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Schwer verletzte 24-Jährige kann hoffen

Schönau am Königssee – Vier Jahre nach dem Zusammenstoß zweier russischer Bobs in der Kunsteisbahn in Königssee kann die am 29. November 2009 lebensgefährlich verletzte und bis heute behinderte 24-jährige russische Ex-Bobsportlerin Irina Skworzowa auf Schmerzensgeld und Schadenersatz hoffen. Nach vierstündiger Verhandlung am Oberlandesgericht München einigten sich die Parteien vor dem Dritten Zivilsenat mit Vorsitzendem Richter Wilhelm Schneider auf einen bis Ende November widerruflichen Vergleich über 650 000 Euro zur Abgeltung aller Ansprüche. Wird der Vergleich nicht rechtskräftig, erhält die 24-Jährige vom Deutschen Bobverband (BSD) beziehungsweise von dessen Versicherung 250 000 Euro Vorschuss.

Die beim Bobunfall am Königssee schwer verletzte Russin Irina Skworzowa bekommt vom BSD beziehungsweise dessen Versicherung ARAG 650 000 Euro Entschädigung. Foto: Anzeiger/Wechslinger

Ein an dem Unglückstag vom höher gelegenen Bobstartplatz losgelassener russischer Männerschlitten hatte den vom Startplatz »S1« in die Eisbahn geschickten und im unteren Streckenabschnitt gestürzten Damenzweierbob eingeholt. Bei dem Horrorunfall traf eine abgerissene Kufe Irina Skworzowa im Beckenbereich. Offene Knochenbrüche, massivste innere Verletzungen, Koma, Notoperationen, viele weitere chirurgische Eingriffe, mehrfache Komplikationen, monatelange Klinikaufenthalte und langwierige Reha-Maßnahmen waren die Folgen.

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Die beiden beklagten Verbände, die als »Veranstalter« und »Ausrichter« des Europa-Cup-Rennens fungierten, waren zur Unfallzeit vorschriftsmäßig versichert – der Internationale Bobverband (FIBT) bei einer Sportversicherung in London, der Deutsche Bobverband (BSD) bei einer deutschen Versicherungsgruppe. In Straf- und Zivilprozessen vor dem Amtsgericht Laufen und dem Landgericht Traunstein wurde das Geschehen juristisch aufbereitet. Die jüngste Entscheidung traf die Erste Zivilkammer mit Vorsitzendem Richter Helmut Engelhardt als Einzelrichter im Mai 2013. Das Gericht gab der Klage der Geschädigten »dem Grunde nach« gegen den damaligen Startleiter, einen 64-jährigen Sportfunktionär aus Schönau am Königssee, sowie gegen den BSD statt. Die Klage gegen den Internationalen Bobverband (FIBT) wies das Gericht ab. Die Verurteilten, der Sportfunktionär, dem Rechtsanwalt Hans-Jörg Schwarzer aus Berchtesgaden zur Seite steht, und der BSD sowie die Klägerin legten Berufung zum Oberlandesgericht München ein.

Der Anwalt von Irina Skworzowa, Konstantin Ginsburg aus Frankfurt, bezifferte die Ansprüche seiner Mandantin in allen bisherigen Verfahren mit »mindestens einer Million Euro«. Der 64-jährige Schönauer, der den Damenbob trotz roter Ampel in den Eiskanal hatte einfahren lassen, aber gemäß Urteilen »nicht allein für das Unglück verantwortlich war«, ist der einzige, der bislang im Rahmen seiner Möglichkeiten mit 20 000 Euro an die Russin finanzielle Wiedergutmachung geleistet hat. Die Verbände und deren Versicherungen schoben sich in den vier Jahren gegenseitig die Verantwortung zu und weigerten sich, zu zahlen. Das monierten seither alle Gerichte, so jetzt auch das Oberlandesgericht München.

In dem Berufungsprozess diese Woche wurde diskutiert, in welcher Funktion der 64-Jährige am Unglückstag tätig war, ob als Jurypräsident des FIBT oder als ehrenamtlicher Helfer des BSD. Der Dritte Zivilsenat gelangte zu einem klaren Ergebnis: Der Beklagte war für den deutschen Verband als Helfer im Einsatz. Das Gericht fragte den Sportdirektor des BSD, Thomas Schwab, wer eingesprungen wäre, wenn der 64-Jährige keine Zeit gehabt hätte. Die Antwort war: »Ein anderer von uns.« Ob auch der Weltverband FIBT in der Haftung steht, dazu äußerte die Kammer noch keine abschließende Meinung. Das müsse anhand der Verträge geprüft werden.

Vorsitzender Richter Wilhelm Schneider hielt angesichts der schrecklichen Verletzungen von Irina Skworzowa ein Schmerzensgeld von 250 000 bis 300 000 Euro für realistisch. Beim Schadenersatz sei an einen Betrag von 200 000 bis 300 000 Euro zur Abgeltung aller Ansprüche zu denken. Nach zähen Verhandlungen erklärten sich der BSD und seine Versicherung zu einer Zahlung von insgesamt 500 000 Euro bereit. Der Weltverband solle sich jedoch daran beteiligen. Der Vorschlag des Senats dazu: Eine der beiden Versicherungen zahlt sofort. In einem getrennten Verfahren könnten die Versicherer dann untereinander ihre Regressforderungen klären.

Eine halbe Million Euro war dem Klägeranwalt zu wenig. Mindestens 850 000 Euro seien angemessen. Ginsburg argumentierte, die 24-Jährige sei jung, habe keine Arbeit, sei auf den Rollstuhl angewiesen. Widerspruch kam von Rechtsanwalt Hans-Jörg Schwarzer. Die Russin habe mittlerweile Deutschland wieder besucht, sei ohne Rollstuhl gesehen worden, arbeite als Journalistin für einen russischen Sportsender und werde von der Stadt Moskau ausreichend versorgt. Das bestätigte der Anwalt von Irina Skworzowa später weitgehend. Die 24-Jährige bekomme monatlich 500 Euro aus ihrer TV-Tätigkeit, die Stadt Moskau habe für ihre Behandlung in einem Münchner Klinikum 360 000 Euro aufgebracht. Ginsburg ging daraufhin auf den Vergleichsvorschlag der Kammer mit 650 000 Euro, zahlbar seitens der Versicherung des deutschen Verbands, ein – vorbehaltlich der Zustimmung seiner Mandantin. Im Gegenzug verpflichtet sich die Klägerin, ihre Klagen gegen den 64-Jährigen und den Weltverband zurückzunehmen. Die Kosten der Klägerin und alle Gerichtskosten gehen zulasten des BSD. Die übrigen Beteiligten kommen selbst für ihre Anwaltskosten auf. Monika Kretzmer-Diepold