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Bei einem Wasserstoff-Infotag in Anger wurde kürzlich gezeigt, was schon heute möglich ist – etwa der Antrieb von Autos mit Wasserstoff. Der Tag wurde vom Mittelstandsverband »Der Mittelstand. BVMW« gemeinsam mit dem Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice organisiert. (Foto: BVMW)

Von der »Bauchlandung« zur »Sternstunde« – Energiewende im Umweltausschuss

Berchtesgadener Land – Bernhard Heitauer (CSU) blickte düster in die Zukunft: »Wir werden kläglich scheitern, wir werden mit all unseren Projekten eine Bauchlandung erleben«, prognostizierte er in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Umweltfragen, Energie, Landkreisentwicklung und Mobilität (AUELM). »Und mehr sage ich heute nicht mehr.« Simon Köppl (Bündnis 90/Die Grünen) erlebte hingegen eine »Sternstunde in meinem noch jungen kommunalpolitischen Leben« – in derselben Sitzung.


Drei Anträge brachte Köppls Fraktion einstimmig durch: für zusätzliche Fotovoltaikanlagen auf kreiseigenen Liegenschaften, für die Erstellung einer Wasserstoffstrategie für das Berchtesgadener Land und für ein Maßnahmenpaket zur regenerativen Wärmegewinnung für den Landkreis. Als i-Tüpfelchen stellte Michael Münch, Klimamanager und Stabsleiter für den Bereich Landkreisentwicklung, weitere Projekte des Klimaschutzkonzeptes vor, die 2023 geplant sind.

Landratsamt hat hohen Stromverbrauch

Eingangs dieses insgesamt vier Tagesordnungspunkte umfassenden Programms betonte Landrat Bernhard Kern, dass der Kreistag schon unter seinem Vorgänger Georg Grabner »Meilensteine« gesetzt hat: mit dem Energienutzungsplan und dem Klimaschutzkonzept. Bei der Sonnenenergie sei der Landkreis gut aufgestellt, verwies er auf den Solaratlas, beim Thema Wasserstoff habe es gerade eine Tagung in Anger gegeben (wir berichteten). Zur Wasserkraft habe gerade ein Arbeitsgespräch im Haus stattgefunden, und auch in die Windkraft sei Bewegung gekommen, obwohl der Landkreis hier nicht so viele Möglichkeiten hat. Zu möglichen Szenarien eines Blackouts werden kreisübergreifende Pläne entwickelt. »Wir nehmen das ernst«, unterstrich Kern.

Mit diesen Worten übergab er an Münch, der den Sachverhalt zum Antrag der Grünen auf zusätzliche Fotovoltaikanlagen vortrug. Fündig ist die Kreisverwaltung beim Ostflügel und der Hausmeisterwohnung des Landratsamtes geworden. Für 100.000 Euro kann dort eine Anlage mit einem Stromertrag von 57.000 kWh pro Jahr errichtet werden. Weil das Landratsamt selbst einen hohen Stromverbrauch von rund 400.000 kWh pro Jahr hat, geht Münch von einer hohen Eigenverbrauchsquote und hoher Wirtschaftlichkeit der Maßnahme aus.

Sven Kluba (CSU) erinnerte an den zwar verschobenen, aber beschlossenen Neubau. Seine Zustimmung knüpfte er an die Möglichkeit des Abbaus und der Wiederverwendung der Anlage an und er erfuhr, es sei möglich.

Fraktionskollege Thomas Gasser ging auf nicht abgerufene Haushaltsmittel aus dem vergangenen Jahr ein, auf hohe Preise und unterbrochene Lieferketten. Er warnte vor zu hohen Erwartungen: »Wir können beschließen, was wir wollen, wenn es nichts gibt, nutzt es nichts.« Er hakte zum Modus der Ausschreibungen nach, ob kleinere, heimische Firmen auch zum Zuge kommen können, und fragte, ob es Anzeichen gebe, dass sich der Markt beruhige. Münch sprach davon, dass es durchaus kleinere Lose gebe, und Simon Köppl, der hauptberuflich tief in der Materie des Energiemarktes steckt, meinte: »Man sieht eine leichte Entspannung.« Gleichzeitig betonte der Grüne, dass dieser Antrag aus einem Fraktionssprecher-Treffen hervorgegangen ist: »Es war nur zum Teil unsere Idee«, gestand er und dankte deshalb parteiübergreifend.

Andreas Nutz (CSU) brachte in diesem Zusammenhang Freiflächen für Fotovoltaikanlagen vor. Er wisse, dass es ein heikles Thema sei, aber sie hätten in der Gemeinde Saaldorf-Surheim einen Ingenieur, der die Potenziale im Landkreis kennt: »Vielleicht kann man ihn mal in den Kreisausschuss einladen?«, schlug er vor, bevor es zum nächsten Tagesordnungspunkt ging, zur Erstellung einer Wasserstoffstrategie.

