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Rückkehr ans Tageslicht zum Zwölf-Uhr-Schlag

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Eigentlich ist er Bergretter. Doch beim Einsatz in der »Riesending«-Schachthöhle am Untersberg bewies Stephan Bauhofer auch seine Qualitäten als Höhlenretter. Fotos: BRK BGL
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Großer Moment nach zwölf Tagen: Der schwer verletzte Höhlenforscher Johann Westhauser wird – nicht zuletzt mit Unterstützung durch Stephan Bauhofer – zurück ans Tageslicht geholt.

Berchtesgaden – Beim Rettungseinsatz in der »Riesending«-Höhle am Untersberg war Stephan Bauhofer stets an vorderster Front dabei. »Es hat sich zufällig so ergeben«, sagt der 29-jährige Bergretter und ausgebildete Rettungsassistent. Tatsächlich aber war der Berchtesgadener wegen seiner Ausbildung sowie wegen seiner körperlichen und psychischen Fitness der richtige Mann an den Schaltstellen des spektakulären Einsatzes, bei dem der durch einen Steinschlag schwer verletzte Höhlenforscher Johann Westhauser aus 1 000 Metern Tiefe geborgen werden konnte. Und weil der leidenschaftliche Extremkletterer mit unerschütterlicher Gelassenheit gesegnet ist, erzählte er zuletzt auch mehrfach in Fernsehshows ganz cool von seinen abenteuerlichen Erlebnissen in Deutschlands tiefster Höhle.


Eigentlich liebt Bauhofer schwierige Kletterrouten in steilen Wänden. Erst durch seine Kontakte als Bergwachtmann mit den Freilassinger Höhlenrettern erwärmte er sich in den letzten Jahren etwas für die dunkle Welt unter Tage. Und so war es für die Freilassinger selbstverständlich, den leistungsstarken Berchtesgadener mit in den Untersberg zu nehmen. »Als ich die Zahl minus 1 000 gehört habe, da war mir klar, dass bei diesem Einsatz jeder Helfer gebraucht wird«, so der Berchtesgadener im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. So gehörte der 29-Jährige zusammen mit zwei Freilassingern am Sonntag, 8. Juni, zum Voraustrupp, den der erfahrene und ortskundige Höhlenforscher Peter Zagler aus Salzburg anführte.

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In sechseinhalb Stunden beim Patienten

»Wir waren sehr schnell unterwegs«, erinnert sich Bauhofer. Wegen der besonderen Anforderungen dauerte es nicht lange, bis der Voraustrupp auf nur noch zwei Mitglieder zusammengeschmolzen war: Peter Zagler und Stephan Bauhofer. In nur sechseinhalb Stunden legten die beiden rund 1 000 Höhenmeter und bis zu vier Kilometer Wegstrecke unter Tage zurück. »Das war sehr eindrucksvoll«, erzählt Bauhofer. In der großen Halle mussten 180 Meter abgeseilt werden. Immer wieder gab es sehr enge Schlupfstellen und der sogenannte Canyon, in dem es ständig auf und ab ging, musste spreizend überwunden werden. »Das kam mir als Kletterer sehr entgegen«, sagt Bauhofer. Im sogenannten Duschgang musste sogar ein Wasserfall durchquert werden. Um den später folgenden Rettungskräften das Vordringen zu erleichtern, wurden die entscheidenden Stellen mit Markierungsspray gekennzeichnet.

»Der Verletzte war gut versorgt, doch es war schnell klar, dass er aus eigenen Kräften die Höhle nicht würde verlassen können«, erzählt Stephan Bauhofer. Mit den mitgebrachten Medikamenten wurde der Verletzte erstversorgt, außerdem hatten die Retter trockenes Biwakzeug und Brotzeit dabei. Während sich Peter Zagler bald wieder auf den Rückweg machte, blieb Bauhofer beim Verletzten und dessen Begleiter. »Ich habe halt gewartet, bis sich etwas rührt«, erinnert sich der 29-Jährige. Das war dann am Dienstagabend der Fall, als eine Gruppe von Schweizern mit einem Sanitäter eintraf. Die hatten auch das Cavelink-System, mit dem in der Höhle per SMS kommuniziert werden konnte, errichtet.

