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Berchtesgadens Pfarrer, Monsignore Thomas Frauenlob, über die umstrittenen Papst-Aussagen

»Seine Sprache ist gewöhnungsbedürftig«

Berchtesgaden – Papst Franziskus hat in den vergangenen Wochen durch einige Äußerungen für großes mediales Echo gesorgt. Der »Berchtesgadener Anzeiger« sprach mit Monsignore Thomas Frauenlob über Katholiken, Karnickel und den Klaps mit Würde.

Ein Kenner der Kurie: Monsignore Thomas Frauenlob. (Foto: Archiv/Fischer)

Monsignore Frauenlob, in seiner Weihnachtsansprache vor der römischen Kurie hat Papst Franziskus ihr 15 Krankheiten wie »spiritueller Alzheimer«, »existenzielle Schizophrenie«, »mentale Erstarrung« oder »weltliches Profitstreben und Prahlerei« in deutlichen Worten vorgeworfen. Die Kurie erscheint dabei in keinem guten Licht. Hat der Papst hier nicht über das Ziel hinausgeschossen oder ist die römische Kurie wirklich ein abgeschlossener, macht- und geldgieriger Zirkel wie aus einem Dan-Brown-Roman?

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Monsignore Thomas Frauenlob: In der Kurie arbeiten Menschen mit Vorzügen und Schwächen. Das ist wie in jedem Betrieb, in jeder Verwaltung. Allerdings besteht für sie ein höherer Anspruch, sagt Jesus doch: Bei euch soll es nicht so sein. Und das ist kein geringer Maßstab. Die Rede vor Weihnachten hat mich auch erstaunt, stellte ich mir doch die Frage: Kann ein Chef auf Dauer so mit seinen engeren Mitarbeitern umgehen? Schließlich hatte er bisher kaum gute Worte für die Kurie. Der markige Ton irritiert, aber inhaltlich treffen diese Charakterisierungen sicherlich auf den ein oder anderen zu. Allerdings saßen auch viele sehr fleißige und selbstlose Mitarbeiter vor ihm. Der Vatikan ist geheimnisumwittert. Daran sind nicht zuletzt in jüngerer Zeit die reißerischen Romane von Dan Brown mit schuld. Und das öffnet der Fantasie Tür und Tor. Meine eigene Erfahrung aus der Kurienarbeit zeigt mir, dass vieles sehr gut läuft, die Verwaltung erstaunlich schlank aufgestellt ist und motivierte internationale Teams arbeiten. Vielleicht sollte man aber auch beachten, dass Papst Franziskus in seiner Ansprache die »15 Krankheiten« als eine Art Gewissenserforschung für alle formuliert und sich dabei nicht ausgenommen hat. Es war also ein Art »Bußgottesdienst im Advent«, der zum Nachdenken anregen sollte und insofern als ein Mosaikstein in seinen Reformbemühungen einzustufen ist. Freilich muss er sich dessen bewusst gewesen sein, dass die starken Begriffe nur zu gern von der Presse aufgegriffen und einschlägig interpretiert werden würden. Mit diesem Risiko hat er sicherlich gerechnet. Vielleicht hat es den ein oder anderen wirklich zum Nachdenken und zur Umkehr gebracht. Dann wäre schon viel erreicht.

In der Bibel heißt es, wir Menschen sollen fruchtbar sein und uns mehren. Dem hielt der Papst entgegen: »Manche Menschen glauben – entschuldigen Sie den Ausdruck –, um gute Katholiken zu sein, müssen wir sein wie Karnickel.« Drei Kinder pro Ehe ist sein Vorschlag. Welche Empfehlung geben Sie?

