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Stillstand vor und im Geschäft

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... und Hendlbrater Franz Punz herrscht Flaute.
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Vergebliches Warten auf Kunden: Bei Ömer Yildiran ...
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Die Kunden bleiben aus: Café-Betreiberin Ingrid Moderegger ist traurig.
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Vor der Gaststätte »Brenner Bräu« wurde kurz vor Ostern der Gehsteig entfernt. »Für unser Geschäft ist das der schlechteste Zeitpunkt«, sagt Katarina Sporkova.  Fotos. Pfeiffer)

Bischofswiesen – Die Geduld der Geschäftsinhaber an der Hauptstraße in Bischofswiesen ist am Ende. Seit über einem halben Jahr sorgt eine Großbaustelle und die damit verbundenen Staus für Unmut. »Das alles hier ist existenzgefährdend«, sagt Ömer Yildiran, der den einzigen Lebensmittelladen betreibt. Auch die Geschäfte von Café-Betreiberin Ingrid Moderegger laufen schlecht. Und beim »Brenner Bräu« hat man kurz vor Ostern auch noch den Bürgersteig samt Eingangstreppe weggerissen. Die Bischofswieser schimpfen. Das mag auch an der mangelhaften Informationspolitik der Gemeinde liegen.


Die Hauptstraße von Bischofswiesen ist viel befahren. Bis zu 15 000 Fahrzeuge pro Tag sind hier unterwegs. Zu den Stoßzeiten in der Früh und am späten Nachmittag ist die Hölle los. Die Hauptstraße gehört zur Bundesstraße 20. An der Durchfahrtsstraße liegen viele Geschäfte. Bis vor einem Dreivierteljahr war auch alles gut. Bis jene Baustelle startete, die mittlerweile überregional Bekanntheit erlangt hat. Seit Monaten ist der Verkehr in der 7 500-Einwohner-Gemeinde Thema Nummer eins. Jeder, der von Berchtesgaden nach Bad Reichenhall will, muss durch die mehrere Hundert Meter lange Baustelle, die immer wieder mal per Ampel geregelt wird. Die Folge: kilometerlange Staus.

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»Man hat uns von Anfang an im Ungewissen gelassen«, sagt Ömer Yildiran. Von maximal zwei Monaten war er ausgegangen. Jetzt zieht sich das Ganze schon über ein halbes Jahr und soll weitere zwei Monate dauern. Das Problem ist, dass die Kunden ausbleiben. »Niemand möchte sich das antun«, sagt Yildiran. Dass die Stützmauer zur nebenan fließenden Ache erneuert werden muss, sehe er ein. Allerdings seien die Ausmaße unverhältnismäßig. »Die Verantwortlichen haben hier schlichtweg falsch kalkuliert und uns Händler dabei vergessen.«

Yildiran hat mittlerweile Personal ausstellen müssen, da ihm die Kosten über den Kopf wachsen. »Die Menschen meiden Bischofswiesen und fahren einfach woanders zum Einkaufen hin«, sagt er. Aus Yildiran spricht die Verzweiflung. Denn, ob er seinen Lebensmittelladen weiterführen kann, steht noch nicht fest. »Ich arbeite 12 bis 16 Stunden am Tag«, sagt er. »Für wen eigentlich? Für die Baustelle?«

»Jeder, der kann, umfährt den Ort«

Auch Karl Bittner, der an der Hauptstraße ein Sportgeschäft betreibt, ärgert sich über die ständigen Staus. »Das Geschäft ist deutlich eingebrochen«, sagt er. Mehrere Unfälle habe es in direkter Nachbarschaft bereits gegeben. »Wenigstens an einen Spiegel hätten sie denken können, damit die Übersicht gewahrt ist.« Dass deutlich weniger Kunden kämen, sei der unglücklichen Baustellensituation und den vielen Staus geschuldet. »Jeder, der kann, umfährt den Ort.«

