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»Run auf die Ruinen«

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Zugespitzte Fragen und bissige Kommentare kamen von Prof. Dr. Joachim Scholtyseck (l.), der gleichzeitig als Moderator durch den Abend führte. Bürgermeister Franz Rasp hatte immer eine Antwort parat. (Fotos: Pfeiffer)
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Nicht alles, was der stellvertretende Spiegel-Chefredakteur, Dr. Martin Doerry (l.), sagte, gefiel Landrat Georg Grabner.
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Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Oberbayern, kam mit zwei Personenschützern.

Berchtesgaden – »Das Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus wird abflauen«, sagte Dr. Martin Doerry, stellvertretender Chefredakteur beim Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«, während einer lebhaft geführten Podiumsdiskussion anlässlich des 15-jährigen Bestehens der Dokumentation Obersalzberg am Montagabend. Das sah der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Dr. Andreas Wirsching«, natürlich anders. Bürgermeister Franz Rasp zeigte hingegen Verständnis für jene Touristen, die nicht wegen der Bildungseinrichtung gekommen sind, sondern lieber »Ruinenreste« sehen wollen. Mit von der Partie waren auch Landrat Georg Grabner und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Oberbayern.


Man könnte sich auf die Schulter klopfen, gemeinsam auf den Erfolg anstoßen, sagte Prof. Dr. Joachim Scholtyseck, der als wissenschaftlicher Beirat für die Neugestaltung der Dokumentation Obersalzberg verantwortlich ist und an diesem Abend moderierte. Wie die Bilanz der letzten Jahre denn ausfalle? Der IfZ-Direktor Andreas Wirsching sagte, dass er immer die Befürchtung hatte, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus nach dem Zusammenbruch der DDR in den Hintergrund treten könnte. »Aber genau das Gegenteil ist der Fall.« Der Täterort Obersalzberg sei eine Herausforderung, eine »Bühne, die Platz lässt für szenische Störungen«. Hitlers Euthanasiebefehl sei hier abgezeichnet worden, der Kommissarbefehl, der Befehl zur Vernichtung der ungarischen Juden ebenso.

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Der August dieses Jahres sei der erfolgreichste Monat in der Geschichte der Ausstellung gewesen, über 31 000 Besucher kamen. »Wir können uns aber auf den Erfolgen nicht ausruhen«, wusste Wirsching. Angesichts der Neubaupläne der Dokumentation Obersalzberg blicke er »verhalten optimistisch nach vorne«.

Charlotte Knobloch zeigte sich erstaunt darüber, dass die Bildungseinrichtung so gut angenommen wird. »Das hätte ich mir nie vorgestellt. Ich hatte Angst, dass eine Erinnerungskultur aufgebaut wird.« Sie war der Meinung, dass besser Gras über die »furchtbare Geschichte« wachsen sollte. Heute hat Charlotte Knobloch ihre Meinung geändert. »Gedenken hat nicht nur mit der Vergangenheit zu tun. Das, was hier oben passiert, ist wichtig.« Vor einigen Jahren schon erkannte sie aber die Notwendigkeit, die Einrichtung erweitern zu müssen, um dem stetig wachsenden Besucherandrang gerecht zu werden.

»Hitler läuft immer«

Einen »Run auf die Ruinen« erkannte Dr. Joachim Scholtyseck am Obersalzberg. Diese Faszination sei erklärungsbedürftig. »Hitler läuft immer.« Dem widersprach der Spiegel-Redakteur: »Hitler läuft auch nicht mehr so gut wie früher, auch nicht im 'Spiegel'. Das Interesse an der Materie wird abflachen«, prognostizierte der »Spiegel«-Mann. Also weniger Besucher auf dem Obersalzberg trotz deutlich vergrößerter Ausstellung? »Kein Interesse bleibt ewig bestehen«, sagte Dr. Martin Doerry. Bereits heute sei es die Enkelgeneration, die die Dokumentation Obersalzberg aufsuche. »In 30 Jahren wird das Interesse noch geringer ausfallen.« Die »große Aufregung« sei nicht mehr da. Die Schlachten der Vergangenheit seien geschlagen. »Das Thema wird sich beruhigen.«

Einer ganz anderen Auffassung ist IfZ-Direktor Dr. Andreas Wirsching: »Das Interesse wird nicht abflachen«, ist sich dieser sicher. Auf unabsehbare Zeit sei der Nationalsozialismus Teil der deutschen Geschichte, die hier, am Obersalzberg, erzählt werde. Die Erzählbarkeit der deutschen Geschichte funktioniere nur in enger Verknüpfung mit dem Nationalsozialismus. Quantitativ würden die Besucherzahlen nach der Erweiterung mindestens gleich bleiben, eher noch zunehmen, nimmt Wirsching an.

