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»Sie wollen unsere Idylle zerstören«

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Hotelier Andreas Walker (l.) und Planer Roland Richter waren bei der Präsentation des Projekts im Oktober noch guter Dinge. (Foto: Voss)

Marktschellenberg – Die Infoveranstaltung zur geplanten Chalet-Anlage in Marktschellenberg glich einer Hexenjagd: besorgte Bürger gegen Hotelier Andreas Walker und Architekt Roland Richter.


Die Atmosphäre am Mittwochabend im Feuerwehrsaal hätte nicht angespannter sein können. Eines haben die Gegner des Hotelprojekts, die an diesem Abend in der Überzahl waren, deutlich gemacht: »Wir wollen kein Chaletdorf.«

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Andreas Walker und Roland Richter waren fassungslos. Immer wieder mussten sie die gleichen Vorwürfe über sich ergehen lassen. Die Gegner waren nicht nur laut, sondern auch nicht offen für das, was ihnen präsentiert wurde. Auch Bürgermeister Franz Halmich hatte Mühe, den lauten Gegnern beizukommen. Die Wut verbreitete sich im Saal wie ein Lauffeuer. Alles begann mit der Präsentation Walkers. Der Stuttgarter stellte zunächst sich und dann sein Projekt vor. Es soll denn Namen »WalkerResort AlpenChalets & Spa« tragen.

Zehn Hütten in Planung

Zehn Hütten, Berchtesgadener Almkasern nachempfunden, sollen es werden. Dazu zwei Gebäude. In einem will Walker mit seiner Familie heimisch werden und in dem anderen wird ein Wellness-Bereich untergebracht. Um den Zuhörern ein Beispiel zu geben, was ihm in etwa vorschwebt, zeigte er ein Gemälde, das im Rathaus hängt. Leider nannte er die Almhütten auf dem Bild »Chalets«. Ein erstes verächtliches Lachen seitens der Marktschellenberger brandete auf. Walker fuhr fort mit seinem Slogan, »Zeit fürs Leben«, und machte deutlich, dass er die Natur erhalten will und darauf sein ganzes Konzept gründet. Denn bereits im Vorfeld der Veranstaltung war die Kritik laut geworden, er verbrauche »zu viel Fläche«.

Was dem Schwaben besonders wichtig sei, ist die Zusammenarbeit mit den örtlichen Betrieben: Handwerker, die nicht von »irgendwo« kommen, sondern aus dem Ort, hiesige Landwirte, Jäger, Eier-Lieferanten und vieles mehr. Dafür hatte er zahlreiche Beispiele.

»Das falsche Projekt am falschen Ort«

Nachdem Architekt Roland Richter einen Überblick über den Plan gegeben hatte, durften sich die Zuhörer äußern. Simon Stocker, direkter Anwohner am Buchenweg, ging unverzüglich zum Rednerpult und verlas eine Stellungnahme. Die Anwohner würden demnach Andreas Walker als »normalen Nachbar und seine ganze Familie willkommen heißen«, aber nicht mit dem, was er vor habe. »Es ist das falsche Projekt am falschen Ort«, fuhr er fort. »Sie wollen hier eine künstliche Idylle erschaffen, für die unsere Idylle zerstört wird.« Stocker sprach von einem einschneidenden Eingriff in die Landschaft. »Niemand, der hier aufgewachsen ist, kann das gut heißen«, so sein Appell. Immer wieder gab es begeisterte Applausstürme für die Worte des Marktschellenbergers.

Er äußerte im Anschluss eine Sorge, die auch viele andere Einheimische im Laufe des Abends aussprachen: »Was, wenn sich das Chaletdorf nicht trägt? Was passiert dann damit?« Walker sagte dazu, dieses Szenario ziehe er nicht in Betracht. Er würde nicht das Geld mehrerer Generationen, einen siebenstelligen Betrag, in die Hand nehmen, wenn er nicht an sein Projekt glauben würde. Zudem sei für die Anlage ein vorhabenbezogener Bebauungsplan nötig, was bedeutet, dass die Chalets nie einen anderen Nutzen haben dürfen. Das bedeutet, dass der nächste Eigentümer zum Beispiel keine Zweitwohnsitze daraus machen darf, sollte der Fall der Insolvenz eintreten.

