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Streit um BIM vorbei, IHK-Messe kommt nicht

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Irene Wagner ist seit Mai Vorsitzende des IHK-Gremiums Berchtesgadener Land, gleichzeitig ist sie Geschäftsführerin von psm protech in Marktschellenberg, ein Unternehmen das vor allem die Automobilindustrie beliefert. Foto: Anzeiger/Hudelist

Marktschellenberg – Seit ziemlich genau drei Monaten ist Irene Wagner als Nachfolgerin von Klaus Lastovka neue Vorsitzende des IHK-Gremiums im Berchtesgadener Land. Die 16 Mitglieder dieses Gremiums repräsentieren immerhin 8 100 Mitglieder im Landkreis, genauer gesagt Pflichtmitglieder der IHK. In einem speziellen Workshop haben die Gremiumsmitglieder und Wagner nun erste, neue Schwerpunkte ihrer Arbeit bis 2016 erarbeitet. In einem Exklusivinterview mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« schildert Irene Wagner unter anderem, wie sie ihr neues Amt und ihren Job als Geschäftsführerin vom psm protech unter einen Hut bringen will.


Frau Wagner, es gibt zwei bis drei Sitzungen des Gremiums pro Jahr, das hört sich nicht nach so viel Arbeit an.

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Irene Wagner: Der Vorsitz besteht ja nicht nur aus den Gremiumssitzungen, sondern es gilt viele Termine wahrzunehmen, um die Interessen der IHK-Mitglieder im Landkreis zu vertreten. Da ich aber nicht meinen Job rund um das Ehrenamt aufbauen will, sondern umgekehrt, haben wir uns in der ersten Sitzung schon darauf geeinigt, dass wir die vielen Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen.

Es fällt auf, dass die IHK jetzt öfters zu aktuellen Themen wie der geplanten Maut oder dem Einkaufszentrum in Neukirchen Stellung nimmt. Ihr Verdienst?

Wagner: Die IHK München und Oberbayern ist eine wichtige Interessensvertretung der Wirtschaft und ich finde es wichtig, dass wir zu aktuellen Themen Stellung beziehen, wenn sie die Wirtschaft betreffen. Aber die IHK hat auch schon vor meiner Zeit immer wieder die Öffentlichkeit über Anliegen der Mitglieder informiert, sei es bei der Olympiabewerbung, beim Ladenschluss in Tourismusorten oder beim Streit um das Container-Terminal in Teisendorf.

Bleiben wir gleich bei den Mitgliedern. Die IHK im Landkreis hat zwar 8 150 Mitglieder, aber die sind ja nicht freiwillig beigetreten, sondern gesetzlich verpflichtet. Bei der letzten Wahl zur IHK-Vollversammlung 2011 haben im Berchtesgadener Land gerade einmal 9,4 Prozent der Wahlberechtigten teilgenommen, vertreten Sie im Grunde nicht nur diese zehn Prozent?

Wagner: Mit der Wahlbeteiligung liegen wir über dem Schnitt in Oberbayern, aber klar ist auch, dass wir uns 2016 eine höhere Wahlbeteiligung wünschen. Wir müssen sichtbarer werden, das ist ja auch der Grund, warum sich die IHK mit der Regionalisierung in den Landkreisen stärker verankern will. Und noch eines: Nur weil ein IHK-Mitglied sich nicht an der Wahl beteiligt, heißt das ja nicht, dass es kein Interesse an einer starken Interessenvertretung hat. Ich sage mit Nachdruck: Das IHK-Gremium ist für alle offen.

Aber sind knapp zehn Prozent wirklich eine Legitimation, die gesamte Wirtschaft im Landkreis zu repräsentieren?

Wagner: Ich finde ja, denn die IHK hat ja auch viele wichtige Aufgaben wie zum Beispiel die Ausbildung der Azubis und das gesamte Prüfungswesen. Davon profitieren ja alle Unternehmen, nicht nur die, die an der Wahl zur Vollversammlung und den IHK-Gremien teilgenommen haben.

