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Romy Schneider, das liebe Mädchen von nebenan

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In diesem Haus, dem »Mariengrund«, verbrachte Romy Schneider viele Jahre. Dieses Foto entstand von dem Badezimmer aus, das auf der Nordseite des Hauses lag, in dem Dieter Wilke lebte. (Foto: privat)

Schönau am Königssee – Wer an Romy Schneider denkt, hat unmittelbar Kaiserin Sissi aus den Filmen im Kopf. Den Menschen hinter der berühmten Rolle, den kannte der Schönauer Dieter Wilke nur zu gut. Der heute 73-Jährige wohnte 17 Jahre lang im Nachbarhaus des Anwesens »Mariengrund« in der Schönau, wo Romy, Magda und die anderen Familienmitglieder der Schneider-Schauspieler-Dynastie lebten.


Er beschreibt die Schauspielerin als »unkompliziert, auch wenn jeder sie für kompliziert hielt«. Sie hätte morgen Sonntag ihren 80. Geburtstag gefeiert. Dem »Berchtesgadener Anzeiger« erzählte er einige Anekdoten aus dieser Zeit.

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Wenn Dieter Wilke von seiner Zeit mit Romy Schneider erzählt, bekommt er verträumte Augen und schmunzelt. Dass ihm die junge Schauspielerin gefallen hat, will er gar nicht leugnen. »Aus Nachbarschaft wurde Freundschaft«, sagt er. Von 1954 bis 1971 war er der Nachbar der heute berühmten Romy und erlebte so einiges. Als er neun Jahre alt war, sah er sie zum ersten Mal. »Ich weiß noch, ich habe meine Mutter damals gefragt: Darf man jemanden heiraten, der sechseinhalb Jahre älter ist als man selbst? Und sie antwortete: Ja, das geht. Da habe ich mich gefreut«, lacht der heute 73-Jährige.

Die ältere Romy begann dann ein Jahr später, 1955, die berühmten Sissi-Filme zu drehen. Von dort an war's vorbei mit der Ruhe und der Beschaulichkeit im Ort. »Teils standen Hunderte Fans vor dem großen Tor zum Anwesen und schrien, meist »Sissi« oder auch »Romy, Magda« hinüber«, erinnert sich Wilke. Heute liefert er mit dem Rad den »Berchtesgadener Anzeiger« aus, aber schon früher war er begeisterter Radler. So kam es, dass Magda Schneider den Buben Dieter damals bat, bei seinen Fahrten doch Romys Hund Ajax mitzunehmen. Nur wie sollte er durch die Meute an Fans kommen? »Ich sagte Magda, ich schlüpf einfach durch das Loch im Zaun«, erzählt der Schönauer grinsend. Dies war fortan sein Zugang zum Mariengrund.

Mit Romy selbst spielte er des öfteren Tischtennis, sagt Dieter Wilke. Und fügt nach einer Denkpause an: »Ich geb's nicht gerne zu – aber ich hab meist gewonnen«, und muss lachen. Allerdings sei Romy an sich eher ein ruhiger Mensch gewesen. Nicht so ihre Mutter: »Magda redete gerne. Romy war da stiller.« Eines sei aber sicher: Beide, betont der Schönauer, seien herzensgute Menschen gewesen. Und nicht arrogante, überhebliche Schauspielerinnen. »Es waren genauso Menschen wie du und ich«, sagt er.

Ein kaltes Schwimmbecken und zehn Tauchsieder

Im selben Haus wie der junge Dieter lebte auch Ulfi. Er war damals acht oder neun Jahre alt, Wilke zwölf oder 13, wie er erzählt. »Romy sagte damals zu uns: Geht doch nicht ins Schornbad, kommt doch rüber, wir haben auch ein Schwimmbad. Aber da waren wir nicht oft... viel zu kalt«, sagt Wilke und schüttelt sich. Dafür wusste der technisch interessierte Bub aber eine Lösung: Magda Schneider musste zehn Tauchsieder kaufen. Ab damit in eine Mehrfachsteckdose, und rein in den Pool. »Gebracht hat's nichts. Nur die Sicherung ist geflogen.«

