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Wagenräder aus Maria Gern für Berlin

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Auf den Zentimeter genau: Die Vorgaben sind erfüllt. Jetzt fehlt nur noch der Metallring. (Fotos: Pfeiffer)
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In einem Rund aus Kohle wird das Metall erhitzt.
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Selbst gedrechselt: die Radnabe für das Riesenrad.

Berchtesgaden – So ein riesiges Wagenrad hatten Wolfgang und Katharina Pfnür auch noch nie vor sich liegen. Die Berliner Volksbühne will es aber so. Sechs Meter Umfang, reines Eschenholz, beschlagen mit einem überdimensionalen Eisenring. Einen Monat arbeiten die Pfnürs jetzt schon dran, heute sollen die Räder vollendet werden. Das funktioniert allerdings nur unter Einsatz unkonventioneller Methoden. Ein Besuch.


Das Wagenrad ist ein echter Hingucker. Ein Kunstwerk aus Eschenholz. Gefertigt in Maria Gern, bei den Böllerbauern Pfnür. Der Berufszweig hat Seltenheitswert. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die hier hergestellten Produkte weltweiten Absatz finden. Wolfgang Pfnür hat vor einigen Jahren das Geschäft von Vater Franz übernommen. Er ist gelernter Metallbaumeister. Für die Herstellung von Böllern und Kanonen ist das eine optimale Voraussetzung.

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Das Arbeiten mit Holz und Metall ist die Grundlage für den Böllerbau, Ähnliches gilt auch für die Herstellung eines klassischen Wagenrads. Den Beruf des Wagners gibt es jedoch seit letztem Jahr offiziell nicht mehr. Die Pfnürs bedienen diese Nische aber auch weiterhin. Sie bauen Räder für jeden nur erdenklichen Zweck. Für Kutschen, Gartentore, für große Kanonen und nun auch für die Volksbühne Berlin.

Acht Wagenräder in verschiedenen Größen

Dass man den Auftrag im südöstlichsten Zipfel Deutschlands vergibt, war nicht vorgesehen. Mehrere Anfragen hatte die Volksbühne Berlin eingeholt, allerdings fand man keine Firma, die den Auftrag umsetzen konnte. Gefordert waren acht Wagenräder in verschiedenen Größen für eine neue Bühneninszenierung. Die Pfnürs, die pro Jahr viele Wagenräder, unter anderem für den Südtiroler Raum, produzieren, sagten zu. Zwei kleine Räder, vier weitere mit jeweils 1,25 Meter Durchmesser, die beiden größten mit knapp zwei Metern Durchmesser. Aus Holz sollten sie sein, mit Eisen beschlagen. Allein der Eisenring, den Familie Pfnür für jedes Rad anfertigen muss, wiegt 54 Kilogramm.

Gewöhnlich bringen die Pfnürs die Eisenbeschläge im Schmiedefeuer in Form. Dort erhitzt Steinkohle das Eisen auf besonders hohe Temperaturen, damit sich das Material weitet. Das Ziel: Den Metallring um das Rad zu legen und unter Zugabe von Wasser schnell abkühlen zu lassen. Das Material zieht sich zusammen, das aus Holz gefertigte Rad erhält dadurch eine besondere Stabilität.

Externe Feuerstelle für den Metallring

»Am Schmiedefeuer ist es unmöglich, diesen großen Eisenring zu erhitzen«, sagt Wolfgang Pfnür. Also musste sich der Handwerker was anderes einfallen lassen. Er schuf eine externe Feuerstelle vor der Werkstatt, in der man den Sechs-Meter-Metallring auf »Betriebstemperatur« bringt, um ihn schließlich auf das Holzrad zu spannen. Das Rad hatten die Pfnürs zuvor selbst konstruiert. Komplett aus Esche. »Dieses Holz eignet sich dazu am besten«, sagt Wolfgang Pfnür, der mit Frau Katharina und Vater Franz im eigenen Betrieb vor allem Böller und Kanonen fertigt. Sie fallen nicht in die Kategorie der Waffen, sondern gelten als Gebrauchsgegenstände im Berchtesgadener Talkessel. Ein Schaftböller kann schon mal 15 bis 20 Kilogramm schwer sein. Um ein handgefertigtes Unikat herzustellen, muss Wolfgang Pfnür in aufwendigen Arbeitsschritten schneiden, hobeln und fräsen, um das Holz zu bearbeiten. So auch bei den Wagenrädern, dem großen haben die Pfnürs eine 14-teilige Sprossung verpasst. Alles ist genau ausgemessen. »Es muss passen, wenn der letzte Schritt, das Aufsetzen des Metallringes, ansteht«, sagt Wolfgang Pfnür.

Der Ring passt

Vor der Werkstatt ist eine große Feuerstelle eingerichtet. Zwei Reihen Pflastersteine sind in Kreisform aufgebaut. Zwischen die Steine haben Katharina und Franz Pfnür jede Menge Holzkohle und -briketts geschüttet. An einem Kran hängt der Metallring, der in das Rund aus Kohle herabgelassen wird. Zwar erreicht man beim Erhitzen von Holzkohle bei Weitem nicht so hohe Temperaturen wie unter Einsatz von Steinkohle. Allerdings würde Steinkohle, sofern sie nicht am Schmiedefeuer unter Zufuhr von Luft entzündet wird, nach wenigen Minuten aufhören zu glühen. Die Holzkohle muss also reichen. Katharina Pfnür nutzt eine Druckluftpistole, um die Glut zu halten. Dazu läuft sie entlang des Metallringes und bläst mit regelmäßigen Stößen Luft auf die Briketts. Funken fliegen herum, »langsam haben wir Betriebstemperatur erreicht«, freut sich Wolfgang Pfnür. Zwar glüht der zentnerschwere Metallring nicht, wird aber heiß genug, dass er sich ausdehnt.

»Auf geht's«, ruft Wolfgang Pfnür. Tochter Ronja bekommt einen Gartenschlauch in die Hand gedrückt. Sie ist eifrig bei der Sache, möchte beim Kühlen des Rades helfen. Mit dem Kran wird der nun aufgeheizte Metallring aus der Kohle gehoben, rüber geschwenkt und langsam auf das Holzrad gesetzt, das am Boden liegt. Präzisionsarbeit ist gefragt. Jetzt muss alles ganz schnell gehen, denn Wolfgang Pfnür will den Metallring ja noch zusammenschweißen. Das Material hat sich um mehrere Zentimeter gedehnt, der Kran lässt den Ring herab, »es passt«, zeigt sich Wolfgang Pfnür zufrieden.

Zum Schluss wird geschweißt

Jetzt sind die Gießkannen und der Gartenschlauch dran: Unter lautem Zischen geht viel Dampf auf, der Metallring legt sich um das Eschenrad. Die Rauchentwicklung wegen des heißen Metalls auf dem Holz ist groß. Wolfgang Pfnür sitzt bereits mit dem Schweißgerät vor dem Ring. Jetzt nur alles richtig machen. Mittlerweile ist das Rund einigermaßen abgekühlt, es sitzt perfekt. Auch das Schweißen hat nun geklappt. Das Rad ist fertig.

Und wie kommen die Wagenräder nun nach Berlin?»Die Volksbühne holt sie bei uns in Maria Gern ab«, sagt Katharina Pfnür. Mit dem Lieferwagen. Denn schon in wenigen Tagen werden die Räder bei einer neuen Bühneninszenierung zum Einsatz kommen. Kilian Pfeiffer