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»Sehnsucht nach spektakulären Bergstandorten«

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Eine Webcam am Funtenseetauern auszutauschen, ist mit viel Aufwand verbunden. (Repro: Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Sensationelle Ausblicke garantieren die 130 Webcams, um die sich Gerhard Keuschnig und Flori Radlherr in Deutschland und Österreich kümmern. Ob am Funtenseetauern, am Jenner, dem Hochstaufen oder am Hochries – Internetnutzer können mit einem Klick Live-Bilder exponierter Orte erhalten. Erst kürzlich wurde die Webcam am Funtenseetauern ausgetauscht. Ein aufwendiger Akt, wie Gerhard Keuschnig im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« schildert.


Herr Keuschnig, Sie betreiben gemeinsam mit Florian Radlherr den Internet-Auftritt www.foto-webcam.eu. Wie entstand die Idee dafür?

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Gerhard Keuschnig: Wie üblich, fängt ein solches Projekt ganz klein an. Schon 1998 hatte Flori Radlherr zu Hause am Fenster eine Webcam stehen, die Bilder lieferte. Die dort verwendete Software hatte von Anfang an ein Langzeitarchiv integriert. Die grundsätzliche Funktion war also geboren und mit ihr der Wunsch, sie weiter zu perfektionieren. Im Jahr 2011 war die Technik schließlich so weit gereift, dass die Sehnsucht nach spektakulären Bergstandorten bei uns aufkam. Das System war jedoch völlig unbekannt und groß war die Skepsis bei den Leuten vor Ort. Am Anfang war es also wirklich schwierig, gute Standorte zu erschließen.

Ob Zugspitze, Bad Reichenhall oder Funtenseetauern – Interessierte erhalten bei Ihnen Einblicke in viele Gegenden.

Keuschnig: Mit der Zeit war das berühmte Henne-Ei-Problem dann überwunden und es gab Referenzen vorzuweisen. Noch wichtiger ist, dass durch zunehmende Erfahrung auch die Technik immer professioneller wurde und es mit der Zeit gelang, über den reinen Hobby-Charakter hinweg zu kommen. Projekte wie die Baustellen-Dokumentation der Bayerischen Zugspitzbahn waren damit für uns schließlich möglich. Unser Bestreben ist es seit Beginn an, möglichst spektakuläre Blicke als Webcam in Szene zu setzen. Wir führen also in der Regel nicht blind irgendwelche Aufträge aus, sondern sind selbst bei der Suche nach dem fotografisch optimalen Montageplatz aktiv.

Die Webcams müssen gewartet werden. Erst kürzlich wurde die Kamera am Funtenseetauern ausgewechselt. Was war passiert?

Keuschnig: Wir betreiben über 130 Kameras, obwohl wir bisher nur zu zweit und hauptberuflich anderweitig tätig sind. Allein das zeigt, dass die Gerätschaften trotz der exponierten Standorte recht zuverlässig laufen. Manchmal steht trotzdem eine Reparatur- oder eine Wartungsaktion an. Denn die Kamera am Funtenseetauern war vor drei Jahren noch ein Prototyp: Bis dahin hatten wir keinen anderen Standort mit einer derart kleinen Solarstromversorgung. Es musste also ein neues Energiemanagement entwickelt werden, das an diesem Standort erstmals zum Einsatz kam. Seit dieser Zeit haben wir das System weiter optimiert und auch die Zuverlässigkeit wesentlich verbessert. Es war also notwendig, die Funtenseetauern-Kamera auf den aktuellen Stand zu bringen. Meist rüsten wir derlei vor Ort um, wenn allerdings der Hubschrauber wartet, ist es für uns wirtschaftlicher, gleich das Gesamtsystem auszutauschen.

Der Aufwand ist bei so mancher Kamera ungemein groß, da der Anbringungsort nicht so leicht zu erreichen ist. Können Sie uns da Einblicke geben?

Keuschnig: Viele unserer Standorte sind per Fahrweg oder per Seilbahn erschlossen, dann ist das aufwendigste die Anreise. Etwa ein Drittel aller 130 Montageorte ist aber nur zu Fuß, per Ski oder gar per Hubschrauber erreichbar. Im Winter steigt die Zahl der Orte, zu denen nur schwer oder gar nicht vorzudringen ist. Dann ist von uns körperlicher Einsatz gefragt.

Welche Technik nutzen Sie und von wem wird das alles finanziert?

Keuschnig: Wir verwenden ausschließlich Spiegelreflex-Fotokameras. In der Regel sind es preisgünstige Einsteigermodelle mit einem jeweils für das Motiv angemessenen Objektiv. An manchen Orten, etwa in Zell am See, werden auch Vollformat-Kameras eingesetzt, um eine optimale Bildqualität zu erreichen. In den ersten Anfängen hat es gereicht, die notwendigen Investitionen aus der Hobbykasse zu tätigen. Mit steigender Anzahl war das freilich nicht mehr möglich und es mussten auch kommerzielle Nutzer gefunden werden, die die Kamera zu einem Marktpreis erwerben und sich an den laufenden Kosten, dem Hosting und der Wartung, beteiligen. Auch heute noch erbringen wir einen Großteil der Arbeitsleistung ehrenamtlich und subventionieren mit den Einnahmen besonders schöne Projekte, die zwar einen tollen Blick, aber keinen Sponsor haben. Die Kamera am Funtenseetauern wird beispielsweise ehrenamtlich betrieben, Nationalpark Berchtesgaden und Lawinenwarndienst Bayern beteiligen sich gemeinsam an den Material- und Bringungskosten. Kilian Pfeiffer