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Schatzsuche im Königssee

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Der Königssee: Die einen beobachten Schiffe, andere gehen auf Schatzsuche. (Fotos: Pfeiffer)
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In zwei Metern Tiefe finden die einen Goldbarren, andere Kronkorken.
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Auf dem Weg zum Seeufer ...

Schönau am Königssee – Ein kurzes Nicken, »Schnorchel brauch ich nicht«, sagt Norbert. Er taucht am Ufer des Königssees ab, fast eine dreiviertel Minute hält er die Luft an. Norbert war in den vergangenen Tagen dreimal am Königssee, beim »Schatztauchen«, sagt der Mittzwanziger. Er lächelt dabei. Ein Besuch an einem der bekanntesten Ausflugsseen der Republik offenbart: Er ist nicht allein.


Wie ein Tross Pilgernder schiebt sich die Menschenmenge entlang der Seestraße in Richtung Königssee, vorbei an zahlreichen Modeläden, Imbissständen und Souvenirshops. Von oben drückt die Hitze, der Himmel ist strahlend blau, auf der Straße hat man Mühe und Not, nicht andauernd mit schwitzenden Leibern zusammenzuprallen. Aus touristischer Perspektive sind solche Tage sensationell, bescheren sie nicht nur den Ladeninhabern der Seestraße gute Geschäfte, sondern auch der Schifffahrt: In langen Reihen stehen willige Königssee-Übersetzer in der Schlange, warten, bis die Nummer ihres Elektrobootes dran ist. Viele sind ungeduldig, schattige Plätzchen sind begrenzt, begehrte Orte unterm Sonnenschirm natürlich schon längst besetzt. Also will man endlich rauf. Rauf aufs Boot. Rüber übern See. Hinter nach Bartholomä.

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Goldige Zeiten?

Oder man geht Goldsuchen. Königssee-Gold. Derzeit in aller Munde. Nicht nur nationale, sondern auch internationale Medien sind auf den medialen Königssee-Express aufgesprungen und haben über jenen Sensationsfund berichtet, den kürzlich ein 16-jähriges Mädchen machte, als sie beim Baden, in etwa zwei Metern Tiefe, ein glänzendes Etwas fand, 500 Gramm schwer, nicht größer als eine Schnupftabakdose, aber von immensem Wert: pures Gold. Scheinbar aus einer kriminellen Handlung stammend. Nicht anders ist es zu erklären, dass die Identifikationsnummer, in diesem Fall fünfstellig, ausgeschliffen wurde.

Auch wenn die Polizei schon vor Wochen ausrief, das Königssee-Ufer sei inzwischen von Profitauchern abgesucht: Wahre Goldjäger schreckt das nicht. Und Norbert, der in der Region Urlaub macht, möchte natürlich fündig werden. Zumindest gibt er das vor. Wenngleich er sich seine Chancen als ziemlich gering ausmalt. Einige andere tun es ihm gleich, zumindest haben sie die Schnorchelsachen dabei. Mit der Presse sprechen? »Besser nicht.«

Offiziell ist nicht bekannt, wo der Goldbarren gefunden wurde. Den exakten Fundort behält man für sich. Dennoch ist aus Polizeikreisen zu erfahren: »unterhalb des Malerwinkls«. Um dort hinzukommen, muss man sich erst einmal mit der Menschenmenge zur Seelände treiben lassen. Dort spaltet sich dann die Gruppe in drei Fraktionen: Jene, die über den See fahren wollen, die anderen, die einfach nur – auf einer Bank sitzend – See und Entlein beobachten und solche, die linker Hand, vorbei an der Schiffswerft, zum Malerwinkl spazieren. »Malerwinkl« – auch Norbert hat den Namen erst kürzlich, im Zuge der Goldbarren-Berichterstattung, gehört: »Da habe ich schon mal Kuchen gegessen«, erinnert er sich.

Rauf den Hügel, runter zum See

Zum Malerwinkl geht es einen kleinen Hügel nach oben. Von hier aus hat man einen guten Blick über die Schiffswerft. Man sieht, ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt, die Seelände. Unzählige kleine, bunte Punkte wuseln dort quirlig durcheinander – auf ihrer Suche nach dem nächsten Schiff für eine Königsseeüberfahrt.

An einer Weggabelung hat man mehrere Möglichkeiten: Entweder hoch zum Café »Malerwinkl«, dort, wo es Kaffee und Kuchen gibt, oder weiter in Richtung Malerwinkl-Rundwanderweg. Eineinhalb Stunden Gehzeit, heißt es offiziell. Die meisten sind schneller.

Die, die Gold suchen, wählen den Weg durch den Wald. Ist sowieso nicht zu verfehlen, denn der Trampelpfad über Steine und Wurzeln liegt wie auf einem Präsentierteller vor einem. Eine Gruppe Jugendlicher stapft über den Waldboden. Jeder Schritt klingt dumpf – Laub- und Nadelreste haben dafür gesorgt, dass der Untergrund weich ist. Der Weg führt über Stock und Stein zu einem kleinen Aussichtspunkt, etwas unterhalb gelegen. Einen Steinwurf entfernt hat es sich eine Gruppe Jugendlicher auf dem Waldboden gemütlich gemacht. Ein junger Mann schwingt an einem Seil durch die Luft, lässt sich ins Wasser plumpsen, er grölt dabei.

Die anderen Jugendlichen marschieren weiter in Richtung des bekannten Königssee-Wasserfalls, jenem beliebten Badeplatz, der oft als Geheimtipp gehandelt, mittlerweile aber über die Grenzen bekannt ist. Um diesen zu erreichen, muss man allerdings einen kleinen Fußmarsch machen, der auch an jener Stelle vorbei führt, an der die 16-Jährige den Goldbarren gefunden hatte. Auch Norbert kennt den Wasserfall. Er meidet ihn. »Da hinten war ich einmal. Aber da ist immer so viel los«, sagt er, setzt seine Taucherbrille auf und geht vorsichtigen Schrittes am Ufer entlang. Immer wieder bückt er sich, taucht seinen Kopf ins Wasser. Bis auf Steine nichts zu sehen. Seine weibliche Begleitung, deren Name allerdings nicht in der Zeitung erscheinen soll, belächelt die Goldsuchaktion. »Das ist doch alles nur Schwindel«, sagt sie. »Als würde einer sein Gold im Königssee versenken.« Sie schwenkt den Kopf leicht nach links und rechts.

Mittlerweile gibt es mehrere kritische Stimmen, die die goldige Sensationsgeschichte als Märchen abtun. Vielleicht auch als geschickten PR-Coup? Immerhin war der Königssee nach Bekanntgabe des Fundes mehrere Tage in aller Munde. Eine Geschichte mit Seltenheitswert. Perfekt für das maue Sommerloch. Nur Norbert bleibt hart, kopfüber geht es zum Grund. Irgendetwas hat er entdeckt. Lange hält er die Luft an, paddelt mit den Armen, strampelt mit den Füßen, dann taucht er wieder auf. Er hält etwas in der Hand. Goldglänzend. Ein Barren? Nein, ein Kronkorken. Überreste feiernder Königssee-Besucher. Kaum mehr wert als ein benutztes Taschentuch. Norbert lacht. »Einen Versuch war's doch wert.« Dann steigt er wieder aus dem Wasser, setzt sich neben die junge Frau. Die Suche nach dem Königssee-Gold ist beendet. Vieleicht ist die Geschichte einfach zu schön, um wahr zu sein. Kilian Pfeiffer

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