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Schneizlreuther Ausflugslokal Haiderhof vor dem Aus?

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Sie bangen um ihre Existenz, wenn die Jausenstation und die Zimmer geschlossen werden (v.l.): Rolf und Sabina Stibler mit ihren Kindern. Foto: Anzeiger/Hudelist

Schneizlreuth – Eine Jausenstation und eine Herberge, die seit 60 Jahren alle kennen, außer das Bauamt im Landratsamt. Das ist die Situation, die der Familie Stibler seit Anfang des Monats Existenzängste beschert. Sie haben rund 150 000 Euro in eine neue Küche und eine Heizanlage gesteckt, jetzt kommt die Baubehörde und sagt, wir können das nicht genehmigen, weil wir von beiden nichts wissen. Seit 60 Jahren gibt es zwar eine gewerberechtliche Genehmigung, aber um eine Baugenehmigung hat sich nach dem Krieg offensichtlich niemand gekümmert. Jetzt droht der Fall zu eskalieren, das Landratsamt hat die Zimmer geschlossen und will auch die Jausenstation dicht machen, wenn keine entsprechenden »Bauanträge« kommen.


Das Bauernhaus wurde erstmals 1512 urkundlich erwähnt, die Eltern von Heinrich Auerbach führten es nach dem Zweiten Weltkrieg als Bauernhaus und nahmen zahlreiche Flüchtlinge aus Bad Reichenhall auf. Heinrich Auerbach erinnert sich, »dass schon meine Eltern seit den 1950-er Jahren eine Jausenstation betrieben und Brotzeit und Getränke verkauft haben.« Heinrich Auerbach selbst verpachtete dann das Bauernhaus, auch die Pächter betrieben immer beides: eine Jausenstation mit Tischen im Freien und eine Zimmervermietung, erst für Urlauber, später dann auch für Schüler. Seit 1999 gibt es unter dem Dach ein Matratzenlager, »von da an kamen auch immer wieder Schulklassen aus der Umgebung und aus Salzburg zu uns«, so Auerbach. Bis 2014 pachtete die Familie Kastner den Haiderhof, idyllisch eingerahmt von der Reiteralpe, dem Achberg und der Loferer Alm sowie dem Wendelberg und dem Müllnerhorn.

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Ende Mai 2014 lief der letzte Pachtvertrag aus, Sabine Stibler und ihre Familie sahen ihre große Chance gekommen. »Es war schon immer mein Traum, mein Elternhaus einmal zu übernehmen und es als Landwirtschaft sowie Jausenstation und Zimmervermietung fortzuführen«, so Sabina Stibler, die Tochter von Heinrich Auerbach. Die gelernte Bankkauffrau bereitete sich akribisch auf ihr neues Leben vor, machte Landwirtschaftskurse und besuchte Seminare zum Thema Bauernhof-Gastronomie, die gesamte Familie freute sich auf den Umzug von Bad Reichenhall zum Haiderhof.

Bevor die vierköpfige Familie ihre Koffer packte und übersiedelte, kümmerte sich Sabina Stibler schon beim Landratsamt um die notwendige Konzession für die Jausenstation. »Die Schankkonzession habe ich sehr schnell bekommen, es gab keinerlei Probleme.« Das war auch gut so, denn an schönen Tagen kamen an die 200 Radfahrer und Wanderer vorbei, ein gutes, erstes Geschäft für die Jausenstation am Tauernradweg und Jacobsweg.

