weather-image
29°

Viele Ideen für ein großes Projekt

Berchtesgaden - In welche Richtung entwickelt sich Berchtesgaden in den nächsten Jahrzehnten? Wo soll Wohnraum entstehen, wo kann sich Gewerbe ansiedeln? Im Flächennutzungsplan, an dem momentan im Talkessel gemeindeübergreifend gearbeitet wird, wird all dies geklärt. Bürgermeister Franz Rasp fordert Transparenz - und hat aus diesem Grund die Bevölkerung ins Kongresshaus geladen, um Antworten auf offene Fragen zu finden - und die dem Flächennutzungsplan zugrunde liegenden Leitbilder zu präsentieren.

Bürgermeister Franz Rasp erklärte die Pläne. Fotos: Anzeiger/kp
Stadtplaner Wolf Steinert ist maßgeblich für den Flächennutzungsplan verantwortlich.

Die vielen bunten Karten, die im kleinen Saal des Kongresshauses ausgehängt sind, sind das Ergebnis vieler Monate Arbeit. Wo befindet sich Naturraum, wie zeigt sich die Landschaftsstruktur, wie sieht das allgemeine Georisiko aus? Eine Gefahrenzonenkartierung gibt für Letzteres die Antworten. 27 Jahre ist es her, dass für Berchtesgaden ein Flächennutzungsplan erstellt wurde. Eine lange Zeitspanne, in der viel passiert ist. Die Antworten auf die Fragen der Zeit soll nun das aktuelle Werk liefern. Und die Bevölkerung darf sich mit einbringen. Mit Vorschlägen, die im besten Fall berücksichtigt werden.

Anzeige

Künftig soll es im Talkessel eine verbesserte Zusammenarbeit geben. Deshalb entsteht der Flächennutzungsplan für alle fünf Gemeinden. Leitbilder, auf die sich alle Bürgermeister vorab verständigt haben, verdeutlichen, dass Alleingänge in Zukunft nicht mehr möglich sein werden. Alle Gemeinden haben es sich auf die Fahne geschrieben, dass der Bevölkerungszuwachs moderat ausfallen soll und dass landwirtschaftliche Betriebe gesichert werden. Das dritte Leitbild ist das Bekenntnis zur Tourismusregion. Außerdem möchte man Arbeitsplätze sichern und erweitern. Eine Neuansiedlung von qualifizierten Arbeitsplätzen sei ein besonderes Ziel, das man verwirklichen wolle, so Bürgermeister Rasp.

Da mag man gar nicht in die Vergangenheit zurückblicken, angesichts der Tatsache, dass es noch keine zwei Jahre her ist, als der Triftplatz, allgemein als »Filetstück« der Gemeinde Schönau am Königssee bekannt, zum Höchstpreis an einen Lebensmitteleinzelhändler und einen Discounter verkauft wurde. Von qualifizierten Arbeitsplätzen keine Spur.

Der gemeindeübergreifende Flächennutzungsplan soll Ende 2013 fertig werden. Für mindestens 15 bis 20 Jahre wird er, nach Aussage des Gemeindechefs, Gültigkeit haben und die Richtung der Kommunen aufzeigen. Erst dann sei über eine Neufassung zu entscheiden. Was denn etwa das Biosphärenreservat-Siegel für den Flächennutzungsplan bedeute, fragt ein Berchtesgadener. »Gar nichts«, schallt es aus dem Publikum.

Bürgermeister Franz Rasp ist da anderer Meinung: »Es wird mit einfließen.« Der Gebietscharakter im Talkessel werde gewahrt, gibt er zu verstehen. Und Wolf Steinert, der für den Flächennutzungsplan zuständige Experte, sagt, dass ein wildes Verbauen der Landschaft nicht den zukünftigen Gemeindeweg darstellt. Derzeit kristallisiere sich eine Entwicklung zum Ort heraus. Die »grüne Wiese« sei nicht mehr das Maß aller Dinge.

Die Sicherung der Ortskerne und den Schutz des Einzelhandels forderte deshalb der stellvertretende Vorsitzende der Marktgemeinschaft Berchtesgaden, Stefan Schlagbauer. Fachmarktzentren zerstörten die gewachsenen Strukturen. Die Gemeinde solle in dieser Hinsicht Vorsicht walten lassen und Acht darauf geben, dass der Einzelhandel im Marktbereich auch künftig gut funktioniere.

Als besondere Arbeitspakete, die sich Bürgermeister Rasp vorgenommen hat, stellte er den Bahnhof und die Marktbereiche Nonntal und Maximilianstraße vor. Der Bahnhof, der in anderen Orten und Städten als mit Leben erfülltes Herzstück gilt, wo es die Mieten in die Höhe treibt, ist für Berchtesgaden bislang kein Aushängeschild. Im Gegenteil. Das Nonntal und die Maximilianstraße drohen zu verwaisen. Deshalb arbeitet man in der Gemeinde mit Nachdruck daran, wie man die Ortsteile wieder mit Leben füllen und dieses dort dauerhaft halten könnte.

Auf ähnliche Probleme blickt Rasps Bürgermeisterkollege aus Ramsau, Herbert Gschoßmann, zurück. »Als die Post aus dem Ort verschwand, ging es bergab«. Inzwischen gibt es wieder einige neue Geschäfte, die sich angesiedelt haben. Ein ähnliches Bild auch in Marktschellenberg. Der dortige Bürgermeister Franz Halmich sagt, dass es für ihn ganz weit oben auf der Agenda stehe, den Ortskern wieder zu beleben.

Rasp ist der Ansicht, dass es ein »völliger Schmarrn« sei, in absehbarer Zeit neue Lebensmittelmärkte in Berchtesgaden anzusiedeln. Der Bedarf sei gedeckt. Mehr als ausreichend. Eine Zuhörerin machte darauf aufmerksam, dass Urlaubsgäste allein wegen der Landschaft in den Talkessel kämen. »Deshalb muss man sich gut überlegen, ob man in die Fläche geht«, so ihr Ratschlag in Richtung des Bürgermeisters. Weil sich die Kommunen zur Tourismusregion bekennen und die Zahl der Kleinvermieter sukzessive rückgängig ist, ist ein deutlicher Bedarf an Betten vorhanden. Günstige Hotels fehlten, so Rasp. Einen Masterplan, in dem Standorte und Möglichkeiten für weitere Bettenhäuser dargelegt werden, gibt es bereits. Nähere Infos nannte Rasp nicht.

Auch in den nächsten Monaten solle sich die Bevölkerung mit allen Anliegen, die den Flächennutzungsplan betreffen, an die Gemeindeverwaltung wenden. »Jedes Anliegen wird über meinen Schreibtisch wandern«, verspricht Rasp, der nach eigener Aussage über alle Kanäle erreichbar sei: per Brief, per Mail oder per Facebook. Ein klassischer Anruf ist ebenso drin wie das persönliche Gespräch. »Wir sind da ganz offen«. kp