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Superfood statt Unkraut

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Brigitte Berreiter kennt sich aus in der Welt der heimischen Pflanzen, und weiß, wo es Gutes zu entdecken gibt. (Fotos: Spitzer)
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Mädsüß und Rossminze – Das perfekte Gespann für den Genuss

Berchtesgaden – Strahlender Sonnenschein und stahlblauer Himmel – in den letzten Tagen des Sommers zeigt sich das Berchtesgadener Land von seiner schönsten Seite. Auch an den versteckten und schattigen Plätzen wartet die heimische Flora jetzt mit reichen Schätzen auf, die es zu entdecken gilt. Kräuterexpertin Brigitte Berreiter erklärt auf einem Rundgang durch die Natur, welche Kräuter wertvoll und schmackhaft sind – und, was sich zum Beispiel aus Rossminze und Kohlkratzdisteln zaubern lässt.


Als Angestellte des Nationalparks Berchtesgadener Land und ausgebildet in der Traditionellen europäischen Heilkunde (TEH), kennt Brigitte Berreiter jeden Winkel ihrer Wahlheimat in- und auswendig. Schon als der Weg am Waldrand beginnt, gibt es die erste wichtige Lektion.

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Warum in die Ferne schweifen?

»Um die Kräfte unserer Natur für sich nutzen zu können, muss man nicht weit gehen«, erläutert sie. »Viele der gebräuchlichsten Pflanzen wachsen schon an der nächsten Ecke.« Und tatsächlich. Schon nach wenigen Metern das erste Fleckchen freie Wiese am Wegesrand. In voller Blüte stehen sie da. Mannshohe Kohlkratzdisteln, einzeln emporragend aus einem Meer aus violett blühender Rossminze, herrlich weißen Mädesüß und vielen anderen Gewächsen. Auch die Bienen haben dieses schöne Eckchen längst entdeckt. Summend umschwirren sie die Halme und Blätter, drängen sich auf jeder Blüte in großer Zahl.

Der leichte Hauch des bereits verfliegenden Morgentaus dämpft den Geruch der beliebten Aromapflanzen nur leicht. »Sie wachsen nicht nur gut zusammen – sie passen auch gut zusammen«, erklärt die Kräuterkundige. »Mädesüß und Rossminze vereint ergeben einen rosafarbenen, köstlichen Sirup.« Das Grün der Kohlkratzdistel dagegen eignet sich hervorragend für Salate, Säfte oder Smoothies. Während der Weg weiter durch das satte Grün führt, offenbart sich die volle Pracht der einheimischen Pflanzenwelt. Dunkelgrüne Brennnesselfelder, durchbrochen von einzelnen Büscheln Giersch, versammelt auf kleinstem Raum. Was dem einen oder anderen als lästiges Unkraut erscheinen mag, wird mit ein wenig Fachkenntnis zur wahren Kostbarkeit.

Frei verfügbar und allesamt nutzbar, um das eigene Wohlbefinden erheblich zu steigern. Für jedes der teuer beworbenen Superfoods, jenem modernen Nahrungstrend, bei dem die Herstellungsprozesse der Lebensmittel sowie die Arbeitsbedingungen der Arbeiter oft mehr als unübersichtlich sind, gibt es ein einheimisches Pendant. Doch wie kann man sie nutzen? »Statt den gerade sehr beliebten Chia-Samen gibt es bei uns überall Brennnesselsamen, die sich sehr gut ernten lassen«, weiß die ausgebildete Heilkundlerin. »Flohsamenschalen können durch die Samen des Spitzwegerich ersetzt werden.« Aber eins muss beachtet werden: »Krankheiten gehören zum Arzt oder Apotheker«, warnt sie. »Bevor Sie Heilpflanzen anwenden, sollten Sie sich umfassend informieren.« Zu diesem Thema gibt es gerade im Berchtesgadener Land ein vielfältiges Angebot, aus dem man wählen kann.

Im Einklang mit der Natur

Gerade an diesen letzten, schwindenden Sommertagen, an denen das Jahr der »Kräuterei« seinen Höhepunkt bereits erreicht hat, zeigt sich noch einmal die ganze Fülle an Möglichkeiten. Die wertvollen Erntetage sind vorbei, die Pflanzen ziehen sich mit stetig schwindenden Kräften zurück, um sich für das kommende Frühjahr zu erholen.

»Früher haben wir mit der Natur gelebt, haben ihre Ressourcen voll genutzt und waren mit ihr im Einklang – das haben wir verloren und müssen es wieder lernen«, bemerkt Brigitte Berreiter abschließend, »doch Zeit und Muße braucht man schon dafür.« Eine willkommene Beschäftigung für die langsam nahenden, kälteren Tage, um sich – den Pflanzen gleich – für das nächste Frühjahr zu rüsten und um im kommenden Kräuterjahr aus dem vollen Reichtum, den die Wiesen und Wälder, die Berge und Täler des Berchtesgadener Landes bieten, schöpfen zu können. Es gibt viel zu entdecken. Daniela M. Spitzer