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»Schonungslos darstellen, nichts relativieren«

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In den Bunkeranlagen der Dokumentation Obersalzberg findet bis einschließlich 7. April 2013 die 7. Winterausstellung »In Memoriam« statt. Fotos: Anzeiger/kp
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Kurator Dr. Michael von Cranach: »Wir wollen schonungslos darstellen, nichts relativieren«.

Berchtesgaden - Zu einem der größten Verbrechen des NS-Regimes zählt das nationalsozialistische »Euthanasie«-Programm. Über 200 000 Menschen, psychisch erkrankt oder behindert, wurden während der Kriegsjahre umgebracht, 10 000 Kindertötungen gab es. »Aber die Aufarbeitung fand erst sehr spät statt«, so Kurator Dr. Michael von Cranach während der Eröffnung der 7. Winterausstellung »In Memoriam« in der Dokumentation Obersalzberg. Für den Lern- und Erinnerungsort hat von Cranach die Schau, die seit 1999 existiert und bereits in mehreren Ländern gezeigt wurde, durch zahlreiche Ortsbezüge und Zeitzeugeninterviews ergänzt. Die Ausstellung läuft bis 7. April 2013.


Eines Generationenwechsels habe es bedurft, damit die Vergangenheitsaufarbeitung erst überhaupt in Gang kam, so von Cranach, der Leiter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren war. Die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei symptomatisch für das Verdrängen und das Verschweigen von Tatsachen gewesen. »Es hat viel zu lange gedauert, bis die deutsche Psychiatrie ihre eigene Verstrickung in das Euthanasie-Programm erkannt hat und damit begann, es aufzuarbeiten.« Dramatisch ist dies auch deshalb, weil die »Vernichtung lebensunwerten Lebens« besonders auf die Urteile von Psychiatern zurückzuführen war, die über »wertvolles« oder »wertloses« Leben entschieden hatten. Erst in den 80er-Jahren sei die mörderhafte Verstrickung von Medizin und Psychiatrie in den Blick der Öffentlichkeit gelangt.

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Hunderttausende psychisch Kranke und Behinderte sind im Rahmen des »Euthanasie«-Programms getötet worden. Auf dem Obersalzberg fielen wichtige Entscheidungen hinsichtlich des staatlich veranlassten Mordprogramms. So war es etwa Karl Brandt, der als einer der beiden »Euthanasie«-Beauftragten galt und Hitler als dessen Arzt begleitete. Zahlreiche Belege existieren, die dokumentieren, dass das Töten psychisch Kranker und behinderter Menschen auch vom Obersalzberg aus veranlasst wurde. Demnach sei es nur folgerichtig gewesen, die Wanderausstellung, die vor 13 Jahren ins Leben gerufen wurde, nach Berchtesgaden zu holen, sagte von Cranach. Erstmals wurde sie 1999 auf dem Weltkongress für Psychiatrie gezeigt.

»Wir waren damit auch schon in Italien, in Spanien und weiteren Orten in Europa«, weiß der Kurator. Das Interesse war allerorten überwältigend. Deshalb entschieden sich die Verantwortlichen dafür, die Ausstellung mit einem Lokalbezug zu ergänzen. So wurde etwa die Vorgeschichte des »Euthanasie«-Programms aufbereitet, die Winterausstellung um Zeitzeugeninterviews ergänzt. Eindrucksvoll zeigt die Ausstellung in Text und Bild die durch Nationalsozialisten verübten Grausamkeiten. Dass etwa die Direktoren psychiatrischer Anstalten dazu aufgefordert wurden, Meldebögen ihrer Patienten an eine eigens eingerichtete Abteilung zu senden. Aus diesen Schriftsätzen sollte hervorgehen, ob ein Patient die Kriterien für eine Tötung erfüllte.

Briefe von Angehörigen, die um das Schicksal ihrer verschwundenen Liebsten bangten, finden sich zuhauf. Verzweifelte Ehefrauen (»Vor fast acht Jahren habe ich meinen Mann zu treuen Händen übergeben … Helfen Sie mir bitte!«), Väter und Mütter, die auf der Suche nach ihren Kindern sind. Ab Oktober 1939 wurde die »Kindereuthanasie« systematisch organisiert, 30 Fachabteilungen gab es im Reichsgebiet. »Wurden die Kinder als sogenannte Beobachtungsfälle eingewiesen, fertigte der zuständige Leiter einen Bericht, anhand dessen der Reichsausschuss entschied, ob weiter beobachtet oder getötet werden sollte«, heißt es in einem begleitenden Text in der Winterausstellung.

Besucher der Winterausstellung erfahren Details über das Hungersterben, herbeigeführt durch die Verabreichung komplett fettloser Kost, bis hin zu gezielten Tötungen mithilfe von starken Medikamenten. Von Menschenversuchen ist die Rede, dargelegt an Originaldokumenten, die den Besucher allein wegen der bedingungslosen Grausamkeit schockieren. Das damalige Berufsfeld des Psychiaters wird in den Bunkeranlagen am Obersalzberg aufgeschlüsselt, auch Täterbiografien, etwa jene des Psychiaters Dr. Valentin Faltlhauser, der gemeinsam mit seinen Mitarbeitern rund 500 Menschen töten ließ.

Für Kurator Dr. Michael Cranach geht es in der Winterausstellung in der Dokumentation Obersalzberg vor allen Dingen darum, die Opfer zu würdigen. »Wir wollen schonungslos darstellen, nichts relativieren, und zeigen, was damals passiert ist«, so der Ansatz des Mediziners. Und man sucht Antworten auf die Frage, wie es zu einem »Euthanasie«-Programm überhaupt kommen konnte, wie Menschen zu solchen grausamen Mördern wurden. Diese zu finden, scheint kaum möglich. »So etwas darf nie mehr passieren«, sagt von Cranach.

Die Winterausstellung in der Dokumentation Obersalzberg läuft noch bis einschließlich 7. April 2013. Weitere Begleitveranstaltungen sind geplant. Am Donnerstag, 25. Oktober, referiert Gerrit Hohendorf um 19.00 Uhr zum Thema »Krieg und Krankenmord 1939-1945. Die Tötung von Psychiatriepatienten durch SS und Wehrmacht in Polen und der Sowjetunion«. Auf Anfrage organisiert die Dokumentation Obersalzberg auch Führungen durch die Winterausstellung. Ansprechpartnerin ist Museumspädagogin Nina Riess (Telefon 08652/9479622). kp