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Scherbenhaufen auf dem Obersalzberg

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Eisige Zeiten für die Dokumentation Obersalzberg und das leitende Institut für Zeitgeschichte: Zwölf ehemalige Rundgangsleiter haben eine Kündigungsschutzklage eingereicht. Das IfZ versucht mit einem Gesprächstermin zu retten, was noch zu retten ist. Archiv-Foto: privat
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Bei dem als »offene Sprechstunde« angekündigten Angebot an die Rundgangsleiter ist die Presse nicht erwünscht, wie der Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Dr. Axel Drecoll, mitteilte. Foto: Anzeiger/Pfeiffer

Berchtesgaden – Eine Klagewelle rollt auf das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) zu: Nachdem in der Dokumentation Obersalzberg allen 22 Rundgangsleitern gekündigt wurde (Verdacht der Scheinselbstständigkeit; wir berichteten), haben bislang zwölf eine Kündigungsschutzklage eingereicht. »Wir klagen auf Fortsetzung unseres Beschäftigungsverhältnisses und auf Weiterzahlung der durchschnittlichen Bezüge«, so heißt es auf Anfrage des »Berchtesgadener Anzeigers« bei den Rundgangsleitern. Das IfZ versucht zu retten, was noch zu retten ist, und reagiert mit dem Angebot einer »offenen Sprechstunde«.


Der Scherbenhaufen ist groß: Über Jahre hat man sich ein großes Team an kompetenten Führungsleitern aufgebaut – und jetzt sind alle weg. Gekündigt wegen des Verdachts auf Scheinselbstständigkeit. Eine Rentenversicherung eines Rundgangsleiters hatte bereits 2012 die Klage gegen das Institut für Zeitgeschichte eingereicht.

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In der Dokumentation Obersalzberg ist der Arbeitsalltag zum Erliegen gekommen. Führungsnachfragen werden personalbedingt nur noch in sehr geringem Umfang positiv beantwortet, der Rest wird abgesagt, wie die Heimatzeitung erfuhr. Zwei Museumspädagoginnen, wobei sich eine derzeit im Krankenstand befindet, kümmern sich um Gästeanfragen. »Das ist aussichtslos«, sagt eine gekündigte Rundgangsleiterin.

Das automatische Buchungssystem, bei dem sich die Besucher für eine gewünschte Führung selbst eintragen konnten, ist stillgelegt worden. Die Namen der 22 ehemaligen Rundgangsleiter und -leiterinnen sind mittlerweile vom Online-Auftritt der Dokumentation Obersalzberg gelöscht.

Zwölf Kündigungsschutzklagen gegenüber dem Institut für Zeitgeschichte liegen mittlerweile vor. Am Mittwoch, 4. Dezember, findet in Bad Reichenhall der erste öffentliche Gerichtstermin des Arbeitsgerichts Rosenheim statt. Verhandelt wird die erste Klage eines Rundgangsleiters. »Wir werden ihn moralisch durch unsere Anwesenheit unterstützen«, heißt es aus den Reihen der Rundgangsleiter. Unter dem Aspekt des Gerichtstermins bekommt nun ein Gesprächsangebot des Instituts für Zeitgeschichte gegenüber den ehemaligen Rundgangsleitern einen Tag darauf eine besondere Note. Warum erst so spät?

Die Einladung, die dem »Berchtesgadener Anzeiger« vorliegt, liest sich wie folgt: »Das Team der Dokumentation Obersalzberg lädt im Namen von Prof. Dr. Andreas Wirsching und PD Dr. Magnus Brechtken zu einer offenen Sprechstunde in die Dokumentation Obersalzberg ein.« Wirsching ist Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Brechtken ist dessen Stellvertreter.

Der Termin scheint für das IfZ hohe Wichtigkeit zu besitzen, nicht anders ist es zu erklären, dass die gesamte Institutsleitung den Weg nach Berchtesgaden findet. Die angekündigte »offene Sprechstunde« scheint allerdings gar nicht so »offen« zu sein, wie man aus der Einladung entnimmt. Pressevertreter sind laut Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Dr. Axel Drecoll, nicht erwünscht, wie er auf Anfrage mitteilt.

Unter den Rundgangsleitern ist die Stimmung noch immer arg getrübt. Die Aussicht auf Erfolg der Klagen seien gut. Allerdings geht es den Doku-Führern nicht um das Geld, wie sie behaupten. »Es geht ums Prinzip und um die Art, wie man mit Menschen umgeht«, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Am Ende könnte eine Festanstellung oder ein Vergleich stehen. Im besten Fall. Natürlich kann die Sache auch ganz anders ausgehen. Im schlechtesten Fall. Kilian Pfeiffer