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»Rückgrat der Gemeinde«

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Den Rathaussessel im Visier: Marktschellenbergs Bürgermeister Franz Halmich sieht man auch in der Natur – wenn es die rare Zeit zulässt. Foto: privat

Marktschellenberg – Die Rathausaffäre? Abgeschlossen. Die Kirchgassen-Engstelle? Nach über 30 Jahren endlich beseitigt. Marktschellenbergs Bürgermeister Franz Halmich wirkt gelassen. Die Wahl steht an, seine Chancen sind hoch. »Jeder kennt mich im Ort. Ich spreche alles offen an.« Die Marktschellenberger seien welche, die immer zusammenhielten. Ob bei der Hochwasserkatastrophe oder im so wichtigen Ehrenamt. Halmich möchte also ein weiteres Mal kandidieren. Die Entscheidung hat er sich nicht leicht gemacht.


Rotes Polohemd, braunes Sakko, die Beine sind übereinander geschlagen: Wenn Franz Halmich von der vergangenen Amtszeit berichtet, die für ihn im April 2010 begann, sind es vor allem positive Erinnerungen, die er hat. Der gebürtige Marktschellenberger wurde unverhofft Gemeindechef. In der kleinen Gemeinde ist das ein Ehrenamt. »Ich setze mich so gut wie möglich für meine Bürger ein«, sagt Halmich. Betont aber, dass es noch anderes gebe: Beruf und Familie etwa. Halmich ist 30 Stunden in der Woche im Landratsamt Berchtesgadener Land als IT-Fachmann beschäftigt. Als Bürgermeister ist er den Rest der Zeit unterwegs. Die wöchentliche Arbeitszeit ist hoch. »Ich habe eine Sieben-Tage-Woche.« Deshalb ist Halmich auch froh, wenn er Zeit für die Familie hat: für Ehefrau, zwei Töchter, einen Mischling. »Das war nach der letzten Bürgermeisterwahl mein Versprechen, dass es einen Hund gibt.« Selbst wenn er weitere sechs Jahre den Gemeindechef macht, wird es keinen zweiten Hund geben. »So viel ist sicher.« Halmich schmunzelt.

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Der studierte Informatiker spielt seit 35 Jahren Basketball beim TSV Berchtesgaden, »ein Fußballer war ich noch nie.« Zum Laufen geht er gern und auch das Bergradfahren gehört zu seinen Leidenschaften. Auch, wenn er deutlich weniger dazu kommt, Freizeit zu machen. »Ich versuche, auf möglichst viele Termine persönlich zu gehen«, sagt der Marktschellenberger. Würde er seine Stellvertreter schicken, müsste sich Halmich im Nachhinein schlau machen. »Dann gehe ich lieber gleich selbst«.

Anspruchsvoll sei die Aufgabe des ehrenamtlichen Bürgermeisters – und im Grunde genommen kaum zu unterscheiden von der Arbeit eines hauptamtlichen. »Wir haben halt weniger Gemeindebürger, die Aufgaben bleiben aber die gleichen«.

Das Höchste ist das Ehrenamt

Sich selbst bezeichnet Halmich als »Quereinsteiger«, ein richtiger Politiker sei er nicht. »Ich bin da, um mich für die Belange anderer einzusetzen«, meint der Rathauschef. Er und weitere ehrenamtlich Tätige seien das »Rückgrat der Gemeinde.« Der Zusammenhalt sei einmalig, Halmich fühlt sich gut integriert. Dass das Gemeindeleben so gut ablaufe, liege vor allem am Ehrenamt, das in Marktschellenberg einen besonderen Stellenwert genieße: »Unseren Vereinen geht es gut, Nachwuchsprobleme gibt es nicht«, sagt Halmich, der seit langer Zeit im Weihnachtsschützenverein Ettenberg ist.