Anstrengender Rückweg

Stephan Bauhofer machte sich dann mit zwei Höhlenforschern aus dem Team des Verletzten auf den langen Rückweg. »Das war sehr anstrengend, weil mit Klemmen an den Seilen aufgestiegen werden musste. Außerdem herrschte mittlerweile viel Gegenverkehr«, so Stephan Bauhofer. Der war mittlerweile wie auch die anderen bis auf die Unterwäsche durchnässt. »Aber wenigstens trocknet alles im Schlafsack ganz gut«, schmunzelt der Berchtesgadener. So war er froh, dass er nach vielen Stunden Aufstieg endlich wieder das Tageslicht erblickte.

Eine lange Erholungszeit war dem 29-Jährigen aber nicht vergönnt, denn im Tal waren die organisatorischen Talente des Bergretters ebenfalls gefragt. So war er zunächst für die gesamte Logistik zuständig, besorgte Spreizanker und Verpflegung, Spezialgeräte und anderes. Dann fungierte Bauhofer zwei Schichten lang als Bergwacht-Einsatzleiter.

Auf der letzten Etappe wieder dabei

Überraschend kam dann eine Anfrage des Höhlenforschers Peter Zagler, der wiederum den bereits bestens bewährten Stephan Bauhofer für seinen Trupp anforderte. »Er suchte eine Tragenbegleitung als Ansprechpartner für den Verletzten«, sagt Bauhofer. Als Truppführer drang der Berchtesgadener zusammen mit einer italienischen Ärztin und zwei weiteren Italienern wieder in die Höhle vor, um auf minus 450 Metern den Verletzten zu übernehmen.

»Das war ausgerechnet an der engsten Stelle«, erzählt der Bergretter. So war von Anfang an extreme Knochenarbeit vonnöten, um die Trage mit dem verletzten Höhlenforscher Zentimeter um Zentimeter nach oben zu bringen. Hunderte von Bohrhaken mussten gesetzt, Flaschenzüge errichtet, Seile gespannt werden. »Schwitzen und Frieren wechselten sich ab«, erinnert sich Bauhofer. Alle Helfer waren körperlich angeschlagen, immer wieder schliefen sie – gut gesichert – an den Standplätzen kurz ein.

Red Bull zum Endspurt

Nach einigen Stunden Schlaf im Biwak 1 übernahm Stephan Bauhofer den Patienten dann erneut für die Schlussetappe. Mittlerweile war auch ein deutscher Arzt eingetroffen. Eine letzte Engstelle gab es zu überwinden, mit einer Dose Red Bull mobilisierte Stephan Bauhofer noch einmal seine Kräfte. Und die reichten sogar noch für einen Scherz, an den Patienten gerichtet: »Es ist jetzt viertel vor zwölf. Du kommst genau richtig zum Mittagessen«.

Per Seilwinde schwebte der Patient dann pünktlich zur Mittagszeit zurück in die Freiheit. Stephan Bauhofer zog es freilich vor, auch die letzten Meter noch aus eigenen Kräften aufzusteigen. Erst als der Verletzte im Hubschrauber verpackt und damit alles für ihn getan war, atmeten die Einsatzkräfte auf. »Plötzlich wurde gejubelt und applaudiert«, blickt Stephan Bauhofer zurück. Ihm pressierte es an diesem Tag nicht mehr. Das eine oder andere Bierchen genehmigte er sich noch in aller Ruhe am Berg und schwebte als einer der letzten mit einem Transporthubschrauber zurück ins Tal.

Kaum Zeit zum Duschen

Nur mit Mühe fand Stephan Bauhofer zwischen Pressekonferenz und Helferfest im »Bräustüberl« noch die Zeit zum Duschen. Und irgendwann hatte er dann auch die Zeit, diesen spektakulären Einsatz mit 728 Rettern aus fünf Nationen, der zwölf Tage lang gedauert hatte, zu reflektieren. »Eindrucksvoller geht es nicht«, sagt Bauhofer. Dass der Verletzte das Ganze überlebte und kein Retter zu Schaden kam, freut ihn besonders.

Es dauerte einige Zeit, bis die Medien auf Stephan Bauhofer aufmerksam wurden. Doch dann wurde der Berchtesgadener sehr schnell zum gefragten Talkshow-Gast. Nach der BR-»Abendschau« absolvierte Bauhofer Auftritte bei Frank Elstners »Menschen der Woche« und bei Markus Lanz. »Die waren alle sehr nett und entspannt«, schildert der 29-Jährige sachlich. Da glaubt man ihm auch, dass er den ganzen Trubel sehr gut weggesteckt habe. Wenngleich er einräumt, dass »nun die Luft schon etwas raus ist«. Ulli Kastner

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