Das zweite Szenario, das Stocker ansprach: »Der Betrieb läuft wie geplant.« Dann könnte das Projekt andere auf ähnliche Gedanken bringen. »In Marktschellenberg gibt es jede Menge schöne Wiesen«, die könnten dann ebenso zugebaut werden, lautete die Befürchtung des Anwohners. Er verglich Walkers Chalet-Dorf mit dem Kempinski-Hotel: »Luxustouristen im exponierten Außenbereich.« Von ihnen würde der Ort nicht profitieren. Im Laufe des Abends betonte der Stuttgarter Koch des Öfteren: »Wir wollen keine Luxustouristen. Wir wollen etwas Besonderes für normale Menschen. Wir haben in Deutschland eine Mittelschicht, die sich auch gerne mal etwas gönnt.«

Ein Wunsch, der von mehreren Marktschellenbergern kam, unter anderem von Dr. Anneliese Heidegger, war ein Bürgerentscheid. Auch Simon Stocker fehlte die »Einbeziehung der Bürger in so einen Prozess«. Bürgermeister Halmich machte aber deutlich, dass er von so etwas nichts hält: »Ihr habt nicht umsonst einen Gemeinderat gewählt, der diese Entscheidung treffen muss.«

»Lassen Sie Ihren Traum los«

Stocker gab Walker noch den Tipp, im Ort stehe das Gasthaus Forelle, das hätte man doch herrichten können. »Lassen sie ihren Traum los und seien sie stattdessen kreativ«, lautete der Rat des Einheimischen. Apropos: Der Hotelier musste sich noch einen Seitenhieb gefallen lassen. Er erwähnte, dass es schon ein Chaletdorf in Schönau am Königssee gebe, da rief eine Zuhörerin dazwischen: »Ja, aber das hat ein Einheimischer gebaut.« Walker sagte daraufhin: »Ich möchte bitte auch ein Einheimischer werden.«

Ein mehrmaliger Einwand der Bürger lautete: »Der Hang eignet sich nicht für so ein Projekt.« Er sei zu feucht, eine Mure hätte sich bereits gelöst. Dazu stellte Roland Richter klar: »Es wird ein geologisches Gutachten gemacht.« Und bei einem vorhabenbezogenen Bebauungsplan würde die Untere Naturschutzbehörde einbezogen.

Ein absoluter Gegner des Plans ist Buchenweg-Anwohner Felix Gödde. Auch ihm liegt die Natur am Herzen, die nicht »verbaut werden soll«. Dafür gab es Applaus.

Eine Bürgerin meldete sich jedoch zu Wort und wollte etwas »Positives« zu der Sache sagen. Sie musste sich mehrere Zwischenrufe und Kommentare anhören. Die Marktschellenbergerin fragte in den Raum: »Seht ihr denn alle einen anderen Plan als ich? Das ist doch alles grün«, sagte sie. Die Marktschellenberger könnten doch froh sein: »Es hätte auch ein Bonzenrusse kommen können und dort was anderes aufstellen.« Bei einer der letzten Wortmeldungen der Veranstaltung, die dreieinhalb Stunden dauerte, rief Rupert Hinterbrandner alle Anwesenden dazu auf, sich »nicht so reinzusteigern«. Man solle sich lieber fragen: »Was wollen wir für den Tourismus?«

Nun hat der Gemeinderat das Wort. Am 23. Oktober muss in der öffentlichen Gemeinderatssitzung ein Grundsatzbeschluss gefasst werden. Wenn dieser positiv für das Chalet-Dorf ausfällt, wird der vorhabenbezogene Bebauungsplan in die Wege geleitet. Annabelle Voss