Frauenlob: Die Formulierung – wie übrigens manche starke Ausdrucksweise von Papst Franziskus – ist für unsere Ohren ungewöhnlich, für einige auch respektlos oder verletzend. Denken wir nur an Familien mit vielen Kindern. Bisher pflegten die Päpste eine feine Sprache und den nuancierten Ausdruck. Hier spüren wir deutlich den Kulturbruch, den die Wahl eines Südamerikaners mit sich bringt. Aber das ist Weltkirche. Er sagte übrigens: Katholiken müssen nicht wie Karnickel sein. Er weiß aus Südamerika, welche sozialen Folgen für Familien oder oft genug alleinerziehende Mütter, wo sich die Väter einfach aus dem Staub machen, zu viele Kinder haben. Die Frage ist auch nicht einfach auf den Gebrauch künstlicher Verhütungsmittel reduzierbar, sondern es geht um die weitere Frage: Was ist Familie? Was bedeutet Respekt und Empathie im ehelichen Zusammenleben? Was bedeutet menschenwürdiger Umgang mit der menschlichen Urkraft Sexualität? Man darf Papst Franziskus zutrauen, dass er nach Jahren der Seelsorge in südamerikanischen Slums wirklich geerdet ist und die Realität kennt. Dennoch ist ihm wichtig, uns eine Perspektive, eine Vision vor Augen zu stellen, die sich aus der biblischen Schöpfungsordnung und dem Neuen Testament ergibt und die nicht einfach durch die Realität unserer Tage wertlos geworden ist. Kirche denkt selten kurzfristig, sondern immer in langen Jahrhunderten.

»Schläge mit Würde« hält Papst Franziskus für angemessen. »Ein Klaps hat noch niemand geschadet«-Einstellung oder doch besser gewaltfreie Erziehung? Wie sollen sich katholische Eltern verhalten?

Frauenlob: Papst Franziskus hat hier übrigens die Aussage eines Familienvaters zitiert. Die Abschaffung der körperlichen Züchtigung oder Prügelstrafe – in Bayern endgültig erst in den 80er-Jahren – hat für den öffentlichen Erziehungsbereich Klarheit geschaffen. Und das ist gut so. Wer die Szene aus Vilsmeiers Film »Schlafes Bruder« mit dem prügelnden Lehrer kennt, kann nur dankbar dafür sein. Wer Papst Franziskus nur ein wenig kennt, weiß, dass er keinesfalls Gewalt als Mittel der Erziehung das Wort reden will. Aber lebensnah wie er ist, will er darauf hinweisen, dass selbst im Falle einer körperlichen Zurechtweisung das rechte Maß zu wahren ist und auch das kleinste Kind Menschenwürde hat, die respektiert werden will.

Monsignore Frauenlob, Sie weilten erst kürzlich wieder in Rom. Sind die Äußerungen des Papstes dort Thema oder werden sie nur von den Medien effektvoll hochgeschaukelt?

Frauenlob: In Rom ist der Papst, vor allem in der Kurie, omnipräsent. Schließlich ist er der Chef. Und man redet über die Äußerungen des Papstes selbstverständlich. Zum einen, weil sie in Form und Ton völlig neu sind. Wie bereits gesagt, sind die öffentlichen Wortmeldungen eines Papstes für gewöhnlich zurückhaltender, diplomatischer und meistens in »schöne« Sprache gekleidet. Seine Sprache ist neu und gewöhnungsbedürftig. Papst Franziskus ist Jesuit und irgendwie ein Solitär. Man weiß nicht genau, was er denkt und letztlich, was er will. Das verunsichert. Meiner Meinung nach eine heilsame Verunsicherung. Mittlerweile zeichnen sich Konturen von Zielen ab. Allein, wenn ich auf die Kurie schaue, hat er in wenigen Monaten schon arg feste Strukturen, die nicht wenigen Vorteile verschafften, infrage gestellt oder einfach abgeschafft. Hier weht ein frischer Wind. Doch mit frischem Wind allein ist es nicht getan. Jetzt kommt es drauf an, die richtigen Weichen zu stellen und funktionsfähige Strukturen zu schaffen, die der Weltkirche dienen. Das ist offensichtlich sein Leitmotiv – wie wir jetzt wissen auch aufgrund seiner oft schlechten Erfahrungen als Erzbischof einer Diözese mit der römischen Zentrale. Die sogenannte K9, also der engere internationale Beraterstab aus neun Kardinälen, hilft ihm dabei. Das ist hoffnungsvoll für die Kirche, die ja ihrem Selbstverständnis nach eine »Ecclesisa semper reformanda« ist, also der ständigen Reform bedarf. Ohne diese Fähigkeit wäre sie nicht die älteste Institution der Welt. Christoph Merker