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Welt aus Schnee und Eis

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BERGinale-Veranstalter Hans Klegraefe konnte zum Auftakt des Multivisionsfestivals im Kongresshaus die Schönauer Bergsteigerinnen Bernadette Thielen (l.) und Barbara Hirschbichler (r.) begrüßen. Foto: Anzeiger/Kastner

Berchtesgaden - Einblicke in eine Welt aus Schnee und Eis bekamen zahlreiche Besucher am Donnerstag zum Auftakt der BERGinale im Kongresshaus Berchtesgaden. Während Barbara Hirschbichler im fast voll besetzten Kleinen Saal Menschen und Berge in ihrer zweiten Heimat, dem Karakorum-Gebirge, vorstellte, erzählte Bernadette Thielen von einer erfolgreichen Expedition zum Fast-Siebentausender Aconcagua in Argentinien.


Es waren spannende Geschichten, die die beiden einheimischen Bergfexe dem staunenden Publikum erzählten. Barbara Hirschbichler blickte zurück auf die Anfänge ihres sozialen Engagements und beantwortete auch die Frage nach dem Warum. Schließlich ist dort am 7 786 Meter hohen Batura Muztagh im Jahr 1959 ihr damals 27-jähriger Vater Albert mit weiteren Expeditionsmitgliedern ums Leben gekommen. Die Tochter, die die Gegend viele Jahrzehnte nach dem Unglück erstmals besuchte, schloss Berge und Menschen schnell in ihr Herz und organisiert seitdem Spendensammlungen für viele Hilfsprojekte.

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Entstanden sind bis heute unter anderem zwei Schulen, eine Arztstation und eine Wasserleitung. Keinen Zweifel ließ Barbara Hirschbichler während ihres Vortrags daran, dass sie all dies ohne ihren Mann Ghulam Rasool nicht bewerkstelligen könnte. Rasool, der den Winter in Berchtesgaden verbrachte, ist bereits seit drei Wochen wieder in seiner Heimat und koordiniert die Hilfsprojekte. Freilich verbindet Barbara und Rasool viel mehr als das gemeinsame Engagement. Die Schönauerin erklärte das so: »Rasool ist für mich eine Mischung aus Sokrates, Mahatma Ghandi und Adonis«.

Vor nicht allzu langer Zeit waren Barbara Hirschbichler, Ghulam Rasool und weitere Freunde aus dem baltischen Braldo-Tal zu einer besonderen Expedition aufgebrochen. Tagelang durchstreiften sie ein extrem abgelegenes Tal, das wegen der im Sommer reißenden Bäche nur im Winter zu erreichen ist. Deshalb waren vor ihnen in dieser Gegend höchstens noch ein paar Steinbockjäger unterwegs. »Das war so ziemlich das Wildeste, was ich jemals gemacht habe«, sagte die Frau, die auch schon viel Achttausendererfahrung hat.

Freilich sahen die Besucher am Donnerstag auch Bilder von ihren »Ausflügen« zum Broad Peak oder zum Gasherbrum II. Herrliche Fotos dokumentierten den Zauber der Berge rund um den Concordia-Platz, wo die größten Gletscher der Welt zusammen fließen. Ihn umgeben die spektakulärsten Berge wie K2, Chogolisa, Masherbrum und Broad Peak.

Die Besucher spürten an diesem Abend besonders, wie sehr die harten Lebensbedingungen in Baltistan Barbara Hirschbichler nach wie vor berühren. Die Schönauerin versucht zu helfen, wo es geht. Doch sie weiß auch, dass sie nicht jedem Einzelnen helfen kann. »Wichtig ist halt, dass von unseren Projekten möglichst die ganze Gemeinschaft etwas hat«, sagt sie. Dennoch können durch viele Patenschaften, die sie vermitteln konnte, auch Einzelpersonen unterstützt werden. Und das Projekt der Himalaya-Karakorum-Hilfe geht weiter. Am Donnerstag spendeten die Besucher bereits wieder einen stattlichen Betrag, den Barbara Hirschbichler auf das Konto ihrer Hilfsorganisation überweisen konnte.

Bis in eine Höhe von fast 7 000 Meter ging es im Anschluss beim Vortrag von Bernadette Thielen. Sie war zusammen mit der Bischofswieserin Christa Baumann-Vogl im Rahmen einer 15-köpfigen, privat organisierten Gruppe am höchsten Berg des amerikanischen Kontinents unterwegs. Dass die beiden einheimischen Damen die Berchtesgadener Farben innerhalb der Gruppe mehr als gut vertraten, zeigte sich schnell. Schon bei der Eingehtour an einem Fünftausender verbuchten die beiden höhentauglichen Bergsteigerinnen einen problemlosen und schnellen Gipfelerfolg.

Dass der kein Zufall war, bewiesen die beiden wenige Tage später am Aconcagua. Dennoch war die Herausforderung, den Bergriesen zu besteigen, ungleich größer. »Vor allem der ewige orkanartige Wind machte uns sehr zu schaffen. Da muss man schon sehr leidensfähig sein«, schilderte Bernadette Thielen. Trotz der unwirtlichen Bedingungen schraubten sich die beiden Berchtesgadenerinnen mit ihrem leichten Zweimannzelt langsam von Lager zu Lager höher. Sie wählten schließlich die sogenannte Polentraverse als Anstiegslinie, weil hier die Bedingungen deutlich besser waren als auf anderen Routen.

Vom letzten Lager aus waren die beiden sportlichen Damen noch einmal sechs Stunden unterwegs, ehe sie am höchsten Punkt standen. »Es ist eine Fläche in etwa so groß wie dieser Saal hier. Hier und dort ein paar Steingebilde und ein Kreuz - eher unspektakulär«, so die Referentin. Auch wenn es einmal ein Rekordbergsteiger sechs Wochen am Gipfel ausgehalten hatte, so wollten die beiden Damen doch schnell wieder hinunter. Schließlich lagen noch enorme Anstrengungen vor ihnen, ehe sie den langen Anstiegsweg in umgekehrter Richtung wieder zurückgelegt hatten.

Zum Ausklang des Vortrags sahen die Besucher noch Bilder von einer Rundreise durch Chile mit der Hauptstadt Santiago. Und Bernadette Thielen fasste noch die ein Jahr später durchgeführte Reise nach Ecuador zusammen. Hier konnte sie den Sechstausender Chimborazo und den Fast-Sechstausender Cotopaxi besteigen. Jede Menge Höhenmeter also zum Auftakt der BERGinale. Heute Abend sind im Kleinen Saal Franziska Pretzl (18.00 Uhr, Kyrgyzstan) und Rainer Limpöck (20.15 Uhr, Magisches Berchtesgadener Land) zu Gast. Ulli Kastner