Bildtext einblenden
Von vielen Baustellen und Zielen im Zweckverband »Bergerlebnis Berchtesgaden« berichtete Vorsitzender Dr. Bartl Wimmer. (Foto: Thomas Jander)

Schwere Zeiten in der Tourismus-Branche

Berchtesgaden – Es ist eine einigermaßen bedrückende Rechnung, die »Bergerlebnis«-Chef Dr. Bartl Wimmer in der Kreisversammlung des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Berchtesgadener Land aufstellte. In der Tourismus-Branche herrscht erheblicher Arbeitskräftemangel, darin waren sich bei der Versammlung alle einig (wir berichteten). Dieser Bedarf ist schwer bis gar nicht zu decken, und es werden Menschen zur Arbeitsaufnahme in den Landkreis ziehen müssen, in dem ohnehin schon erheblicher Wohnraummangel herrscht. Das Fazit von Kulturhof-Betreiber und damit »Jung-Hotelier« Wimmer: »Ohne Personal spielen Eigenkapital und Standort keine Rolle mehr. Solche Betriebe müssen zusperren.« 


Das ist eine gewaltige, aber beileibe nicht die einzige Baustelle, der sich Touristiker, Hoteliers und Gastronomen im Landkreis gegenüber sehen. Der Zweckverbands-Vorsitzende zählte noch weitere auf, die in naher und nächster Zukunft bearbeitet werden müssen: Nachwuchsgewinnung, Mobilität, Schaffen von Wohnraum, Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur für E-Autos und eine höhere Wertschöpfung aus der Tourismus-Branche.

Den kritischen Blick richtete Dr. Wimmer allerdings auch auf den eigenen Verband und versuchte zu skizzieren, wo die Aufgaben und Ziele liegen – und wo nicht. Er begann mit einem Bonmot, dass Karl Valentin zugeschrieben wird: »Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.« Einfacher fällt da der Blick zurück, in die Corona-Phase: »Das Bergerlebnis war massiv betroffen, alle Einnahmen sind während des Lockdowns auf 0 gegangen.«

Insgesamt 140 Beschäftigte waren davon betroffen, auffangende Einnahmen kommen laut Dr. Wimmer politisch nicht in Frage; »Eine Zwangsumlage ist keine Alternative.« Einen kurzen Rückblick richtete er zudem auf den Abspaltungsprozess von der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH (BGLT) und bemängelte, dass beim Destinationsmanagement die »grundsätzliche Ausrichtung nicht klar« war. Heute gilt: »Wir müssen Dienstleister sein, eine andere Daseinsberechtigung haben wir nicht. Wir können nicht das Marketing für die Betriebe übernehmen.«

Perspektivisch wird alle Akteure der Fachkräftemangel als relevantester Punkt beschäftigen. Der Zweckverband soll hier Strategien entwickeln, und das gemeinsam mit dem Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice (BGLW). Dessen Geschäftsführerin Dr. Anja Friedrich-Hussong hörte in der Oberau ebenfalls aufmerksam zu. Mit Blick auf die Behörden konstatierte Dr. Wimmer: Die Verwaltungsabläufe müssen effizienter werden, das ist noch nicht zufriedenstellend.« Vor allem die Diskrepanz zwischen zusätzlich benötigten Arbeitskräften und fehlendem Wohnraum wird allen große, sehr große Anstrengungen abverlangen, mahnte er: »Das ist ein extrem dickes Brett, das wir bohren müssen und die Zeit läuft schon. Wir müssten hier die Schlagzahl um das fünf- bis zehnfache erhöhen. Das ist eine Aufgabe für den Landkreis, die weit über das Übliche hinausgeht.«

Einen weiteren Aspekt ergänzte der scheidende Dehoga-Kreisvorsitzende Johannes Hofmann: »Viele Betriebe haben sich aus der Ausbildung verabschiedet, da haben alle Mahnungen nichts gebracht.« Der Leiter der Berufsschule in Freilassing, Hermann Kunkel, ergänzte auf Nachfrage die Zahlen. Aktuell sind demnach 13 Köche in der Abschlussklasse. Damit könnte er noch leben, allerdings beschrieb er die Anmeldungen für September als »äußerst bedenklich«. Also auch hier Handlungsbedarf, wie Dr. Wimmer feststellte: »Schulen überleben nur, wenn die Betriebe ausbilden.« Und in Freilassing baut der Landkreis neu, für rund 90 Millionen Euro, wie der Kreistag kürzlich beschlossen hat.

Geld fließen muss im Berchtesgadener Land zudem in die E-Mobilität, wie Dr. Wimmer forderte, nicht zuletzt angesichts stetig steigender Zulassungszahlen in diesem Bereich: »Die vorhandene Ladesäuleninfrastruktur ist bei weitem nicht ausreichend und was ist dann in acht bis zehn Jahren? Wir können als Zweckverband zwar keine Ladesäulen bauen, aber wir können ein Bewusstsein schaffen.« Angesichts dieser »extrem vielen Hausaufgaben« ging er noch auf die konkreten Ziele für das »Bergerlebnis Berchtesgaden« ein. Die Akzeptanz des Tourismus ist im Talkessel sehr hoch, was sich an den 2000 Betrieben bei 25.000 Einwohnern zeige: »Diese Struktur wollen wir bewahren.« Handlungsbedarf besteht hier aber, denn Jahr für Jahr hören 50 bis 60 Betriebe auf. Deswegen investiert der Zweckverband in die Gastgeberberatung, um letztlich auch die Wertschöpfung aus dem Tourismus zu erhöhen.

Konkrete Summen nannte Dr. Wimmer ebenfalls, wenn auch in der Vergangenheit »die Zahlenbasis aus unternehmerischer Sicht hundeelend war«. Die Größenordnung bewegt sich bei etwa 360 Millionen Euro jährlich, wovon rund 90 Millionen Euro auf den Tagestourismus entfallen. Gerade Letzteres wird im Talkessel nicht nur aufgrund des Verkehrsaufkommens kritisch betrachtet. Aber: »Darauf werden wir nicht verzichten können; aber wir versuchen, aus den Tagestouristen Übernachtungsgäste zu machen.« Die reinen Gästezahlen sollen dennoch nicht gesteigert werden, sondern die Wertschöpfung daraus. Kurz gesagt: Nicht mehr Gäste, aber mehr Qualität, höhere Preise, damit mehr Geld für die Region.

Schließlich soll sich auch im Online-Bereich einiges ändern: »IT-technisch waren wir prähistorisch aufgestellt. Von unseren 2000 Betrieben ist die Hälfte immer noch nicht online buchbar.« Und die großen Ausflugsziele sollen eine eigene Online-Plattform bekommen, Hier sollen Gäste dann sehen können, wie die Auslastung ist, um möglicherweise auf Alternativen ausweichen zu können und sich so kleinere oder größere Enttäuschungen zu ersparen.

Die anwesenden Dehoga-Mitglieder verfolgten die Ausführungen aufmerksam. und quittierten den Vortrag mit viel Applaus. An den Tischen wurde jedenfalls noch intensiv weiter diskutiert.

Thomas Jander