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Schleusersuche im Morgengrauen

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Eine Festnahme kann die Polizei bei der Schwerpunktkontrolle in Piding durchführen. Der Mann soll einen Kosovaren illegal nach Deutschland geschleust haben. (Fotos: Rothenbuchner)
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Pressesprecher Andreas Guske vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd.
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Da hat sich die Polizei getäuscht: Bei der Kontrolle dieses Lieferwagens gab es am Dienstag falschen Alarm.

Piding – Marihuana in der Unterhose, ein schlafender Arbeiter und ein ungarischer Schleuser. Das ist die Bilanz der gestrigen Schwerpunktkontrolle an der Autobahnausfahrt Piding Nord auf der A 8 in Richtung München.


Auf den ersten Blick scheint einiges los zu sein, als die eingeladenen Journalisten gegen fünf Uhr morgens in Piding ankommen. Einige Autos werden gerade auf den Platz gelotst. Ein anderes wird ausgeräumt. Dazwischen die 22 Polizisten, die hier im Einsatz sind. Auf den zweiten Blick wirkt die Szene schon etwas weniger eindrucksvoll. Jedes Auto – mit Ausnahme des kleinen roten, um das gerade eine Menge Zeug herumliegt – wird innerhalb von Minuten weitergewunken. Auch die Beamten wirken nicht angespannt. Wie bei Routinekontrollen ohne besondere Vorkommnisse.

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Dann kommt aber doch Bewegung in die Reihen. Es sieht fast so aus, als hätten die Beamten etwas gefunden. Die seitliche Schiebetür eines weißen Lieferwagens wird langsam geöffnet. Daneben steht der Fahrer des Transporters, sichtlich müde. Er scheint sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen. Tatsächlich: Als die Polizisten die Tür geöffnet haben, kommt ein weiterer Mann zum Vorschein. Es sieht so aus, als wäre den Beamten ein Schleuser ins Netz gegangen. Die anwesenden Journalisten haben bereits ihre Fotoapparate gezückt, um die Verhaftung festzuhalten. Doch da winkt die Polizei ab. Kein Schleuser, nur zwei übermüdete Arbeiter. Der Mann im hinteren Teil des Lieferwagens ist nicht etwa ein Flüchtling, sondern der Beifahrer. Er hatte wohl beschlossen, während der Fahrt ein Nickerchen zu machen. Nach der Kontrolle seiner – gültigen – Papiere dürfen die beiden Männer daher unter den Blicken einiger schmunzelnder Beamter weiterfahren.

Eine Verhaftung

Einen mutmaßlichen Schleuser können die Beamten dann aber doch verhaften. Bei der Kontrolle eines BMW mit ungarischer Zulassung stellt sich heraus, dass einer der Männer keine gültigen Papiere bei sich hat. Der ungarische Fahrer behauptet gegenüber der Polizei, er habe den Kosovaren an einer Tankstelle mitgenommen und auch kein Geld dafür verlangt. »Diese Geschichte hören wir hier aber öfter«, erzählt Pressesprecher Andreas Guske vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd. »Die beiden Männer werden jetzt in die Polizeiinspektion Fahndung in Urwies gebracht, um ihre Aussagen zu überprüfen. Dann entscheidet sich, ob Anklage erhoben wird.«

Das ausgeräumte rote Auto erregt Aufsehen abseits der eigentlichen Kontrollen. Das Marihuana in der Unterwäsche des Fahrers versetzt den Drogenspürhund kurz in Aufregung. Sonst bleibt es relativ still auf dem scheinwerferbeschienenen Platz neben der Autobahn. So ruhig, dass die anwesenden Pressevertreter sich mit Andreas Guske irgendwann andere Gesprächsthemen, als die Schleuserproblematik, suchen. Das Aussehen des Kontrollplatzes zum Beispiel.

»Auf dem Weg hierher sieht es so aus, als würde man auf eine Baustelle zufahren«, stellt ein Journalist anerkennend fest. »Das haben Sie wirklich gut getarnt.« Ein Kompliment, das Guske sichtlich überrascht. »Ich weiß nicht, ob das geplant war. Das Equipment wird von der Autobahnmeisterei zur Verfügung gestellt.« Jemand dürfte sich aber doch etwas dabei gedacht haben. Darauf lässt zumindest das »Bauarbeiten«-Schild schließen, das dem Journalisten bei der Anfahrt aufgefallen ist.

Natürlich wird mit dem Pressesprecher auch über die Hintergründe der Schwerpunktkontrollen gesprochen. »Die Polizei verfolgt vor allem zwei Ziele«, erzählt Guske den Anwesenden. »Flüchtlinge aufzugreifen, bevor sie auf der Autobahn ausgesetzt und zu einer Gefahr im Straßenverkehr werden. Und natürlich die Schleuser selbst zu fassen. Allein im August wurden im Dienstbereich der Direktion Oberbayern-Süd 14 700 illegal eingereiste Personen aufgegriffen.« Das erste Ziel hat sehr aktuelle Hintergründe. Immer häufiger hört man in den vergangenen Wochen von Menschen, die auf Autobahnen und anderen Straßen unterwegs sind. Erst vor Kurzem ist bei Kirchham im Landkreis Passau eine Frau in eine Gruppe Flüchtlinge gefahren. Fünf Menschen wurden dabei zum Teil schwer verletzt. Die Gefahr, dass so etwas wieder passiert, ist groß. »Diese Menschen haben im Straßenverkehr ein anderes Gefahrenbewusstsein als wir«, sagt Andreas Guske. »In ihrer Heimat rechnen Autofahrer damit, Fußgängern auf der Straße zu begegnen.« Bei uns ist dies zumindest auf Autobahnen anders. Deshalb versucht die Polizei nun, mit vermehrten Schwerpunktkontrollen die Situation zu entschärfen.

Lieferwagen sind verdächtig

Zumindest in dem Punkt ist man in Piding an diesem Dienstag erfolgreich. Schlepper sind hingegen Mangelware an der Kontrollstelle. Seit drei Uhr früh werden Fahrzeuge nach dem Grenzübergang Walserberg auf die rechte Fahrspur umgeleitet. Von dort können gezielt verdächtige Autos und Transporter kontrolliert werden. Insbesondere Lieferwagen nimmt die Polizei genau unter die Lupe. In diesen hat man in der Vergangenheit bereits häufig größere Gruppen illegal eingereister Personen gefunden. »Das typische Schleuserfahrzeug ist ein weißer Lieferwagen«, gibt Guske Auskunft. Tatsächlich sind viele davon unter den angehaltenen Autos. Nur Schleuser sitzen keine darin.

Trotz gut getarnter Kontrollstelle werden keine weiteren Schleuserfahrzeuge entdeckt. »Die meisten Schleuser werden in der zweiten Nachthälfte und am frühen Morgen gefasst, also zwischen zwei oder drei Uhr nachts und sieben Uhr morgens. Viel wird heute nicht mehr passieren«, weiß Guske. Zu dieser Ansicht gelangen auch die anderen Anwesenden. Bis etwa acht Uhr soll noch kontrolliert werden, danach wird es wieder Streifen auf der Autobahn geben. In den nächsten Nächten sollen die Kontrollen an der Autobahnausfahrt aber weitergeführt werden.

Andreas Guske verbucht die Aktion als Erfolg: »Zwar waren heute nicht viele Schleuser dabei, doch immerhin ist sichergestellt, dass keine Personen irgendwo auf der Autobahn ausgesetzt werden und so eine Gefahr für sich und andere darstellen. Die Schleuser scheren sich immerhin keinen feuchten Kehricht um die Flüchtlinge.« Alexandra Rothenbuchner