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Bayerns Sozialministerin Emilia Müller bei Empfang in Freilassing – Wertschätzung für ehrenamtliches Engagement

»Sind nicht an der Grenze des guten Willens, sondern der Kapazität«

Freilassing – Bayerns Sozialministerin Emilia Müller war am Dienstagabend der Ehrengast bei einer Festveranstaltung unter dem Motto »Ehrenamt – Zukunft für eine gelingende Integration« im Freilassinger Rathaussaal. Dazu geladen hatten Bürgermeister Josef Flatscher und die heimische CSU-Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber. Die Ministerin machte die Herausforderungen des Flüchtlingsstroms an Politik und Gesellschaft deutlich, bevor sie sich abschließend ins Goldene Buch der Stadt eintrug.

Im Beisein der heimischen CSU-Landtagsabgeordneten Michaela Kaniber (l.) und Bürgermeister Josef Flatscher trug sich Sozialministerin Emilia Müller ins Goldene Buch der Stadt Freilassing ein. (Fotos: Brechenmacher)

Wohl niemand hätte sich noch vor einem Jahr vorstellen können, dass allein am Grenzübergang Freilassing täglich Hunderte und dann Tausende Flüchtlinge nach Bayern kommen würden, betonte Kaniber zu Beginn. Genau darum wolle sie die Menschen in Verbänden, Inspektionen, Dienststellen, Helferkreisen und Vereinen für ihr Engagement zur Bewältigung der enormen Flüchtlingszahlen mit ihrer hervorragenden Fachkompetenz, ihrer vorbildlichen Leistungsbereitschaft und ihrer bewundernswerten Kondition in den Mittelpunkt des Abends stellen.

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»Sie haben damit eine Visitenkarte der Humanität abgegeben und gezeigt, dass für uns in Bayern und im Berchtesgadener Land die Menschlichkeit an erster Stelle steht.« Die historische Herausforderung, die diese Flüchtlingskrise mit sich bringe, hätte ohne das große Engagement der Ehrenamtlichen »nie und nimmer bewältigt werden können«, so Kaniber.

Vorbildliches Engagement der Ehrenamtlichen

Die Integration der Flüchtlinge könne nur erfolgreich gestaltet werden, wenn es gelinge, das vorbildliche Engagement der Ehrenamtlichen weiterhin auf diesem hohen Niveau zu halten. »Integration ist und kann keine Einbahnstraße sein«, und genau deshalb brauche es eine zweite Spur dieser Straße, die Bürger und Flüchtlinge dazu befähige, mit den Anforderungen der Integration umgehen zu können. »Wir müssen die soziale Basis unserer Gesellschaft erhalten und dürfen Toleranz und Hilfsbereitschaft nicht überstrapazieren«, sagte die Abgeordnete im Bayerischen Landtag.

Bürgermeister Flatscher würdigte die Tatkraft der Ehrenamtlichen mit den Worten: »Sie stellen sich vor die Menschen, die seit Mitte September in Scharen zu uns kommen«. Er habe gewaltigen Respekt vor den Helfern und Einsatzkräften, weil sie beispielhaft handelten und unspektakulär einfach das tun, was zur Zeit notwendig sei. Die Zukunft werde »anders schwierig weitergehen«, zeigte sich das Stadtoberhaupt überzeugt. So würden Plätze in Kinderbetreuungseinrichtungen gebraucht, Schulen müssten sich auf erweiterte Inklusion einrichten, neue Wohnungen müssten bereit gestellt werden. Und das, obwohl bezahlbare Wohnungen bereits jetzt Mangelware in Freilassing seien.

Alle Einsatzkräfte in diesem Flüchtlingsdrama könnten ein Vorbild sein für schnelles und zielbewußtes Handeln. Stadtrat und Stadtverwaltung seien »auf die Aufgaben eingestellt und werden das kraftvoll vorbereiten, was uns möglich ist, auch deshalb, weil uns gar nichts anderes übrig bleibt«, so das Resümee Flatschers.

Vor dem Empfang im Rathaussaal sei sie in der Registrierungsstraße im ehemaligen Möbellager an der Sägewerkstraße gewesen, verriet Emilia Müller zu Beginn ihrer Rede. Obwohl zu diesem Zeitpunkt keine Flüchtlinge da waren, habe sie sich dennoch ein positives Bild von der Kooperation aller Beteiligten inklusive der Ehrenamtlichen machen können. »Wir wollen heute hier die Menschen ehren, die sich der vielen Asylbewerber und Flüchtlinge annehmen«, so Müller. Durch ihre tatkräftige Unterstützung könne Bayern den riesigen Ansturm von Flüchtlingen menschenwürdig bewältigen.

Als beispielhaft nannte sie das Errichten von Notunterkünften, das Aufstellen von Feldbetten, den Einsatz im Sanitätsdienst sowie die Einrichtung von Gesprächs- und Begegnungsgruppen, die Kinderbetreuung durch Patenschaften, betreute Spielgruppen, Lern- und Hausaufgabenbetreuung, die Organisation und Koordinierung von Hilfsgütern, Spielzeug und Kleidung, die Einrichtung von Fahrradwerkstätten und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, aber auch das Begleiten zu Arzt- und Behördenterminen.

Ohne Übertreibung könne man den Flüchtlingsstrom als Völkerwanderung von historischem Ausmaß bezeichnen. Und der Zugang nach Deutschland habe bereits 2015 mit über einer Millionen und über 10 000 Asylsuchenden an einem Tag alle Grenzen gesprengt. Die größte Last davon trage das südlichste Bundesland. »Wir sind nicht an der Grenze des guten Willens angekommen, aber an der Grenze der logistischen Kapazität.«

Bürgerhilfe bei Mammutaufgabe

Ein besonderes Anliegen sei es Müller deshalb, die ehrenamtlich aktiven Bürger zu unterstützen, die dem Staat bei dieser Mammutaufgabe so tatkräftig helfen. Das geschehe beispielsweise mit der Verdienstausfallentschädigung für ehrenamtliche Helfer, mit der Ehrenamtsversicherung, dem Ehrenamtsnachweis, der bayerischen Ehrenamtskarte und den 60 Anlaufstellen im Rahmen der Koordinierungszentren »Bürgerschaftliches Engagement«.

»2016 stellt mein Haus 2,5 Millionen Euro für Koordinatorenstellen für Ehrenamtliche im Asylbereich zur Verfügung. Gemeinsam mit den Kommunen wurden zentrale Anlaufstellen, auch hier im Landkreis, geschaffen. Aufgrund des großen Zuspruchs bereits wenige Monate nach der Pilotphase werde schon an der Ausweitung gearbeitet.

Wie stark die Bürger das Flüchtlingsproblem beschäftigt und das Engagement der Ehrenamtlichen vor Ort ist, zeigte sich in der abschließenden Fragerunde, bei der Themen wie Obergrenze und Schießbefehl sowie Gemeinschaftsgärten in Laufen zur Sprache kamen. Emilia Müller notierte sich sämtliche Anliegen und beantwortete geduldig die Fragen. Gisela Brechenmacher