Nur wegen des Zusammenhalts sei so manche Veranstaltung ein großer Erfolg geworden. So musste Marktschellenberg die Auftaktveranstaltung der 200-Jahr-Feier »Berchtesgaden bei Bayern« auf die Beine stellen. »Das war der Wahnsinn, was die Schellenberger geleistet haben«, lobt der Bürgermeister. Auch das 125-Jahr-Jubiläum der Musikkapelle sei ein großer Erfolg gewesen, vom 100-Jährigen der Weihnachtsschützen erst gar nicht zu sprechen. »Hier macht das Ehrenamt noch richtig Spaß«.

Für Halmich waren die letzten vier Jahre nicht immer einfach. Die Kirchgassen-Engstelle war über Monate beherrschendes Thema, es gab viele Sitzungen, Diskussionen, Kompromisse, und dann ermittelte auch noch die Staatsanwaltschaft gegen den Bürgermeister. Ob er Fehler gemacht habe? »Viele haben Fehler gemacht«, entgegnet Halmich, weist das Thema von sich ab, »die Ermittlungen sind abgeschlossen«. Themenwechsel. Es geht um die Finanzen.

Abwasser, Hochwasser

Marktschellenberg gilt als finanzschwach, das Hochwasser vergangenen Jahres hat Schäden in Höhe von 1,5 Millionen Euro hinterlassen, »das war ein finanzielles Desaster«, konstatiert Halmich. Und auch in anderer Hinsicht bleibt die Marktgemeinde nicht verschont: Die Abwasserentsorgung muss erneuert werden, der Ausbau erfolgt in der Tiefenbachstraße (BGL 5). Mehrere Millionen Euro kostet die Investition den Kreis. »Heuer bleiben an der Gemeinde 800 000 Euro hängen, für nächstes Jahr sind 1,2 Millionen Euro angedacht.« Nicht eingerechnet sind die Fördersätze, allerdings gibt es noch keine konkreten Fördersummen.

Warum eine erneute Kandidatur? »Weil man etwas verändern kann«, sagt Halmich. 'Natürlich habe er sich Gedanken gemacht: »Steht das Ganze dafür?« Oft habe seine Familie gelitten. Immer dann, wenn politische Themen Einzug in das Privatleben hielten. »Ich hätte auch ohne Weiteres wieder ganz in meinen Beruf als Computerexperte zurück können«, sagt Halmich. Das wollte er dann aber doch nicht. In Marktschellenberg gibt es noch zu viel zu tun. Der Kindergarten ist gemacht, die Schule ebenso, bereits für das nächste Schuljahr sind vier Grundschulklassen sicher, weiß Halmich. Er freut sich.

Sein Ziel sei es, die Gemeinde noch lebenswerter zu machen, vor allem für Familien. Wichtig sei es, die Schule im Ort zu halten. »Wenn erst einmal die Schule fehlt, kehren Familien dem Ort schnell den Rücken«.

Halmich bedauert, dass es nun keinen Lebensmittelladen mehr gibt. »Wir haben alles versucht, aber es hat nicht geklappt«, sagt der 49-Jährige. Natürlich halte man in der Verwaltung immer Ausschau nach potenziellen Betreibern, erzwingen könne man einen Tante-Emma-Laden allerdings nicht. Zumal sich so manches Geschäft mit der Situation bereits arrangiert hat, im Ort gibt es Obst, Milch, Butter. »Alles halt, was man auf die Schnelle braucht«.

Visionen gibt es dort nicht. Die hat aber Franz Halmich. Eine solche ist etwa das »Haus der Begegnung«. Ein Ort, an dem sich Vereine treffen können, eventuell mit Gaststätte, ein Haus, in dem eine Bühne für Aufführungen möglich wäre. In einem solchen Haus soll Marktschellenberg zusammenkommen. Allerdings fehlt es im Ort an Platz. Eine Lösung könnte es geben, Halmich hat da ein paar Ideen, spruchreif sind die Gedanken noch nicht. Ist das Wahlkampf?

Von Wahlkampf möchte Franz Halmich nichts wissen – trotz Konkurrenz: »Bei uns gibt es keinen Wahlkampf.« Auch wenn er zuversichtlich auf den 16. März, den Tag der Kommunalwahl, blickt, weiß er: »Ich darf niemanden unterschätzen.« Kilian Pfeiffer