Auch drin im Haus Mariengrund war Wilke ab und zu. Es war ein großes Wohnzimmer, aber kein Saal, erinnert er sich. Die Wände waren voller Fotografien, unter anderem von Romy, ihrem Bruder Wolf-Dieter und Magda. »Ich habe ihren Bruder aber furchtbar bedauert«, fällt dem 73-Jährigen hier ein. »Was tat mir der Wolf-Dieter leid.« Denn der Bub musste im Schwarzwald auf ein Internat gehen. »Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, so weit weg von daheim zu sein.«

Mit der Zeit wurde Romy Schneider immer bekannter. Das führte dazu, dass Wilke eine weitere Aufgabe zuteil wurde: Autogrammkarten-Verteiler. »Ich erinnere mich, dass Magda und Romy oft stundenlang im Garten am Tisch saßen und pinselten. Sie unterschrieben so viele Autogrammkarten, dass ich mir dachte: Denen müssen aber die Hände am Abend wehtun. Ich hatte dann die Aufgabe, die Karten am Tor an die Fans zu verteilen.« So lief Wilke stundenlang hin und her, bis alle aufgebraucht waren. Wie viele Autogrammkarten hat er heute noch von den beiden? »Keine einzige«, lautet die Antwort. Er habe sich schlicht keine aufgehoben über all die Jahre.

Aber die Beziehung zu den Schneiders war keine Einbahnstraße. Das macht eine andere Anekdote des Schönauers deutlich. Damals schaufelte er im Winter immer Schnee für eine Schönauer Firma. Vom Chef bekam er eines Tages ein schneeweißes Auto geschenkt, einen Opel Kapitän, als Dank für seine Dienste. Was zuerst klang wie ein Traum, stellte sich als verzwickt heraus, denn das Auto war im Winter »furchtbar schlecht zu fahren«, sagt der »Anzeiger«-Austräger. »Eines Tages hatte es sich im Schneematsch festgefressen. Ich trat aufs Gas und dann kam dieses Geräusch, das ein durchdrehender Reifen halt macht. Auf einmal ging's aber. Ich fuhr an, und bemerkte plötzlich, dass jemand hinter dem Auto steht und anschiebt: Es waren Magda und Romy, über und über voller Matsch.« Der erschrockene Wilke wusste nicht, was er sagen sollte, wie er erzählt. »Dann sagte Romy: Dieter, warum bist du denn jetzt wieder stehen geblieben?«

»Alle nennen mich nur noch Sissi«

Auch Geschenke gab es für den Nachbarsbuben. So brachte ihm Romy einst einen kleinen Eiffelturm, eine Figur, aus Paris mit, und auch einen Wimpel für sein Fahrrad. »Die Sachen habe ich aber alle nicht mehr«, winkt er ab.

Über ihren Beruf sprach Romy nie. Dennoch erinnert sich Wilke an eine bezeichnende Situation: Es war in der Zeit zwischen 1955 und 1957, als sie gerade Sissi drehte. »Ich bin unserer Katze Mausi hinterhergelaufen, da sie eine Amsel jagte. Ich nahm Mausi auf den Arm und sagte: Mausi, wie blöd bist du eigentlich? Da stand Romy auf einmal hinter mir in einem Sommerkleid, und sagte: Dieter, meinst du mich?« Als er sagte, nein, die Katze heißt Mausi, antwortete Romy: »Und wer bin dann ich?« Völlig perplex, so Wilke, habe er darauf geantwortet: »Ja, die Romy Schneider.«

Im Nachhinein betrachtet wurde ihm klar, dass sie vielleicht in diesem Moment etwas anderes vom Nachbarsjungen hören wollte. »Ich könnte mir in den Hintern beißen, wenn ich heute daran denke«, lacht Wilke, der, wie er bereits erwähnte, für Romy geschwärmt hatte. »Aber auf meine Aussage hin lachte Romy, nahm mich in den Arm und sagte: Danke Dieter, du bist so lieb. Sonst nennen mich alle nur noch Sissi.«

Auch heute noch, wenn sich Dieter Wilke an Weihnachten die Sissi-Trilogie im Fernsehen ansieht, bekommt er laut eigener Aussage feuchte Augen. »Sie war aber auch eine hervorragende Schauspielerin«, sagt der Schönauer erklärend. Annabelle Voss