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»Von 40 Wohnungen ist uns nichts bekannt«

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Das Gutachten liegt vor. Im Detail wird dort auf die Möglichkeiten einer Nutzung eingegangen. Von einer Wohnnutzung im Bestand ist dort allerdings nicht die Rede. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – 40 Wohnungen in der Mittelschule Berchtesgaden? Seit eineinhalb Wochen schwirrt diese Zahl im öffentlichen Raum herum. Jetzt ist das Gutachten über das Schulgebäude öffentlich. Von einer möglichen Wohnnutzung ist darin allerdings nicht die Rede.


35 Seiten dick ist das Gutachten der Architekten Schulze Dinter. Die Gebäudeanalyse beschäftigt sich mit dem Weiterbetrieb der Schule für alle möglichen Szenarien. Etwa das, in dem der Standort Mittelschule bliebe und künftig Bischofswieser Schüler mitaufgenommen werden müssten, oder auch, wenn die Schule in Berchtesgaden zusperrte. Die Ergebnisse des Berichts sollten dem Mittelschulverband Berchtesgaden als Träger der Mittelschule »als Beurteilungsgrundlage über den derzeitigen Zustand dienen sowie eine Abschätzung der zukünftigen Investitionen ermöglichen«, heißt es im Vorwort. Mittlerweile ist das Gutachten seitens des Mittelschulverbands durchgearbeitet worden. Klar ist, dass das Gebäude im direkten Vergleich zu Bischofswiesen den Kürzeren zieht.

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Teure Investitionen

Allein die notwenigen Investitionskosten belaufen sich im Mittel laut Aufstellung auf 4,56 Millionen Euro. Ein Großteil der Kosten würde in den Fensteraustausch fallen, rund 1 Million Euro. Laut Gutachten gibt es »mangelhafte Fensterbänder, sodass die Gefahr besteht, dass bei einer Fehlbedienung die Fenster in den Innenraum fallen«. Weitere 800 000 Euro sind für eine Fassadendämmung auf 3 200 Quadratmetern vorgesehen, »zur Minimierung der Unterhaltskosten sowie zur Erreichung der Energieeinsparungsziele des Landkreises notwendig«. Ebenso unumgänglich ist eine Aufzuganlage, Teil der angestrebten Barrierefreiheit. Diese läge bei einer Viertelmillion Euro. »Derzeit ist, wegen der Eingangspodeste, nicht einmal das Erdgeschoss barrierefrei erreichbar«, heißt es in der Gebäudeanalyse. Eingangsrampen seien unumgänglich, ebenso weitere Rampen in den Obergeschossen »zu den ausgelagerten Fachunterrichtsräumen«.

Und die Sanierung der Unterrichtsräume würde auch noch mal rund eine Million Euro betragen, obwohl der »Zustand der Bodenbeläge, Wände und Decken noch die Funktion erfüllt«. Derzeit stehen 14 Unterrichtsräume mit einer durchschnittlichen Größe von 76 Quadratmetern zur Verfügung. Die fest installierte Multimediatechnik ist laut Gutachten »nicht mehr zeitgemäß und muss für einen multimediaorientierten Unterricht überholt werden«. Die WC-Anlagen sind bis auf einige Pissoirs im Buben-WC über 40 Jahre alt. Eine Sanierung sei »dringend notwendig«.

Auf insgesamt 4 400 Quadratmetern Nutzfläche findet aktuell der Mittelschulbetrieb für die rund 221 Schüler statt. Bis auf den Brandschutz, in den erst kürzlich 160 000 Euro investiert wurden, ist das Gebäude aber größtenteils in die Jahre gekommen, das lässt sich aus dem Gutachten entnehmen. Der Bau stammt aus dem Jahr 1973.

Trotzdem kommt das Gutachten zu dem Schluss, dass eine »Weiterführung des bisherigen Schulbetriebes durch das großzügige Raumangebot gut möglich« sei, wenngleich »einige Sanierungsmaßnahmen« notwendig wären. Würden künftig auch Bischofswieser Schüler in Berchtesgaden zur Schule gehen, müssten weitere Klassenräume im dritten und vierten Obergeschoss nutzbar gemacht werden durch eine Sanierung »sowie durch die Herstellung eines zweiten Fluchtweges und den Anbau einer Fluchttreppe«. 400 000 Euro teuer käme das Erweiterungskonzept, mit dessen Hilfe die fünf Mittelschulklassen aus Bischofswiesen »genügend Klassenräume zur Verfügung« hätten.

Eine Möglichkeit: der Abriss des Gebäudes

Interessant wird es im Gutachten ab Seite 31. »Möglichkeiten der Nachnutzung« steht oben drüber. Und Franz Rasp, Berchtesgadens Bürgermeister, hatte schon vor eineinhalb Wochen während einer Versammlung des Elternbeirats erklärt, dass bis zu 40 Wohnungen im Bestand entstehen könnten, sollte die Mittelschule in Berchtesgaden aufgelöst werden.

Im Gutachten selbst findet sich allerdings kein Absatz mit einer möglichen Nachnutzung als Wohnraum. Vielmehr werden dort Alternativen genannt, die 4 500 Quadratmeter etwa als »Lagerfläche« verwenden zu können, wobei in diesem Fall die Investitionskosten gering ausfielen, auf der anderen Seite aber auch »zentral gelegene Gebäudeflächen verschwendet« würden. Als Nachnutzung kämen auch »Schulen aller Art, Dienstleistungen sowie eine Verwaltung« infrage. Laut Gutachten hätte das den Vorteil, dass ein Nutzungswechsel »relativ einfach« wäre. Der Nachteil hingegen: »Es werden kaum Nutzungen zu finden sein, die einen derart hohen Flächenbedarf haben und dennoch ortsverträglich einzubinden sind.« Eine Verwendung des Gebäudes durch mehrere Nutzungen sei ebenfalls möglich, »eine Vielzahl von Einrichtungen wie Vereine oder Institutionen könnten von den vorhandenen Räumen profitieren«, heißt es in der Gebäudeanalyse. Allerdings wären die Investitions- und Erhaltungskosten sowie der Verwaltungsaufwand bei dieser Lösungsvariante hoch.

Eine weitere Möglichkeit: der Abriss des Gebäudes. 750 000 Euro teuer wäre dieser. Neben einer Schulerweiterung wäre auch eine Freifläche für die nebenan zu findende Grundschule denkbar, aber auch die Ansiedlung von Gewerbe, eine Wohnbebauung sowie Gebäude für Gemeindeaufgaben.

»Auf Wohnungssuche«

Von einer Wohnnutzung im Bestand der Mittelschule wird im Gutachten also explizit nicht gesprochen. Nachfrage bei Bürgermeister Franz Rasp, der die 40 Wohnungen ins Spiel gebracht hatte und dessen Aussage mittlerweile von seinen Bürgermeister-Kollegen in Ramsau und Schönau am Königssee wiederholt wurde: Per SMS schreibt Franz Rasp auf die Frage, wieso von den 40 Wohnungen im Gutachten nichts zu lesen ist, Folgendes: Diese »sind eine überschlägige Schätzung unserer Bauabteilung und nur eine von mehreren denkbaren Möglichkeiten.« Bei den Architekten Schulze Dinter, zuständig für das Gutachten, weiß man nichts von »40 möglichen Wohnungen«. Man habe selbst aus der Zeitung davon erfahren. Kilian Pfeiffer