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Sturmwurfflächen auf dem Lattengebirge

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Große Kahlflächen nach der Sturmwurfaufarbeitung 2008. Dr. Kohlpaintner (vorne) von der TU München informierte über Forschungsergebnisse. Foto: privat

Ramsau (BN) – Der Bund Naturschutz hatte in Kooperation mit den Bayerischen Staatsforsten und der TU München im Rahmen der Bayern Tour Natur zur Exkursion eingeladen. Dabei wurden aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt. Fazit: Auf südexponierten Sturmwurfflächen sollte möglichst viel Totholz verbleiben und rasch wieder aufgeforstet werden, um Nährstoff- und Bodenverluste zu minimieren.


Von der Karscheid bot sich vor sieben Jahren nach dem Orkan Kyrill ein beklemmendes Bild: Bäume kreuz und quer, danach riesige Holzpolter links und rechts der neuen Forststraßen, nur wenige abgebrochene Stammteile, Äste und fast kein stehender Totholzbaum auf der Fläche. Dafür gab es damals schon Kritik vom Bund Naturschutz, aber wie Forstbetriebsleiter Dr. Daniel Müller mit Blick auf die Wiederbewaldungsflächen erläuterte, war damals größte Eile geboten, die Flächen zu räumen, um den Borkenkäferbefall niedrig zu halten und so die umliegenden Fichtenbestände zu schützen.

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Mehr Biomasse zurücklassen

Mehrere Fremdfirmen waren beauftragt worden. Obwohl die fachlich viel gelobte Bewältigung der Sturmschäden am Forstbetrieb Berchtesgaden ohne Fremdfirmen nicht möglich gewesen wäre, wurden in Einzelfällen die Arbeitsaufträge nicht immer zur Zufriedenheit des Forstbetriebes ausgeführt. »Mit dem heutigen Wissensstand, der dank der Ergebnisse aus den beiden Interreg–Projekten (SicALP und StratALP) geschaffen werden konnte, würden wir heute deutlich mehr Biomasse auf der Fläche lassen als bei der Aufarbeitung 2007«, so Dr. Müller.

An mehreren Exkursionspunkten berichtete Dr. Michael Kohlpaintner von der TU München über die neuesten Erkenntnisse der Humusforschung. Der erste Punkt lag unter einer mindestens zweihundertjährigen Fichte, die den Boden gut beschattete und ein Humuspolster von 30 bis 40 Zentimetern unter sich hatte, bevor man auf den Kalkfelsen gelangte. In 10 Zentimeter Tiefe wurden 10 Grad gemessen.

Am zweiten Exkursionspunkt fanden sich im Schatten eines Baumstumpfes unverbissene Tannen, die sich zu einer Höhe von etwa 1,20 Meter prächtig entwickelt hatten, daneben Himbeere und Heidelbeere. Wenige Meter entfernt stand eine zur gleichen Zeit gepflanzte gelblich aussehende Fichte von circa 30 Zentimetern Wuchshöhe und litt offensichtlich an Nährstoffmangel. Ganzbaumernte nach Kyrill und dadurch das Fehlen der Beschattung führten in den ersten Jahren nach dem Sturm zu einem Humusabbau und einer Auswaschung von Nährstoffen. Auf den besonnten vegetationsfreien Kahlflächen stiegen die Oberflächentemperaturen des schwarzen Humus bis auf 70 bis 80 Grad an. Dass bei solchen Temperaturen kein Sämling eine Chance hatten, bedurfte keiner weiteren Erklärung. Aber auch wie die Humusauflage über dem Kalkfels verschwindet, war gut erkennbar. Da sie ausschließlich aus organischer Substanz besteht, löst sie sich komplett auf, wobei der Kohlenstoff als Kohlendioxid entweicht.

»Das ist für den Klimaschutz natürlich genau kontraproduktiv«, so BN-Kreisvorsitzende Rita Poser. 80 Prozent der Nährstoffe eines Baumes sind in Nadeln, Zweigen und Rinde gebunden. Auf Nachfrage von Hans Kornprobst, Sprecher des Arbeitskreises Wald beim Bund Naturschutz, erläuterte Dr. Müller, dass die Fichtenreinbestände des Lattenberges durch Kahlschläge für die Salinenbewirtschaftung entstanden sind. Allerdings waren damals alle Baumkronen, Äste und die meiste Rinde auf den Flächen verblieben, sodass die Humusschicht und die meisten Nährstoffe geschützt waren.

Naturverjüngung funktioniert

Interessant waren auch die Unterschiede beim Wachstumsvergleich zwischen Pflanzung und Naturverjüngung der Jahre 2008 bis 2013 am Beispiel der Vogelbeere. Die Pflanzungen schafften es im Durchschnitt von etwa 40 Zentimetern auf eine Wuchshöhe von 1,20 Metern. Die Naturverjüngung wuchs im gleichen Zeitraum von 25 Zentimetern auf eine Wuchshöhe von 1,75 Meter. Auch aktuell hatte die Naturverjüngung noch einen besseren Zuwachs als die Pflanzung.

Auf Grund des hohen Einsatzes der Revierjäger wuchsen etwa 90 Prozent der Tannen und noch mehr Bergahorne und Vogelbeeren die letzten fünf Jahre ohne Schäden auf. Auch in der Weißwand zeigte sich eine dynamische Verjüngung des Bestandes aus gepflanzten und ausgesamten Bäumen, die nur bei entsprechend angepassten Wildbeständen möglich ist.

Nährstoffverluste vermindern

Aus Gründen der Nährstoffnachhaltigkeit haben die Bayerischen Staatsforsten eine Karte erstellt, die zeigt, auf welchen Waldflächen es bei der Holzernte erforderlich ist, Kronen und Äste auf der Fläche zu belassen.

»Mit den jetzt vorliegenden Erkenntnissen, werden wir künftig die Nährstoffverluste nach Stürmen vermindern und die verbleibenden Schutzwälder weiterhin vor Borkenkäfern schützen«, so Dr. Müller, auch wenn die Kosten zunächst höher sein werden.

Es ist derzeit nicht abschätzbar, wie lange Zeit es dauern wird, dass auf den Kyrillflächen des Lattenbergs wieder ein normaler Bergwald wachsen kann.