritt der »Spider Murphy Gang« ein. Sofort entstand eine harmonische Atmosphäre zwischen Band und Fans. »Mia san a bayerische Band.« Das überraschend recht junge Publikum war sofort da, hob die Arme und klatschte mit. Bereits mit den ersten Takten stellte sich Partystimmung ein.

Die »Spider Murphy Gang« zog ihre »Rock´n Roll Schuah« an und im Saal wurde auffällig viel getanzt. Die »Gang« donnerte gut zwei Stunden über die Bretter und bot eine »Überdosis Rock´n Roll«. Leadgitarrist Gerhard Gmell (Barny Murphy) trat gewohnt in Ferrari-Rot auf und raucht noch immer wie ein Schlot. Die Kippe steckte stets zwischen den Saiten auf der Fender-Kopfplatte. Günther Sigl kam wie immer im grauen Outfit und mit halslosem Steinberger Bass daher.

Auch an Selbstironie mangelte es an diesem Abend nicht. Bezugnehmend auf die Körpergröße der beiden Publikumslieblinge, scherzte Barny fröhlich. »Er 1,62 und ich 1,68. Jeder Zentimeter zählt.« Und weiter ging es mit Rock´n Roll und Boogie Woogie, denn »Mia spuin eh nix andres«, resümierte Sigl.

Rockmarathon ohne Pause

Ihre Topseller rocken jedes Fest. Die Sampler verkaufen sich immer noch. Folglich bot der Auftritt ein »Best of« der Band aus alten Zeiten. Aber von wegen »alte Säcke«. Es gab keine obligatorische Zwanzig-Minuten-Pause zum Ratschen und Pilsholen. Die »Spider Murphy Gang« rauschte durch. Barny hüpfte fidel in Chuck-Berry-Manier umher und lieferte bei »Autostop nach Schwabing« eine Hommage an den Urvater der Rock´n Roll Riffs. Locker und mit viel Interpretationsfreude groovte der Leadgitarrist durch den Song.

Auch seinen Bandmitgliedern wurde ausreichend Spielraum für Soli eingeräumt. Da knarzte auch mal das Baritonsaxofon von Otto Staniloi bei »Mit'n Frosch im Hois« aus der Bühnenecke. Keyboarder Ludwig Seuss konnte zusätzlich am Akkordeon bei »Sommer in der Stadt« weitere Facetten seiner Fingerfertigkeiten abrufen. Gitarrist Willie Duncan übernahm die Gitarrenkontrolle während Barnys »Saitensprüngen« und Schlagzeuger Paul Dax hielt die Combo wie ein Uhrwerk in der Spur.

»Schickeria« und »Skandal im Sperrbezirk«

Klassischer Höhepunkt des Auftritts war natürlich das erwartet furiose Finale mit »Schickeria« und »Skandal im Sperrbezirk«. Mittlerweile war die Temperatur im Großen Saal gestiegen, Musiker und Zuhörer kamen allmählich an ihre körperlichen Reserven. »Wollt ihr uns fertigmachen?«, fragte daher Günther Sigl das begeisterte Publikum. »Ja!«, kam es aus tausend Kehlen zurück. Als Dank folgte eine dreifache Zugabe mit »Herzklopfen«, »So a schena dog« und dem schließenden »Rock´n Roll Rendezvous«.

Um so ein perfektes Konzert zu liefern, bedurfte es eines Sattelschleppers mit Equipment und Bühnentechnik sowie einer zehnköpfigen Roadie-Crew. Jörg Tessnow