Die Händler seien die Leidtragenden. »Viele haben daran zu knabbern, für einige ist die Situation existenzgefährdend. Ganz davon abgesehen, dass die Kleiderständer vor seinem Geschäft ständig voll mit Staub seien«, so Bittner. Sein Geschäft führt Bittner hier seit mehreren Jahrzehnten. In vier Monaten möchte er in Ruhestand gehen. Seine Prognose für die Hauptstraße: »In zehn Jahren gibt es kaum noch Geschäfte.«

In Bischofswiesens kleiner Postfiliale ist Jakob Renoth der Verantwortliche. Und obwohl die Leute ihre Briefe und Pakete weiterhin vorbeibringen, seien die vergangenen Monate spürbar schlechter verlaufen. »Der Dezember war der schlechteste, seit ich hier bin, also seit 17 Jahren«, sagt Renoth. Das heißt: 1 000 Postkunden weniger. Die Leute würden andere Filialen anfahren oder erst gar nicht durch Bischofswiesen fahren.

In den Praxen an der Hauptstraße sagen Kunden ihre Termine ab – wegen der Ampeln. Der Autohändler um die Ecke spürt ebenfalls einen deutlichen Geschäftsrückgang, da Reparaturen einfach gleich woanders durchgeführt würden. Und auch Apotheker Matthias Häuser von der St.-Georg- Apotheke spricht von erheblichen Einbußen. Nur über eine schmale Zufahrt kann man auf den Parkplatz einbiegen. Fußgänger kommen derzeit gar nicht zur Apotheke – weil die Gehwege gesperrt sind oder komplett fehlen. Kunden lassen sich derzeit generell wenig blicken. »Die Leute wissen seit Monaten nicht, wann es sich durch den Ort wieder staut und wann nicht«, sagt Häuser.

Kaum Laufkundschaft

Ähnlich aussichtslos ist momentan auch die Situation bei Ingrid Moderegger, die ein kleines Café an der Hauptstraße führt. Kein einziger Gast ist da. »Das ganze Jammern hilft nichts«, sagt sie. Dabei hätte sie viel zu klagen. Denn die saftigen Torten hinter der kleinen Theke sind beinahe unberührt. »Laufkundschaft kommt so gut wie nie.« Den Geschäftsleuten werde momentan viel zugemutet, ein Ende ist nicht in Sicht. Lediglich auf ihre Stammkunden kann Moderegger dieser Tage noch zählen, die Kuchen holen oder auf einen Kaffee vorbeischauen.

Schwer getroffen hat es auch die neuen Besitzer der Traditionsgaststätte »Brenner Bräu«. Katarina Sporkova fühlt sich alleingelassen, denn Mitteilungen der Gemeinde über die Baustellenentwicklung und mögliche Ampelschaltungen gab es kaum. Kurz vor Ostern, für das man sich viele Kunden erwartet hatte, wurde vor der Gaststätte der gesamte Gehweg entfernt, inklusive Treppenaufgang. Nur noch über den angrenzenden Parkplatz, der über Monate als Baustellenlagerplatz verwendet worden war, können Gäste die Wirtschaft betreten. »Leute im Rollstuhl haben keine Chance«, ergänzt sie. Von der Gemeindeverwaltung ist Sporkova schwer enttäuscht.

Auch die Bischofswieser Bürger sind verärgert wegen der Baustelle. Zeitgleich wurde das alte Rathaus abgerissen, Dutzende Lkw-Transporte mussten den Schutt beseitigen. »Manchmal fragt man sich schon, ob die Verantwortlichen überhaupt wissen, was sie tun«, sagt eine ältere Dame mit Rollator. »Die Gehsteige sind miserabel, eigenständig kann ich nicht mehr einkaufen gehen«, sagt sie.

Seitens der Gemeinde lässt man auf Nachfrage wissen, dass alle Geschäftsinhaber immer rechtzeitig über Ampelschaltungen informiert sind. »Sofern wir ebenfalls informiert wurden«, sagt die Gemeindemitarbeiterin. Derweil sinniert Ömer Yildiran über die Zukunft. »Was hat die Gemeinde davon, wenn die Straße wieder schön ist, aber die Geschäfte schließen?« Kilian Pfeiffer