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Stau und Staub

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Säge, Staub und Sekt: Kerstin Heidelberger hat das »Bachhäusl« im Baustellenchaos eröffnet. (Foto: Tessnow)

Bischofswiesen – Vor ihr die Baustelle, hinter ihr das »Bachhäusl«. Kerstin Heidelberger, die neue Pächterin des Traditionsgasthauses hat sich für die Wiedereröffnung nicht den besten Zeitpunkt ausgesucht. Dreck und Lärm sind Dauergäste. Dennoch ist die Stimmung gut.


Ein ganz normaler Nachmittag in Bischofswiesen. Noch nicht mal »Rushhour«, aber alles verstopft. Die Hauptstraße im Stau und Staub. Fast hat der Ort das filmreife Flair einer Westernfassadenkulisse. Pferde warten zwar nicht vor dem Saloon und auch Gringos hängen nicht paffend im Verandaschaukelstuhl, dennoch wird hier akustisch und lufttechnisch einiges geboten. Es knirscht, es kracht, es rumpelt und schwere Bagger und Baumaschinengeschütze dröhnen rußend über die Hauptverkehrsader, die nur noch aus Schotter besteht. Viele Kubikmeter Beton und Stahl werden verbaut. Mittendrin verschwitzte Arbeiter in orangefarbenen Plastikwesten. Verständigung nur mittels Gebrüll.

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Eine gestylte Blondine in feinem Zwirn und weißem Cabrio zuckeln durch die Baustelle. Mit blitzender Sonnenbrille und wühlenden Händen in den Haaren. »Summerfeeling« nennt man das wohl. Bis dann auf der Gegenfahrbahn ein riesiger Kieslaster feierabendfreudig vorbeibrettert und ihrem Gepose einen Strich durch die Rechnung macht. Das windige graue Staubgebläse gesellt sich zu ihr auf den Beifahrersitz. Und auch die trendigen schwarzen Augengläser tendieren jetzt ins Anthrazit. Gleich dahinter dudelt in einem VW-Bus ein Song von Bob Marley, weil ja Sommer ist. Wiederum dahinter spielt Bayern 1 »Summer in the City«.

Ist die Ampel endlich Grün, geht es trotzdem nicht voran. Erst, wenn sie wieder auf Rot ist, kommen die Nachzügler in die Puschen und vermischen sich mit dem aufgestauten Aufkommen der Nebenadern. Die Nachmittagssonne knallt. Im Auto gefühlte 35 Grad. Es ist April. Und endlich Sommer. Bäume und Sträucher, die sonst streckenweise mit einem dunklen Schattenfleck auf dem Asphalt die Gemüter etwas abkühlten, gibt es nicht mehr. Sträucher und Bäume abgesägt, Frühlingsvögel geflüchtet. Der Mensch renoviert sich mit Dreck, Getöse und Blech. Wer nach 20 Minuten von der Kreuzung Aschauerweiherstraße/Steingasse endlich zum »Bachhäusl« gelangt ist, könnte locker ein Bier zischen, bevor es weitergeht.

Powerfrau mit guter Laune

Kerstin Heidelberger ist seit einer Woche die neue Pächterin des »Bachhäusls«. Sie nimmt das omnipräsente Staub- und Lärmchaos mit Humor, wie sie sagt. Und zwar mit einem Trockenen. Man könnte scherzen, sähe man sie passend mit einem Glas trockenen Sekt in der Hand. Vor ihrer Wirtshaustür stehen noch rustikale Kabelrollen und zum grotesken Amüsement hat sie kleine Blümchengestecke darauf gestellt. Einer Tischdecke bedarf es hier zurzeit nicht, denn die liefert der Baustaub umsonst. Das ist dann wohl trockener Humor.

Egal. Wer Kerstin Heidelberger kennt, weiß ihre Power zu schätzen. Sie freut sich riesig auf die neue Herausforderung. Vom Engagement, Humor und guter Laune der jungen Wirtin wird der Gast sofort erfasst. Das zusammen ergibt ein Ambiente der ganz besonderen Art. Und, wenn Staub und Lärm sich verzogen haben, will sie die Tradition des Bischofswieser Gasthauses gut bürgerlich weiterführen. Jörg Tessnow