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Prügeleien, Sauforgien: Die Nachbarn haben Angst – Chaos und Lärm in der Kurklinik in Stanggaß – Abschreckung für ungebetene Gäste – Anwalt: »Jeder macht sich strafbar«

Stacheldraht gegen Ruinentouristen

Bischofswiesen – Die Nachbarn haben Angst: Die Ruinentouristen kommen um jede Uhrzeit, sagen sie: Tag und Nacht reisen sie mit Pkw oder Bussen an, inspizieren das Gelände der ehemaligen Kurklinik von Stanggaß und steigen in das verlassene Gebäude ein.

Ein Ort für Partys und Randalierer: die ehemalige Kurklinik in Bischofswiesen. (Fotos: Pfeiffer)
Anwalt Friedrich Rainer will alle Grundstücksbetreter strafrechtlich verfolgen lassen.

Prügeleien, Sauforgien & Partynächte

Prügeleien, Sauforgien, Partynächte – die Nachbarn haben Angst. Bei einem Treffen mit den Kurklinik-Eigentümern, dem Bauunternehmer Martin Harlander und Peter Kreuzberger, sucht man nun nach Lösungen, um den verbotenen Besuchern Einhalt zu gebieten.

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Im Internet ist die Klinik als ein »lost place« zu finden, ein verlassener Ort, der dem Zerfall ausgesetzt ist und den man aufsucht, um zu fotografieren. Mittlerweile gibt es eine große Gruppe an sogenannten »Lost-Places-Fotografen«. Gemein haben sie alle, dass sie Hausfriedensbruch begehen, im schlimmsten Fall Einbruch, sagt Anwalt Dr. Friedrich Rainer, der Kurklinik-Eigentümer Martin Harlander vertritt.

Beinahe jeden Tag parken vor der Kurklinik in Stanggaß Autos. Die meisten kommen aus Salzburg, Hallein, Linz oder Wien, sagen die Nachbarn. Viele stammen auch aus Traunstein, Mühldorf oder Altötting. In den vergangenen beiden Jahren haben die Nachbarn so ziemlich alles gesehen. Etwa Busse, voll besetzt mit Pfadfindern aus Kufstein, die das Klinikgelände besuchen wollten. Oder ganze Autokolonnen, die tagsüber anreisen und dann auf dem Klinikgelände herumspazieren. Die meisten wollen nur fotografieren, allerdings gibt es auch andere.

»Die Chaoten«, nennt sie ein Mann, der unweit von der Kurklinik entfernt wohnt. Die Chaoten kommen meistens nachts. »Von Donnerstag bis Sonntag kann man sicher sein, dass sich irgendjemand in der Kurklinik herumtreibt«, sagt ein zweiter Nachbar. Im Gebäude wird dann gefeiert, laute Musik, Gebrüll, Randale. Mit Farbpistolen, sogenannten Paintballs, schießen sie, sie klettern auf das Dach, Scheiben gehen zu Bruch, die Inneneinrichtung wird zerstört, »viele verteilen ihren Müll oder urinieren wild in der Nachbarschaft umher.«

Die Anwohner haben Angst

Einmal hat einer mit echter Munition im Gebäude geschossen. An einem anderen Tag wurde ein Brand gelegt. »Das ist zu viel«, sagt eine Nachbarin. Die Anwohner sind von der Situation gestresst, haben aber auch Befürchtungen. Weil das Ausmaß neue Dimensionen annimmt. Kamen früher mal ein, zwei »Kurklinik-Gäste« pro Woche, trifft man diese heute fast an jedem Tag. »Wir wurden schon blöd angemacht, wenn wir was gesagt haben«, sagt ein Nachbar. »Beschimpft und angefeindet«, so bezeichnet es ein zweiter. In der Nacht traue man sich sowieso kaum raus, sagt eine Frau, die regelmäßig die Polizei in Berchtesgaden kontaktiert. »Die schauen dann an der Kurklinik vorbei, oft sind die »Besucher« dann aber schon über alle Berge – zumal das Gelände riesig ist«, das Objekt hat unzählige Räume.

Wer im Internet nach »lost places« sucht, findet schnell die Stanggaßer Kurklinik. Zahllose Bilder des Hauses geistern im Netz umher, es gibt viele Blog-Einträge und Erfahrungsberichte. In sozialen Netzwerken wird über solche Objekte intensiv diskutiert. Die Szene ist also groß. »So schlimm wie aktuell war es aber noch nie«, sagt ein Nachbar, die Entwicklung sei alles andere als erfreulich. Zumal mehrere Feriengäste schon abreisen wollten.

In den nächsten zwei Wochen werden Maßnahmen ergriffen

Anwalt Friedrich Rainer sagt: »Jeder, der das Grundstück betreten wird, wird strafrechtlich verfolgt.« Man werde alles dran setzen, dass der Ruinentourismus aufhört und »gewaltbereite Idioten« keine Chance mehr haben. Zumal das Haftungsrisiko für Bauunternehmer Martin Harlander und Peter Kreuzberger ebenfalls im Raum stehe. Kommt einer der ungebetenen Gäste in der Kurklinik zu Schaden, müssen die Eigentümer haften.

»Das ist in unser aller Interesse, dass wir etwas unternehmen«, sagt Harlander selbst. Er zeigt Verständnis für die Nachbarn und verspricht: »In den nächsten zwei Wochen lassen wir mehrere Maßnahmen umsetzen.« So soll ein großer Bauzaun, fixiert mit Holzpfählen, um das weitläufige Gelände errichtet werden. Mehrere große Schilder sollen klar darauf hinweisen, dass man sich in Lebensgefahr begibt und man sich beim Betreten des Grundstückes strafbar macht, sagt Anwalt Rainer. Zudem wird ein Stacheldraht am Bauzaun angebracht. »Und wenn dann immer noch jemand versucht, reinzukommen, hat er eine gerechte Strafe verdient«, sagt der Anwalt.

»Wir können 98 Prozent verhindern«

Dass nicht jeder Besucher abgehalten werden könne, sei bei solch einem großen Areal auch klar, sagt Friedrich Rainer. »98 Prozent können wir aber verhindern«, gibt er sich zuversichtlich. Bauunternehmer Harlander denkt sogar daran, eine nächtliche Überwachung einzusetzen. Einige der Nachbarn erachten das als gut, auch Otto Kamplade, ehemaliger Schuldirektor am Gymnasium Berchtesgaden, äußert die Hoffnung, jemand solle regelmäßig vorbeischauen.

Alles, was abschreckt, sei richtig, sagt er. »Das kann nur eine Gemeinschaftsaufgabe sein«, sagt der Anwalt. Er hofft, dass auch in Zukunft Autokennzeichen notiert werden, die Polizei verständigt wird. Martin Harlander wünscht sich zufriedene Nachbarn. Bauzaun und Stacheldraht seien ein erster Schritt in die richtige Richtung. Kilian Pfeiffer