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Wegen 2,49 Euro ins Gefängnis?

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Berchtesgaden/Laufen – Der Bauarbeiter war noch keinen Monat auf freiem Fuß, als er erneut zugriff. Vier Sonnenbrillen im Wert von 500 Euro ließ der 34-Jährige in einem Reichenhaller Optikgeschäft im März mitgehen. Kurz darauf steckt er in einem Berchtesgadener Laden einen Nagelknipser ein. Wert: 2,49 Euro. Weil der Mann schon mehrfach wegen Diebstählen aufgefallen war, stellte sein Verteidiger Rechtsanwalt Udo Krause die Frage nach einer eventuell krankhaften Störung und den Antrag auf ein entsprechendes Gutachten, sodass die Verhandlung am Laufener Amtsgericht bis dahin ausgesetzt wurde.


»Es war ziemlich was los an diesem Tag«, erinnerte sich der Geschäftsinhaber, »erst als es im Geschäft wieder ruhiger wurde, sind mir die fehlenden Brillen aufgefallen.« Was zuvor in dem Optikgeschäft passiert war, wurde alles auf Video festgehalten. Und der Berchtesgadener war darauf eindeutig zu erkennen. Die Brillen hat der Geschäftsinhaber inzwischen zwar wieder, als neuwertig aber kann er sie nicht mehr verkaufen.

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»Eine davon habe ich behalten, die anderen an Spezln verschenkt«, beantwortete der Angeklagte die Frage von Staatsanwalt Christoph Stehberger nach der Verwendung des Diebesguts. Stehberger vermutete dahinter Beschaffungskriminalität. Seit er in einem Entzugsprogramm der Caritas sei, nehme er keinerlei Drogen mehr, versicherte der Bauarbeiter.

»Kaum aus dem Gefängnis, und dann schon wieder. Ich versteh's nicht«, schüttelte Richter Thomas Hippler den Kopf. »Ich versteh's selber nicht«, erwiderte der Mann. Sein Verteidiger versuchte eine andere Erklärung: »Vier seiner fünf Vorstrafen sind Diebstähle. Es stellt sich die Frage, ob nicht eine krankhafte Störung vorliegt.« Der Fachbegriff Kleptomanie bedeutet krankhafter Trieb zum Stehlen.

Man müsse hier nicht fragen, wie man bestrafen, sondern wie man helfen könne, plädierte Udo Krause für ein anderes Herangehen. Eine krankhafte Störung sei nicht nur für die Strafzumessung von Bedeutung, sondern auch für die Prophylaxe. »Er ist weg von den Drogen und hat wieder Arbeit«, beleuchtete Krause die Bedeutung für seinen Mandanten, »seine Existenz steht auf dem Spiel.«

Der Verteidiger beantragte ein psychologisches Gutachten. Sollte dies eine krankhafte Störung belegen, könnte das Gericht von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgehen, wenngleich Stehberger zu bedenken gab, dass Kleptomanie nicht von allen Seiten als Krankheit gesehen werde. Nach Vorliegen des Gutachtens wird Thomas Hippler einen neuen Verhandlungstermin festlegen. Hannes Höfer