Am 4. Juni kamen drei Mitarbeiterinnen im Landratsamt allerdings auf die Idee, sich den Haiderhof doch mal vor Ort anzusehen, im Gefolge des Gewerbeamtes und der Lebensmittelüberwachung war auch eine Beamtin des Bauvollzuges. Letztere muss beim Anblick der Jausenstation und der Zimmer aus allen Wolken gefallen sein, denn für beides gibt es keine Baugenehmigung. Für die Baubehörde gibt es also offiziell weder eine Jausenstation noch eine Herberge. »Ich habe den drei Beamtinnen erklärt, dass ich am Konzept des Hauses nichts ändern will und habe auch erwähnt, dass bald wieder Schulklassen des Karlsgymnasiums kommen können.«

Spätestens da schrillten beim Bauamt offensichtlich die Alarmglocken, »bemängelt wurde, dass eine Fluchttür fehlt, Brandmelder und ein Geländer beim Stiegenaufgang. All das hätten wir natürlich sofort eingebaut«, so Stibler. Doch ein Amt kann erst tätig werden, wenn es einen Antrag gibt. Da die Zimmer baurechtlich nie eine Genehmigung hatten, wollte das Amt einen »Antrag auf Nutzungsänderung«, ähnlich einem Bauantrag. Das wiederum versteht Sabina Stibler nicht, denn ihrer Meinung nach ändert sich keine Nutzung, es wurden 60 Jahre lang Zimmer vermietet und sie wolle das auch. Sie erkundigte sich bei verschiedenen Verbänden, die ihre Meinung bestätigen und sagen, es sei keine Nutzungsänderung und daher auch kein Antrag nötig. Das Landratsamt blieb bei seiner Sicht der Dinge, schickte ab Mitte Juni zwei Mahnungen und drohte mit der Schließung. Kurz vor Ende der Frist schrieb Stibler an das Amt, sie bestreitet nach wie vor die Notwendigkeit einer Nutzungsänderung.

Es kam zum Eklat, das Landratsamt verschickte am 1. September einen Bescheid mit dem Inhalt, »es wird Ihnen untersagt, ab dem ersten Tag der Zustellung das Anwesen Haiderhof zur Beherbergung zu nutzen«. Sollte sich die Familie Stibler nicht daran halten, dann wird ein Zwangsgeld in Höhe von 3 000 Euro angedroht.

Als ob dieser Schock für die Familie Stibler nicht schon genug wäre, wurde mit dem gleichen Bescheid auch gleich der Betrieb der Jausenstation untersagt, hier allerdings mit einer Frist bis Anfang November 2014. »Gegen den Bescheid ist auch kein Widerspruch möglich, sondern wir müssten gleich beim Verwaltungsgerichtshof in München klagen«, so Stibler, die sich jetzt erst einmal einen Anwalt nehmen will.

Sie und ihre Familie können nicht verstehen, dass 60 Jahre lang alles lief, »wir haben Kurtaxe und Steuern bezahlt, unsere Jausenstation ist in allen Prospekten des Landkreises enthalten.« Ohne die Gastwirtschaft und ohne die Zimmer fürchtet die Familie, dass sie die Landwirtschaft und die 93 Hektar Grund nur schwer erhalten kann.

Der Sprecher des Landratsamtes, Andreas Bratzdrum, bestätigte den Sachverhalt und wiederholte, dass es weder für die Gaststätte noch für die Herberge jemals eine baurechtliche Genehmigung gab. »Darum haben wir die Familie Stibler gebeten, entsprechende Anträge einzureichen.« Soll heißen, eine Küche, die es im Bauamt offiziell bisher nicht gab, kann erst durch einen Antrag genehmigt werden, ebenso verhält es sich mit der Zimmervermietung. »In den 1960-er Jahren haben die Gewerbeaufsicht und das Bauamt ihre Informationen offensichtlich nicht so sauber verknüpft wie das heute geschieht«, so Bratzdrum. Der Sprecher des Landratsamtes verspricht, dass das Amt der Familie behilflich sein will, »schon am Montag werden wir auf Frau Stibler zukommen.« Eine »gute Nachricht« für das Oktobergeschäft gibt es doch noch: »Der Bescheid zur Gaststätte tritt erst vier Wochen nach Ende der Widerspruchfrist in Kraft, also am 4. November.« Generell ist man aber im Landratsamt der Meinung, »dass sowohl die Gaststätte als auch die Zimmervermietung erhalten werden können.« Michael Hudelist