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Schäleisen statt Chemiekeule

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Mit Schäleisen entfernen Waldarbeiter im Nationalpark die Baumrinde. Der Borkenkäferbefall ist derzeit gering. Nach dem im Volksmund »Schepsen« genannten Entrinden der Stämme können sich die Larven des Buchdruckers nicht weiterentwickeln. (Foto: Nationalparkverwaltung)

Berchtesgaden – Nationalpark-Mitarbeiter und Unternehmer sind auch heuer seit Ende April regelmäßig in der rund 2 000 Hektar großen Borkenkäferbekämpfungszone unterwegs. Ihr Ziel: Vom Buchdrucker befallene Fichten erkennen und aufarbeiten. »Diese Maßnahme dient dem Schutz der angrenzenden Wirtschaftswälder, Chemikalien kommen nicht zum Einsatz«, erläutert Kathrin Rinneberg, die Leiterin des Sachgebiets Parkmanagement in der Nationalparkverwaltung.


Haben die Nationalpark-Mitarbeiter eine vom Borkenkäfer befallene Fichte in der Bekämpfungszone entdeckt, gibt es drei Handlungsalternativen: »Bevorzugte Möglichkeit ist immer das Entrinden der Stämme«, betont die Forstwissenschaftlerin. Die Larven des Käfers können sich nach dem manuellen Entfernen der Rinde nicht weiterentwickeln. Die entrindeten Stämme und die Rinde verbleiben im Bestand und bilden neue Lebensgrundlage für Insekten, Pflanzen und Pilze. Hinzu kommt der Beitrag des Totholzes zum natürlichen Lawinen- und Erosionsschutz sowie zur Bodenbildung. Ist ein Entrinden nicht möglich oder aufgrund größerer Mengen nicht sinnvoll, werden die befallenen Bäume mit Seilanlagen oder Hubschraubern aus den Beständen entfernt. »In diesem Jahr ist der Borkenkäfer aufgrund des kalten und nassen Frühjahres im Nationalpark nur wenig aktiv«, erläutert Rinneberg. »Trotzdem haben wir von Frühjahr bis Herbst stets ein waches Auge auf den Buchdrucker«.

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Die Böden im Nationalpark sind überwiegend flachgründig und durch die früheren Kahlschläge zur Versorgung der Saline ihrer wichtigen Humusauflage beraubt. Auch die zu Fürstprobst- und Hofjagdzeiten überhöhten Wildbestände haben die Entwicklung stabiler Bergmischwälder aus Fichte, Tanne und Buche verhindert. Waldböden in Bergmischwäldern mit natürlicher Humusauflage können rund 110 Liter Wasser pro Quadratmeter speichern, Wälder mit Humusschwund schaffen hingegen nur etwa 20 Liter pro Quadratmeter. Der Boden naturnaher Bergwälder ist in der Lage, bei lang anhaltenden Niederschlägen das Wasser aufzunehmen und es langsam über Quellen und Bäche wieder abfließen zu lassen. Zudem sichert er die Wasserversorgung der Wälder in Trockenperioden. Eine intakte Humusauflage macht Wälder damit weniger anfällig für den Klimawandel.

Durch Borkenkäferbefall entstehen punktuelle Auflichtungen der Wälder, die zu einer großen Struktur- und Artenvielfalt führen.

Ein aktuelles Forschungsprojekt des Nationalparks zeigt, dass sich bei angepassten Wildbeständen auf den Borkenkäferflächen bis zu 10 000 Verjüngungspflanzen pro Hektar mit Fichte, Bergahorn, Esche, Birke, Mehlbeere und anderen Baumarten auf natürlichem Wege ansiedeln. Zusätzlich werden in der Pflegezone Tanne und Buche als wichtige Bergmischwaldarten in die Lücken gepflanzt. fb