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Choreograf und Tänzer Jochen Roller inspiriert von der Berchtesgadener Tanztradition

Schuhplattln auf Samoa

Berchtesgaden – Südseekultur verbunden mit bayerischer Tradition? Schuhplattln auf Samoa? Ein mehrfacher Widerspruch in sich. Was aber, wenn ein exotischer Künstler genau diese Gegensätze vermischt? Jochen Roller versucht die ethnische Provokation. Er greift traditionelle Tanzkulturen auf und überarbeitet diese mit atypischen Elementen. Der Berliner erreichte mit seinem post-kolonialen und folklore-choreografischen Projekt »Trachtenbummler« zuletzt von Publikum und Presse weltweite Aufmerksamkeit. In Berchtesgaden sollten neue Impulse gewonnen werden.

Samoanische Tänze im Talkessel. (Foto: privat)
Jochen Roller. (Foto: privat)

Jochen Roller ist ein Weltenbummler. Immer auf der Suche nach Ausdruckstänzen. Während einer Südseereise wurde der berühmte Choreograf nach Tänzen in seiner Heimat gefragt. Wenig später wurde die Idee seines Bühnenstücks »Trachtenbummler« geboren. Denn eine Verbindung zwischen Deutschland und Samoa ist existent. Anfang des vergangenen Jahrhunderts war die Südseeinsel eine deutsche Kolonie. So begann Roller sich mit Tanz und Brauchtum auseinanderzusetzen.

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In den Figuren und Techniken des samoanischen Tanzes Fa'ataupati fand er Gemeinsamkeiten mit dem Schuhplattln. »Es war Zeit, damit zu experimentieren«, meinte der Berliner. »Der Konservatismus«, erklärt Roller, »mit dem die Folkloregruppen verbissen versuchen, ihr Brauchtum vor Veränderung zu bewahren, reizte mich. Bekanntes als Fremdes gestalten«. Das wurde sein Motto.

Der Dramaturg wagte den Crossover. Er will dabei Bewährtes aber nicht infrage stellen. Gleichzeitig sollen durch überraschende Variationen Kontrapunkte erzeugt werden. Ein markanter Verfremdungseffekt, mit dem Roller dieses provokant umsetzt, ist die Musiktitelauswahl zur jeweiligen Performance. So werden dem traditionellen Schuhplattler Trip Hop Klänge untergejubelt. »Je mehr Zählzeiten sich ändern, desto mehr Identität wird erzeugt«, interpretiert Jochen Roller die Aussage seines Projekts. Das ist bizarr und vor allem mutig. Für die Trachtenvereine im Talkessel wäre das absolut indiskutabel und die Haferlschuh' knallten kräftig auf das Parkett.

Das Brauchtum soll natürlich so bleiben, wie es ist. Denn Jochen Roller ist fasziniert von Tanzästhetik und Tracht. Daher entschloss sich der 44-jährige Berliner mit seinem Team zu einer Exkursion in den Talkessel. Neben Projektleiterin Andrea Keiz waren auch drei Tänzer aus Samoa dabei. Paul Tuisaula, Lafaele Fagasa und Malili Tautala. Alle sind sie topfit und gingen locker als Boygroup durch.

Bei tropischen Temperaturen im Markt sah es lustig aus, wie die Insulaner spartanisch und samoanisch bekleidet Richtung Nonntal zum Kanzlerhaus flanierten und die Blicke auf sich zogen. Für das neue Bühnenprogramm »Them and us« (Premiere am 16. September in Berlin) wollte Choreograf und Tänzer Roller noch direkt von der Basis Informationen und Impressionen gewinnen, um seine Arbeit zu vertiefen. Bei der historischen Nachtwächterin Anna Glossner gab es Wissenswertes über die Geschichte Berchtesgadens. Lederhosenmacher Franz Stangassinger zeigte dem Team alles über die Herstellung des wichtigsten bayerischen Trachtenutensils. Bei Bilderbuch-Bergkulissen konnten faszinierende Videoclips gedreht werden. Richtig schrill wurde es beim geheimen Promo-Dreh mit »Schuhplattlereinlagen« in der Berchtesgadener Ache.

Yuki Kihara, die Co-Regisseurin und Medienkünstlerin auf Samoa zeigte sich überrascht von der Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit der Berchtesgadener. Zumal das keine Selbstverständlichkeit ist, wenn ein »preußisches Team« sich innovativ oder gar subversiv an die Trachtentradition heranwagt. Auf die Frage, welche Botschaft Roller vermitteln möchte, antwortete der Künstler: »Dass die anderen so anders sind, stimmt gar nicht.« Jörg Tessnow