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Schnapp das Schnäppchen – Jahresflohmarkt in Berchtesgaden

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Alle wollen die Ersten sein: Kaum war das Absperrband durchtrennt, ging die wilde Jagd auf das beste Schnäppchen los. Weitere Bilder im Internet unter www.berchtesgadner-anzeiger.de. (Fotos: Tessnow)
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Mit Hut ist die Laune gut: Die Ehrenamtlichen hatten sichtlich Spaß beim Verkauf.

Berchtesgaden – Massenandrang der Schnäppchenjäger. Als am Freitagabend das rot-weiße Absperrband zerschnitten wurde, konnte man kaum einen Schritt gehen, so voll war es. Der Jahresflohmarkt, der sonst alljährlich im Pfarrheim St.  Andreas stattfindet, musste heuer wegen Umbauarbeiten in den AlpenCongress und Kurgarten verlegt werden.


Mit welcher akribischen Hingabe die Mitarbeiter die unzähligen Teile positioniert haben, war der Wahnsinn. Wahnsinn auch, was sich auf der anderen Seite des Absperrbands bereits eine Stunde vor Beginn abspielte. Um Punkt 17 Uhr dann der Massenandrang. Der »Berchtesgadener Anzeiger« mischte sich unter den Trubel und fing Impressionen ein.

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Bereits Tage vor der Eröffnung des Flohmarkts wuselten Mitarbeiter vor und im Verbindungstrakt des AlpenCongress herum, um Tausende Artikel zu sortieren. Immer wieder kamen neue Kartons hinzu, aus denen sich Gespendetes zu verkaufen lohnen sollte. Oft gestaltete sich der Inhalt als diskutable Wundertüte. Präsentiert der moderne Verbindungstrakt sonst hochwertige Kunstexponate oder bleibt sauber leer gewischt, sah es dort am Wochenende schon etwas bizarr oder zumindest vollkommen ungewohnt aus. Denkt man sich mal die Besucher weg, waren die Quadratmeter allein schon vollgestellt mit Trash, Ton oder Tüll. Die bunten Zelte im Kurgarten vermittelten fast den Eindruck von einem kuriosen Besuch eines Wüstensohns samt Harem.

Am Freitagnachmittag versammelten sich weit vor Öffnung des Flohmarkts viele Menschen vor dem Absperrband. Die Sonne knallte. Mancher nutzte seinen Einkaufssack als Hitzeschutz. Als dann um Punkt 17 Uhr der Start begann, gab es für die Trödelfans kein Halten mehr. Die Szenerie ähnelte einem Sommerschlussverkaufseinlass. Alle wollten die Ersten sein. Schnell füllte sich der Verbindungstrakt mit Schnäppchenjägern. Im Kurgarten wurden Töpfe und Pfannen begutachtet und über allen waberte der Grillduft.

Ein Blick in die Regale: natürlich Bücher, Bücher und noch mehr Bücher. Wie immer ordentlich in Bananenkartons gegliedert. Daneben Gesellschaftsspiele. Was früher mal »Spitz pass auf!« oder »Fang den Frosch« und »Malefitz« hieß, um den Gegner Steine in den Weg zu legen, heißt heute: »Kill the Terrorizer« oder ähnlich. Und überhaupt was so alles mal als Blickfang für die Stube galt. Schrill, spießig, ein Fehleinkauf oder epochales D-Mark-Glump, jetzt für nur 1 Euro zu haben. »Der letzte Schrei« als Sammlerglück. Jedem halt das Seine.

Und die Menschen? Wer geht auf Flohmärkte und wer kauft was? Alle! Und: Ja, es gibt ihn noch, den weiß bestrumpften Sandalettenrentner mit Hawaiihemd und Formel 1-Mütze. Hier fällt er am wenigsten auf. Seine Frau modisch parallel orientiert. Versandhausschnäppchen oder wie aktuell betitelt: »Last-Summer-Sale-Out-Ware«. Und so stehen sie da und gucken und schlängeln sich zusammen mit den anderen hundert Individualisten durch die Relikte ihrer eigenen Vergangenheit. Aber auch Freaks, Sammler und Touristen mischen sich gern in den beliebten Berchtesgadener Flohmarkt. Und Feilschen gibt es nicht nur auf den Basaren von Flüchtlingsländern.

Zurück zum Hintergrund: Es ist fast unglaublich, was die Mitarbeiter an Organisation und Aufbau geleistet haben, um den Flohmarkt des Jahres wieder auf die Beine zu stellen. Die Veranstaltungsleitung oblag heuer der Kolpingsfamilie mit einem Team von rund 150 Ehrenamtlichen. Das Gesamtresümee der Organisationsleiter war überwältigend. Alle waren erfreut, dass der Flohmarkt wieder so ein Wahnsinnserfolg wurde.

Ein Glanzpunkt noch zum Schluss: Wer um 16 Uhr am Samstag im Kurgarten flanierte, fand nichts mehr vor. In drei Stunden war alles weg. Besenrein. Als wäre es eine Fata Morgana gewesen. Lediglich ein paar Tauben suchten noch im Kies nach Bosnakrümeln. Was der Flohmarkt gebracht hat, beziehungsweise welchen gemeinnützigen Unternehmen und Vereinen die Einnahmen zugutekommen, wird wie jedes Jahr im Herbst im Pfarrheim bekannt gegeben. Jörg Tessnow