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»Von Brandverletzungen betroffen sind vor allem Kinder«

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Univ.-Prof. Dr. med. Bert Reichert hat die 34. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung geleitet – und den Tagungsort Berchtesgaden gelobt. (Foto: Berwanger)

Berchtesgaden – In seinem Schlusswort sprach Tagungspräsident Univ.-Prof. Dr. med. Bert Reichert von »Wehmut«: Vier Tage hatten sich zuvor die Teilnehmer der 34. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung im Kongresshaus streng wissenschaftlich mit der herausfordernden Behandlung brandverletzter Menschen auseinandergesetzt. Die 370 Pflegeexperten, Kinderchirurgen, Plastischen Chirurgen und Intensivmediziner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz tauschten sich dabei interdisziplinär und interprofessionell auf beruflicher und auch persönlicher Ebene aus.


Ohne Emotionen könnten weder er noch seine interprofessionellen Kolleginnen und Kollegen in der Verbrennungsmedizin arbeiten, erklärte Prof. Reichert nach Tagungsende. Dieser Bereich der Medizin mit seinen erwachsenen Patienten und in ganz besonderem Maße »den »Kindern, die keinerlei Verantwortung« für ihr Leid durch Verbrennungen und Verbrühungen trügen, sei ein ganz besonderer. Diese schwer geschädigten, oft traumatisierten und zumeist für den Rest ihres Lebens chronischen Patienten lösten bei ihren Behandlern »ein starkes Gefühl der Betroffenheit« aus.

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Fünf Verbrennungszentren in Bayern

Für die von der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung und der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin angestrebte bestmögliche Behandlung schwer brandverletzter Menschen gibt es in Deutschland relativ flächendeckend Verbrennungszentren mit entsprechend spezifischer räumlicher und technischer Ausrüstung sowie hoch spezialisierten Teams aus Medizin, Pflege und Therapie. In Bayern sind dies fünf Häuser, drei davon sind in München, dort stehen in zwei Kliniken auch Betten für Kinder zur Verfügung. In Murnau ist die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau auf Brandopfer spezialisiert und in Nürnberg das Klinikum Süd. Dort ist Prof. Reichert Ärztlicher Leiter der Universitätsklinik für Plastische, Wiederherstellende und Handchirurgie, Zentrum für Schwerbrandverletzte.

Ihm lag es am Herzen, auf diesem interprofessionellen Kongress unter dem Motto »Gemeinsam sind wir stark« nicht nur auf die gerade für Brandopfer so bedeutende Zusammenarbeit aller beteiligten Berufsgruppen hinzuweisen. Nicht zuletzt der politisch brisanten Zeiten wegen, mit Terroranschlägen wie in Paris, sei die länderübergreifende Hilfe für Schwerbrandverletzte ein so aktuelles wie wichtiges Thema, so Bert Reichert. Deutlich geworden wäre dies bei dem verheerenden Discobrand in der rumänischen Hauptstadt Bukarest im Oktober letzten Jahres. Über 60 Tote und etwa 150 teils Schwerverletzte trieben viele Rumänen aus Protest über desaströse Zustände und Korruption auf die Straße, in der Folge trat die Regierung zurück.

Wie hoffnungslos die Kliniken in Bukarest mit der Versorgung der Opfer, insbesondere derer mit Brandverletzungen, überfordert waren, schilderte im letzten Vortrag der vier Kongresstage Johannes Horter. Der Anästhesist war, initiiert durch die Bitte eines rumänischstämmigen Kollegen, mit anderen Medizinern und nach einigen bürokratischen Wegen zu den Botschaften nach Bukarest gereist, um sich vor Ort nach Möglichkeiten der Hilfeleistungen umzusehen. Acht Tage nach dem Brandunglück bot sich den Ärzten aus der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Ludwigshafen nicht mehr so viel Möglichkeit zur Hilfe wie dies nötig gewesen wäre und sich die deutschen Mediziner gewünscht hätten. So waren zum Beispiel manche Schwerstbrandverletzte nicht transportfähig. »Wir sind heute noch bei der Nachversorgung«, erklärte der Oberarzt aber auch.

»Immer auch eine politische Komponente«

»Wir brauchen tief greifende Abstimmungen«, so Horter, es müsse ein Konzept für solche Situationen aufgestellt werden. »Diese Katastrophen haben immer auch eine politische Komponente«, sagte später Prof. Reichert. Die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Ludwigshafen mit ihrem großen, renommierten Verbrennungszentrum sei »das Ergebnis« der Schlussfolgerungen der Politik nach dem Terroranschlag auf die Berliner Diskothek »La Belle« 1986 und der Ramsteiner Flugkatastrophe 1988. Sollte ein Anschlag wie in Paris in Deutschland passieren, käme die Verbrennungsmedizin an ihre Grenzen, verhehlt der Arzt nicht. Der Verbrennungsmedizin fehlt wohl noch eine entsprechende Lobby.

Eine Lobby für brandverletzte Kinder habe »Paulinchen« mit seinem unermüdlichen Einsatz schaffen können, freut sich der engagierte Professor. Auch in Sachen Prävention sei »Paulinchen« stark und erfolgreich. Und obwohl das Klinikum Nürnberg ein Akut-Krankenhaus sei, wolle es sich nun auch der Prävention annehmen. »Betroffen sind vor allem Kinder«, so Bert Reichert. Deswegen könne nicht genug Aufklärungsarbeit geleistet werden. Ina Berwanger