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Schutz für die Lebensader von Schneizlreuth

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Mit einem symbolischen Akt fiel der Startschuss für den Bau der Lawinenschutzgalerie (v.l.): Ministerialrat Karl Goj, Bürgermeister Wolfgang Simon, Landrat Georg Grabner, Bauamtsleiter Sebald König, Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber, der Kaufmännische Geschäftsführer der ausführenden Baufirma Karl Steinmayr und Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner. Foto: Morbach

Bad Reichenhall – Zum Schutz vor Georisiken und Naturgefahren wird an der Bundesstraße 21 im Bereich Baumgarten eine neue Lawinenschutzgalerie entstehen. Gestern gab es zum Baubeginn des Millionenprojekts einen Festakt vor Ort. Der Leiter des zuständigen Staatlichen Bauamtes Traunstein Sebald König und Ministerialrat Diplom-Ingenieur Karl Goj von der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Inneren, für Bau und Verkehr informierten umfassend über den Verlauf der Maßnahme, Kosten und Hintergründe.


Sebald König bezeichnete die Bundesstraße 21 als eine der wichtigsten Verkehrsachsen im Landkreis Berchtesgadener Land. Sie gilt als stark befahrene Bundesstraße mit einer Verkehrsbelastung von rund 7 000 Fahrzeugen binnen 24 Stunden und einem Schwerverkehrsanteil von im Schnitt 1 000 Lastkraftwagen. Zu den verkehrsbedingten Gefahren kommen solche durch natürliche Ereignisse hinzu. Dazu zählen Hochwasser an den Wildbächen, Murenabgänge, Lawinen, Stein- und Blockschläge, Felsstürze und Eisschläge.

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Erreichbarkeit hat Priorität

In Abstimmung mit der Obersten Baubehörde fiel der Entschluss, für die B 21 ein »Integrales Schutzkonzept« gegen diese Naturgefahren zu entwickeln, so König. Ziel ist es, die Bundesstraße durch das Zusammenwirken verschiedener Maßnahmen so zu schützen, dass sie sowohl für den regionalen als auch den überregionalen Verkehr ganzjährig mit größtmöglicher Sicherheit befahrbar ist.

Bei der Entscheidung, welches Schutzniveau zugrunde gelegt wird, spielten neben dem Schadenspotenzial auch Faktoren wie der durchschnittliche tägliche Verkehr (DTV), die Verkehrsbedeutung der Straße und die Umleitungsmöglichkeiten eine entscheidende Rolle. Basierend auf diesen Untersuchungen wurde ein Schutzkonzept entwickelt, das in den nächsten Jahren entlang der gesamten Strecke umgesetzt werden soll. Wegen der Komplexität und des Umfanges dieses Projekts gibt es eine Prioritätenliste. So steht in einem ersten Schritt neben dem Schutz der Verkehrsteilnehmer die Erreichbarkeit der Gemeinde Schneizlreuth von und zur Kreisstadt Bad Reichenhall im Vordergrund, damit eine Notfallversorgung in der Gemeinde jederzeit gewährleistet ist. Im zweiten Schritt soll eine durchgängige überregionale Verbindung im Abschnitt zwischen der Landesgrenze Melleck und Schneizlreuth gesichert werden.

Die bisherigen Erfahrungen und die Auswertungen der Untersuchungsergebnisse hätten gezeigt, so König, dass die B 21 im Bereich Baumgarten unterhalb des Vogelspitzes am stärksten durch Naturgefahren gefährdet ist und daher Priorität hat.

Ablauf und Bauzeit

Wie der Bauamtsleiter erklärte, soll das zentrale Bauwerk in diesem stark gefährdeten Bereich eine 139 Meter lange Schutzgalerie gegen Steinschläge, Muren und Lawinen sein. Sie ist als halbseitig offener Rechteckquerschnitt aus Stahlbeton geplant. Eine Dämpfung auf der Decke des Bauwerks für die Steinschläge soll eine Überschüttung bieten. Für diese ist eine durchschnittliche Höhe von drei Metern vorgesehen. Für die Überleitung von Muren und Lawinen sei außerdem ein ausreichendes Gefälle dieser Überschüttung notwendig. Das soll sicherstellen, dass nur kleine Ablagerungen auf dem Bauwerk liegen bleiben. Diese Vorgaben machen nach Auskunft des Bauamtes letztlich eine Verschiebung der bestehenden Straßenführung um bis zu 9,50 Meter in Richtung Hang notwendig.

Als Bauzeit sind in diesem Jahr noch circa fünf Monate und 2015 nach der Winterpause etwa sechs Monate geplant. Heuer werden zuerst die Hangabtrags- und Sicherungsarbeiten durchgeführt.

Nach Fertigstellung von ersten Teilabschnitten stehen Betonarbeiten für die Galerie an. Die Fundamente und bergseitigen Wände sowie die talseitigen Stützen werden blockweise hergestellt. Noch vor der Winterpause muss in den fertigen Bereichen die Galeriedecke erstellt und überschüttet werden, um das Bauwerk vor Lawinen oder Steinschlägen während des Winters zu schützen. Diese Arbeiten sollen bis Ende November abgeschlossen sein. Die Betriebsfreigabe ist für Ende Oktober 2015 geplant. Die Rohbaukosten für die Galerie betragen einschließlich aller Zusatzleistungen wie Stützmauern, Leitwälle oder Entwässerungsanlagen etwa 6,3 Millionen Euro.

»Guter Tag für die Sicherheit«

Über die Georisiken und Naturgefahren in Bayern und vor allem im Bereich des Staatlichen Bauamtes Traunstein informierte im Anschluss Ministerialrat Karl Goj von der Obersten Baubehörde (gesonderter Bericht folgt).

»Dieser Tag ist ein guter Tag für die Sicherheit der Menschen«, sagte Landrat Georg Grabner bei dem Festakt und brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, dass sich seine Hartnäckigkeit seit dem Jahr 2006 nun auszahlt. Damals war die Gemeinde Schneizlreuth nach einem Lawinenabgang auf die B 21 mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnitten, ebenso im Jahr 2009. Auch erinnerte der Landrat an die Murenabgänge nach einem gewaltigen Platzregen im Jahr 2010. Man könne von Glück sagen, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind. »Mit Katastrophen haben wir ja Erfahrungen gesammelt. Ich war so hartnäckig, weil ich null Verständnis dafür habe, dass durch solche Gefahrenstellen weitere Katastrophen bei uns ausgelöst werden könnten«, sagte der Landrat und dankte in diesem Zusammenhang den Bau-Verantwortlichen für ihre Geduld.

Worte des Dankes gab es auch von den Rathauschefs der anliegenden Kommunen. Als Lebensader für die Schneizlreuther bezeichnete Bürgermeister Wolfgang Simon die Bundesstraße 21. »Außer den Kindern, die damals schulfrei hatten, fand es niemand in Schneizlreuth lustig, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein.« Er wünschte Glück und Sicherheit für den Bauverlauf ebenso wie sein Kollege Dr. Herbert Lackner aus Bad Reichenhall. Zwar liege der Baubereich auf Schneizlreuther Gemeindegebiet, doch sei die Kurstadt wesentlich von den Straßensperren betroffen, wenn der Verkehr durch Reichenhall umgeleitet werden muss.

Mit einer symbolischen Geste gaben schließlich Verantwortliche, Ausführende und Politiker den offiziellen Startschuss für den Bau der Lawinenschutzgalerie: Sie legten einen Koffer mit zeitgeschichtlichen Dokumenten in das Fundament. si