Im November 2013 wurde die IHK-Geschäftsstelle in Rosenheim deutlich ausgebaut, ist die IHK seither tatsächlich näher an den Unternehmen?

Wagner: Selbstverständlich, die regionale Geschäftsstelle unterstützt ja die Arbeit des Gremiums hier im Landkreis und wird darüber hinaus mit ihren zahlreichen Beratern in den Betrieben wahrgenommen. Andere IHK-Fachleute kümmern sich intensiv um die Ausbildung in den Betrieben und beraten zu Export oder helfen dabei, dass Unternehmen Innovationen umsetzen.

Stichwort Rosenheim. In Erinnerung geblieben ist ja, dass Ihre Kollegen in Rosenheim dem Landkreis unbedingt eine eigene IHK-Jobmesse aufs Auge drücken wollten und offensichtlich nicht verstanden haben, warum die Unternehmen im Berchtesgadener Land weiterhin nur die BIM in Salzburg wollen.

Wagner: Dieses Thema ist vom Tisch. Wir haben im Berchtesgadener Land abgestimmt und werden auch weiterhin auf die Berufs-Info-Messe in Salzburg gehen. Es wird zwar keinen IHK-Gemeinschaftsstand auf der BIM geben wie angeregt, aber eben auch keine IHK-Konkurrenzveranstaltung im Landkreis.

Vor zwei Wochen haben Sie hinter verschlossenen Türen mit den 16 Mitgliedern des Gremiums Schwerpunkte Ihrer Amtszeit erarbeitet. Worauf werden Sie denn in den verbleibenden zwei Jahren ihrer Zeit besonders Wert legen?

Wagner: Wir haben fünf große Bereiche festgelegt, auf die wir uns in den nächsten Monaten konzentrieren wollen, einer davon ist die Infrastruktur oder besser gesagt die fehlende Infrastruktur. Das reicht vom dritten Gleis zwischen Freilassing und Salzburg bis zum dringenden Ausbau der Autobahn zwischen Rosenheim und dem Walserberg, auch der Bus- und Bahnverkehr muss attraktiver werden. Wenn ich zum Beispiel hier in Marktschellenberg einen 16-jährigen Azubi habe, hat er ein Problem, zu uns zu kommen. Zum Thema fehlende Infrastruktur gehört auch eine schnelle Internetverbindung, die in weiten Teilen des Landkreises schlichtweg fehlt.

Oft hat man ja den Eindruck, der Landkreis sei generell nicht sehr wirtschaftsfreundlich. Teilen Sie diese Ansicht?

Wagner: Nein, grundsätzlich nicht. Deutschland hat im Gegensatz zu anderen EU-Ländern einen hohen Industrieanteil, darauf können wir stolz sein, denn darum geht es uns auch relativ gut. Wahr ist, im Landkreis ist in den Köpfen oft nur der Tourismus, aber wenn die Industrie laut und schmutzig wäre, dann würde sie auffallen. Dass wir nicht auffallen, ist doch eigentlich ein positives Signal. Eine Studie zeigte erst vor Kurzem, dass an den Leitbetrieben in den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein 28 000 Arbeitsplätze hängen.

Der Fachkräftemangel ist auch ein Schwerpunkt Ihrer Amtszeit, was halten Sie vom Projekt in Freilassing, dass Asylbewerber eine Ausbildung erhalten?

Wagner: Eine tolle Idee von Max Aicher, echt, zumal viele Asylbewerber ohnehin bei uns bleiben werden, denn viele haben ja eine gute Aussicht, anerkannt zu werden. Da sind viele Leute dabei, die ein großes Potenzial haben. Die IHK setzt sich beim Thema Asylbewerber übrigens auch für neue Regelungen im Aufenthaltsrecht ein, damit junge Asylbewerber bei uns eine Ausbildung machen können. Denn eines ist auch klar: Eine gute Ausbildung sichert auch eine gute Integration. Wir müssen die Flüchtlinge unterstützen, sie haben viel Leid ertragen und zudem werden wir sie auch am Arbeitsmarkt brauchen. Michael Hudelist