Zu »überqualifiziert« für Förderprogramm

Die Kreisverwaltung wies in ihrer Stellungnahme darauf hin, dass es schon bayerische und nationale Strategiepapiere gibt, sodass der Fokus gezielt auf die Möglichkeiten des Berchtesgadener Lands gelegt werden müsste. Manuel Münch berichtete zudem, dass sich der Landkreis 2019 als Wasserstoffregion um ein Förderprogramm beworben hat. Als »Starter« sei man abgelehnt worden, weil man angeblich »überqualifiziert« gewesen sei. Für das »Expert«-Programm hat es wiederum nicht gereicht. Trotzdem sei man am Thema geblieben, verwies er auf die von Kern angesprochene Wasserstofftagung in Anger, die der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft in Kooperation mit der BGLW organisiert hatte. Unterm Strich empfahl Münch, in der Fortschreibung des bestehenden Energienutzungsplans eine Wasserstoffstrategie zu entwickeln.

Das war der Moment, als der langgediente Kommunalpolitiker, Fuhr- und Baggerunternehmer und Betreiber der Götschenlifte, Bernhard Heitauer (CSU) seinem Frust freien Lauf ließ: Gesetzgebung und Mentalität in der Bevölkerung werden all die Projekte nicht zulassen, erinnerte er an die Widerstände gegen Windkraftanlagen auf dem Teisenberg schon zu Georg Grabners Zeiten. »Österreich macht das, was wir wollen«, verwies er auf den Bau vieler Wasserkraftwerke im Nachbarland, während in Bayern der Protest groß ist. »Das wird alles nicht funktionieren«, schloss er, stimmte dennoch allen Projekten zu.

»Mit dem Privileg der Jugend sehe ich es deutlich optimistischer«, sagte Simon Köppl und lud Heitauer schmunzelnd ein, sich in zehn Jahren am Götschen oder Hochschwarzeck zu treffen, um sich an Ergebnissen zu erfreuen. Wieder ernster fand er »überraschend, wie schlecht die Energiewende immer wieder geredet wird«. Für die Verwaltung fand er Lob – »Unser Antrag wurde gut ausgearbeitet« – und für die Zukunft zuversichtliche Worte: »Mit Wasserstoff entsteht gerade ein ganzer Industriezweig.« Manfred Hofmeister (Bürgerliste Bad Reichenhall) mahnte, die Stromnetze nicht zu vergessen. Kern fand die Anregung gut und Köppl stimmte zu: »Wenn wir als Landkreis unsere Ziele definiert haben, dann sollte man mal die Netzbetreiber für die Stromversorgung einladen.«

Regelrecht vor Freude strahlte Simon Köppl beim nächsten Tagesordnungspunkt, als es nicht um Strom, sondern um Wärme ging. Denn heiß war es in der Diskussion hergegangen, als Ausschuss und Kreistag über den Antrag der Grünen, Solarthermie-Anlagen zu fördern, diskutierten. Nach einer hitzigen Auseinandersetzung wurde fraktionsübergreifend ein Kompromissvorschlag gefunden. Die Grünen änderten den Wortlaut ihres Antrags entsprechend ab (wir berichteten), der so eine Mehrheit fand.

Die Kreisverwaltung befasste sich damit und hatte gleich eine erste gute Nachricht: Die von den Grünen befürchtete Förderlücke gibt es nicht, hatte eine Rücksprache mit der Energieagentur der Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land ergeben.

Bürger über Solarthermie informieren

Vor diesem Hintergrund arbeitete die Verwaltung ein Fünf-Punkte-Maßnahmenpaket aus. Unter anderem sollen Hausbesitzer eine kostenlose Überprüfung bekommen, wie sie Solarwärme zusätzlich zu bestehenden Heizanlagen einsetzen können. Insgesamt 100.000 Euro sollen dafür im Kreishaushalt der Jahre 2023 bis 2026 bereitgestellt werden.

Roman Niederberger (SPD) ging noch einmal auf die Kritik aus den Reihen der CSU ein, dass damit nur Eigentümer gefördert werden. Tatsächlich müssten auch Maßnahmen für Mieter geschaffen werden, aber es komme auch Mietern zugute, wenn die Eigentümer ihrer Wohnungen geförderte Solarthermieanlagen einbauen und sich so Energiekosten verringern.

Dass die Beschlüsse letztlich zu einer langfristig angelegten Strategie des Landkreises passen, wurde anschließend deutlich: Manuel Münch informierte über Projekte aus dem Klimaschutzkonzept, die nächstes Jahr umgesetzt werden sollen (gesonderter Bericht folgt).

Sabine Zehringer