Charlotte Knobloch sagte, dass früher zwei Seiten des Geschichtsbuches in der Schule ausreichend waren, um den Nationalsozialismus den Schülern näherzubringen. »Der Nachwuchs wurde mit Schuldgefühlen beladen.« Heute sei das anders. Junge Menschen wollen mehr wissen, als sie im Unterricht gelernt haben. »Das ist gut so.«

Kommen Schüler, weil sie müssen?

Auch Landrat Georg Grabner attestierte der Dokumentation einen erfreulichen Zuspruch von Schülerseite her. »Es kommen immer mehr Schüler, die die Dokumentation sehen wollen«, so Grabner. Spiegel-Mann Martin Doerry sah das anders: »Ich will zwar die Jubiläumsstimmung nicht verhageln, aber die Schüler kommen nicht, weil sie alle wollen, sondern weil sie müssen.« Die Lehrer hätten es verstanden, dass es wichtig sei, junge Leute an den Täterort zu bringen, um dort für Aufklärung zu sorgen.

Nachholbedarf in Sachen Aufklärung erkannte Doerry bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund: »Die Kinder stellen ganz andere Fragen an unsere Geschichte, erwarten andere Antworten.« IfZ-Direktor Andreas Wirsching forderte eine Universalisierung des Erinnerns, eine allgemeine Erinnerung für eine künftige Ausstellung. Die Ortsgeschichte und die Allgemeingeschichte des NS-Regimes müssten in einer solchen beleuchtet werden. Einzelne Personen, wie etwa Eva Braun, würden künftig eine tragende Rolle spielen, »Geschichten in der Geschichte« also.

Von einem »Dark Tourism« sprach Moderator Scholtyseck. Die Faszination der Besucher am Schrecklichen sei ungebrochen, das belegten auch zahlreiche Besuchergruppen, die in Bussen anreisten und sich die Umgebung am Obersalzberg anschauten, ohne der Bildungseinrichtung überhaupt einen Besuch abzustatten. »Soll man das so akzeptieren?«, fragte er in die Runde. Bürgermeister Franz Rasp entgegnete, dass es keine Zuständigkeiten gebe, »am Obersalzberg sind wir alle verantwortlich«. Dass es neben der Dokumentation auch einen privaten Bunker gibt, der von zahlreichen Interessierten aufgesucht werde, sei einfach so, da könne man nichts machen. Wichtig sei, dass das Obersalzberg-Gelände frei zugänglich bleibe, »ich halte nichts von einer Einzäunung«. Wenn einer meint, er muss sich Mauerreste mit nach Hause nehmen, dann soll er das machen.«

Landrat Georg Grabner sagte, dass jene Besucher, die auf den Obersalzberg kommen, um Kerzen anzuzünden, auf ein Minimum zurückgegangen seien. »Verhindern kann man so etwas nie.« Eine kluge Entscheidung sei es gewesen, die Dokumentation auf diesem geschichtsträchtigen Ort zu errichten.

Das Böse ist der Grund des Kommens

»Die Faszination des Bösen ist ungebrochen«, widersprach Spiegel-Journalist Martin Doerry. »Das ist der Grund, warum die Menschen hierher kommen. Das ist ein Teil des Erfolges der Ausstellung«, sagte er.

Moderator Scholtyseck richtete sich an Bürgermeister Franz Rasp: »Gibt es einen Masterplan, wie man hier mit dem Tourismus zukünftig umgehen wird, vor allem im Hinblick auf den von Doerry prognostizierten Interessensrückgang?«

»Ich glaube nicht, dass sich unser Tourismus grundlegend ändern wird«, so Rasp. Erst kürzlich sei er mit seinen beiden Buben, sieben und acht Jahre alt, auf der Kneifelspitze gewesen. Von dort oben habe er die Landschaft überblickt, sich Gedanken gemacht und festgestellt, »dass wir den Krieg gar nicht kennen«. Gerade deshalb sei es nun Rasps Aufgabe, die Erinnerung wach zu halten. Gras drüber wachsen zu lassen, sei keine Lösung. »Jedes Mal, wenn ich durch die Ausstellung gehe, ist mir danach schlecht«, so Rasp. Werbung mache die Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee im Übrigen mit der Dokumentation Obersalzberg keine. Lediglich stelle man das Haus als Bildungseinrichtung dar. Denn Fakt sei: »Wir müssen weg vom früheren Bunkertourismus.« Kilian Pfeiffer