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Schicksal eines Juden

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Der 95-jährige Robert Behr engagiert sich beim United States Holocaust Memorial Museum. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – 95 Jahre alt ist Robert Behr mittlerweile, in Berlin geboren, beide Eltern Juden.


Nach der Machteroberung der Nationalsozialisten wurden er und seine Familie stigmatisiert, aus ihrer Wohnung vertrieben und schließlich 1942 ins Lager Theresienstadt deportiert. Dort war er unter anderem für das Verbrennen von Leichen zuständig. In der Dokumentation Obersalzberg hat der Zeitzeuge, der seit 70 Jahren in den USA lebt, nun seine bewegende Geschichte erzählt.

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Dass Robert Behr überhaupt den Weg zurück nach Deutschland fand, hat auch mit einer großen Portion Glück zu tun: Dr. Axel Drecoll vom Institut für Zeitgeschichte, der Leiter der Dokumentation Obersalzberg, war vor einigen Wochen mit einem Historiker-Team zu Besuch in Washington. Sie befanden sich auf Recherche-Reise für die geplante bauliche Erweiterung auf dem Obersalzberg. In den Washingtoner Archiven sichteten sie Material für die neue Ausstellung. Drecoll lernte dabei Robert Behr kennen, einen Überlebenden des Konzentrationslagers Theresienstadt, der sich als Freiwilliger seit 2001 beim United States Holocaust Memorial Museum engagiert. Als Zeitzeuge stand er Drecoll und dessen Team beratend zur Seite. »Seine Erzählungen waren ausgesprochen hilfreich, um für die neue Ausstellung auch Biografien von Opfern des NS-Regimes zentral einbinden zu können«, heißt es. Trotz seines hohen Alters vereinbarte Behr, zurück nach Deutschland zu kommen, wo er einst seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, die Dokumentation Obersalzberg zu besuchen, um dort von seinem Schicksal als verfolgter Jude zu berichten.

Wenn Robert Behr von seiner Kindheit erzählt, fühlt man sich als Zuhörer unweigerlich in eine andere Zeit versetzt: 1922 geboren, wuchs Robert, den heute jeder Bob nennt, in Berlin auf. Als einziges Kind einer jüdischen Familie lebte er nach eigener Aussage in »gut bürgerlichen« Verhältnissen. »Das Judentum spielte bei uns in der Familie keine große Rolle«, sagt er. Wenn sein Vater ein-, zweimal pro Jahr in die Synagoge ging, sei das schon etwas Besonderes gewesen: »In erster Linie waren wir Deutsche«, sagt Behr, »in zweiter ebenso und auch in dritter Linie«, fügt er mit einem knappen Lächeln hinzu. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Arzt, die Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges seines »schwierig« gewesen. Deutschland habe gelitten, »unserer Familie ist damals aber nichts passiert«. Der Vater war politisch interessiert, er verfolgte eine große Leidenschaft, hörte immerzu Radio. »Als ich älter war, merkte ich irgendwann, dass etwas nicht stimmte.« Im Radio vernahm Bob immer wieder Dinge, »die ich zwar nicht verstand, die mich aber nervös machten«. Die Juden hätten Schuld an allem, das Ziel sei deren Verbannung aus dem deutschen Leben. Die Stimme verurteilte alles, was jüdisch war, erinnert sich Bob Behr. »Das verärgerte mich.«

Damals ging er zu seiner Mutter, sprach sie darauf an. Die Mutter sagte, dass er sich keine Sorgen machen solle, immerhin lebe man in einer Demokratie, sei behütet von der Regierung. Und überhaupt: Sein Vater sei dämlich, dass er sich »solche Sachen immer im Radio anhört«.

»Unser normales Leben war vorbei«

Am 30. Januar 1933, Bob war elf Jahre alt, »wurden Mutters Worte mit einem Mal zerstört«: Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte den Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und »Führer« der stärksten Reichstagsfraktion, Adolf Hitler, zum neuen Reichskanzler. Selbst heute sei es für Behr schwierig zu schildern, wie heftig die Veränderungen von einem auf den anderen Tag waren. Deutschland habe sich mit einem Schlag geändert. »Unser normales Leben von einst war vorbei.« Als jüdische Familie stand man am Pranger, »uns wurde alles in die Schuhe geschoben, wir wurden von Anfang an angeklagt – und die Deutschen machten einfach mit«, sagt Behr, der sich an einen Kaffeeklatsch kurz nach Hitlers Machtergreifung erinnern kann.

Freunde der Eltern seien zu Besuch gewesen, recht schnell hätten sich die Anwesenden in zwei Lager geteilt. Die einen sagten, dass man sich vor Hitler in Sicherheit bringen müsse, die anderen, darunter auch Bobs Eltern, sagten, dass das Unsinn sei. »Meine Mutter vertrat die Ansicht, dass Hitler schnell wieder fallen gelassen und wieder Normalität in das Leben unserer Familie eintreten werde.« Es kam anders: »Wir Juden wurden nach und nach aus dem öffentlichen Leben verbannt.« Robert Behrs Vater, der als Arzt arbeitete, bemerkte die Wandlung im Berufsleben. Als Jude konnte er nur noch Privatpatienten behandeln. Einmal, erzählt Behr, habe eine Frau an der Tür geklingelt, die den Vater sprechen wollte. Dieser saß im Wohnzimmer und weigerte sich, mit der Frau zu sprechen. »Ich musste die Dame abwimmeln und war deshalb bitterböse auf meinen Vater.« Erst später erfuhr Robert Behr, dass es eine Patientin war, die Hilfe benötigte. »Mein Vater erklärte mir, dass es ihm nicht erlaubt sei, nicht-jüdische Patienten zu behandeln.«

Ein krasser Einschnitt in Robert Behrs Leben bedeutete der Abschied von seiner Nanny Betty, die aus Ansbach kam. »Betty zog mich groß.« Als Robert 15 Jahre alt war, musste Betty die Familie verlassen: »Sie war eine christliche Frau und durfte nicht mehr bei uns arbeiten«, sagt der alte Herr, für den damals eine Welt zusammenbrach.

»Man tat alles, um uns das Leben zu versauen«

Der 95-Jährige reagiert auch heute noch emotional, wenn er sich an die Zeit erinnert: »Man tat damals einfach alles, um uns das Leben zu versauen«: Haustiere wurden Juden plötzlich verboten, »wir durften kein Telefon haben, nicht ins Kino gehen, kein Auto fahren. Wir waren von unzähligen anti-jüdischen Vorstellungen umgeben.« Auch, wenn die Behrs irgendwann ans Auswandern dachten, blieb eine Umsetzung schwierig. Robert Behr sagt, dass die Familie zu keinem Zeitpunkt wusste, was der nächste Tag bringen würde. Tausende Juden wurden verhaftet, auch Roberts Vater. Er kam in das KZ Buchenwald. Auch Robert kam ins KZ, nach Theresienstadt, musste dort Leichen verbrennen, damit keine Seuchen um sich greifen konnten. »Ich dachte, ich muss sterben, ich war krank, wollte nicht mehr leben«, sagt er. Behr durfte Theresienstadt lebend verlassen. Nach dem Krieg verließ er Deutschland in Richtung USA und trat der Army bei. Als Übersetzer kam er später zurück nach Berlin und half unter anderem bei Verhören ehemaliger Nationalsozialisten. Nach einer langen Karriere bei der US Air Force wurde er 1988 pensioniert. Kilian Pfeiffer