Gericht, Gerichtsurteil
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Vom Gerichtssaal in den Knast – Einreise mit 260 Gramm Marihuana

Berchtesgadener Land – Der 22-jährige Tiroler will im Salzburger Europark von einem arabisch aussehenden Mann angesprochen worden sein, ob er nicht 260 Gramm Marihuana nach Saalfelden transportieren wolle. Für 200 Euro Kurierlohn. Das Laufener Schöffengericht glaubte die Geschichte nicht, ging vielmehr von einem Handel mit Betäubungsmitteln aus und schickte den Mann für zwei Jahre und zwei Monate ins Gefängnis. Im Großen Sitzungssaal klickten die Handschellen, aufmerksam beobachtet von den Schülern der Klasse 7c der Mittelschule Freilassing.


Weil der Fahrer in dem Mietwagen am Bundesstraßengrenzübergang Walserberg nervös wirkte, schauten die Beamten genauer nach. Unter Fahrer- und Beifahrersitz fanden sie zwei vakuumierte Päckchen mit Marihuana. Ein Haftbefehl war gegen Zahlung einer Kaution von 5 000 Euro außer Vollzug gesetzt worden. Die hatte sein Opa hingelegt, denn der Angeklagte berichtete von eigenen Schulden in Höhe von 60.000 Euro.

»Ich war auch schon öfter im Europark«, sagte Vorsitzender Richter Martin Forster, »mich hat noch keiner angesprochen, ob ich Drogen mitnehme.« So liefe ein Dealer doch Gefahr, an einen Zivilpolizisten zu geraten, oder aber der Gefragte verständigt sofort die Polizei. Und doch blieb der Tiroler bei seiner Version: Am Saalfeldener Sportplatz würde eine Flasche den Platz anzeigen, wo er den Stoff ablegen sollte. »Was, wenn dort kein Geld bereit liegt?«, fragte Staatsanwalt Nils Wewer. »Dann hätte ich das Ganze entsorgt«, behauptete der Angeklagte. Immerhin Stoff mit einem Verkaufswert von rund 2500 Euro.

Eine Oberinspektorin der Zollfahndung München berichtete, dass eine Haarprobe des 22-Jährigen zwar den Kontakt mit Marihuana bestätigt habe, nicht aber einen Konsum. Die PIN-Nummer seines iPhones habe der Angeklagte nicht preisgegeben, und das Gerät sei ausnahmsweise von den Fachleuten nicht zu knacken gewesen. Was in seinem Mietwagen noch zu finden war, waren Quittungen über den Kauf einer größeren Menge von Vakuumbeuteln. Die brauche er, um Fleisch, Gemüse und Erdbeeren frisch zu halten, erzählte der Tiroler.

Aus Sicht Wewers sprach alles für einen Handel mit Betäubungsmitteln, um damit Gewinn zu erzielen. So war der Tiroler in seinem Heimatland schon einmal wegen Drogendelikten zu einer Geldstrafe verurteilt worden. »Der Dealer, der ihm diese Menge aushändigt, hätte überhaupt keinen Zugriff mehr gehabt«, so der Staatsanwalt. Daneben habe der Angeklagte keine konkrete Personenbeschreibung liefern können oder wollen, und er habe den PIN seines Telefons verschwiegen. Wewer beantragte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten.

Mit den Beuteln könne man »was weiß ich alles verpacken«, erklärte Rechtsanwalt Florian Georg Eder. Sein Mandant sei im Europark bekannt, weshalb ein Ansprechen durchaus glaubhaft ist. Auf den Paketen fänden sich keine Fingerabdrücke und sie waren »laienhaft« unter den Sitzen platziert. Weil es sich »nur« um das 3,8-Fache einer nicht geringen Menge und um eine »weiche Droge« handle, wollte der Verteidiger von einem minderschweren Fall ausgehen. »Ein Jahr und fünf Monate sind ausreichend«, so Eder, und weil es die erste Haftstrafe sei, könne die zur Bewährung ausgesetzt werden.

Vorsitzender Forster hatte jedoch gleich zu Beginn der Verhandlung deutlich gemacht, dass es eine Bewährung nur mit der »Wahrheit« geben werde. Die drei Richter entschieden auf zwei Jahre und zwei Monate, das teure iPhone wird vernichtet. »In höchstem Maße unglaubwürdig«, sagte Forster über die Geschichte des Tirolers.

So spreche alles für einen Handel, »und Erdbeeren zu laminieren ergibt Matsch«. Gestanden habe der Angeklagte nur, was nicht zu bestreiten war. Den Haftbefehl setzte das Gericht wieder in Vollzug. Dazu waren kurzfristig zwei Beamte der nahen Polizeiinspektion Laufen ins Gericht gekommen, nahmen die Arme des jungen Tirolers auf seinen Rücken und legten ihm Handschellen an. Aller Voraussicht nach wird es am Landgericht eine Berufungsverhandlung geben.

Hannes Höfer