weather-image
26°

»Wie viel Strecke liegt noch vor mir?«

4.5
4.5
Bildtext einblenden
Frederic Ringleb blieb zwei Wochen in der Ramsau und fragte Wanderer am Hirschkaser, ob die neuen Schilder den Weg attraktiver machen. Denn darauf stehen keine Zeitangaben, sondern Prozentmarkierungen, die zeigen: »So viel habe ich schon geschafft, und so viel Strecke liegt noch vor mir.« (Foto: Rasp)

Ramsau – Der Sportstudent Frederic Ringleb aus dem Taunus-Gebiet war zwei Wochen in der Ramsau, um für seine Bachelorarbeit zu recherchieren. Er hat dafür 128 Wanderer am Hirschkaser befragt. Das Thema: Neue Wanderschilder auf diesem Weg, auf denen nicht die Wegedauer abgebildet ist, sondern andere Aspekte, zum Beispiel, wie anstrengend der Weg ist und wie viel Prozent man schon von der Strecke geschafft hat. Ringleb fragte die Wanderer, ob damit die Attraktivität des Weges gesteigert wird. Die häufigste Antwort: Ja.


Ein junger, durchtrainierter Bergsteiger braucht weniger Zeit für die gleiche Strecke, wie eine ältere Person mit weniger Kondition – klingt logisch. Somit ist die Zeitangabe am Fuße eines Wanderwegs, wie dem zum Hirschkaser, nicht aussagekräftig für alle. Darum hat Frederic Ringleb in Zusammenarbeit mit Professor i. R. H. V. Ulmer von der Uni Mainz und dem Ramsauer Dr. Helmut Langhof vom Mittendorff-Institut für medizinisch überwachten Bergsport Berchtesgaden neue Schilder entwickelt. Diese stehen seit Ende August am Wanderweg zum Hirschkaser.

Anzeige

Vor dem Wandern Wasser trinken und Puls messen

Auf dem Ersten steht zu lesen, was es mit dem Pilotprojekt auf sich hat. Denn die neuen Schilder sind bisher nur an diesem einen Weg zu finden. Die Strecke ist in jeweils 20-Prozent-Schritten markiert. Das hilft Wanderern mit weniger Kondition, sie besser einzuschätzen. »Zum Beispiel steht auf dem ersten Schild, dass der Wanderer seinen Puls messen sollte und etwas trinken, bevor es losgeht«, erklärt Ringleb, der Sportwissenschaften im Bereich Sozialwissenschaften/Sportökonomie studiert.

Für die Ausarbeitung der Schilder ist zunächst ein erfahrener Bergsteiger mit gleichmäßiger Anstrengung hinauf zum Hirschkaser gewandert, wobei in festgelegten Zeitabständen Wegmarken (GPS) notiert wurden. Daraus ließen sich anschließend mit Bezug zur Gesamtzeit Prozent-Markierungen in Abständen von je 20 Prozent der erforderlichen Anstrengung an der Wegstrecke anbringen, erklärt Ringleb in der Disposition zu seiner Bachelorarbeit. »Diese Prozentmarkierungen sollen auch älteren und weniger fitten Personen helfen, ihre Anstrengung bei unbekanntem bergigen Gelände angemessen einzuteilen und gegebenenfalls auch umzukehren, wenn das Ziel nicht mehr erreichbar erscheint.«

Jetzt wollte der Student aus Hessen wissen, wie die neuen Schilder bei den Wanderern ankommen. Dazu platzierte er sich über einen Zeitraum von zwei Wochen täglich oben vor dem Gasthaus »Hirschkaser« und befragte 128 Personen. Zwei Drittel sagten, sie sehen die Schilder positiv. »Die meisten waren Touristen«, erklärt Ringleb. »Der Altersdurchschnitt lag bei 59,6 Jahren.«

Der Student hat auch andere Daten über seine Befragungsteilnehmer gesammelt, die auch Aufschluss darüber geben, wer in den heimischen Bergen alles unterwegs ist. So kamen die meisten – 19 Menschen – aus dem Bundesland Nordrhein-Westfalen, es folgten die Bayern und danach Bürger aus Ostdeutschland. Auch Wanderer aus Österreich und der Schweiz waren dabei. 16 Einheimische gaben Antworten ab und einige »Naherholer« aus Freilassing und Salzburg. Die Befragten setzten sich zusammen aus 55 Frauen und 73 Männern. »Es waren hauptsächlich Pärchen, und auch Reisegruppen«, erklärt Ringleb. Er hat die Daten in eine sogenannte Wechseltabelle eingetragen und kann nun daraus verschiedene Kenntnisse ableiten.

»Viele wissen nicht, wie man seinen Puls misst«

Und wie haben die Menschen auf seine Fragen reagiert? »Die meisten waren aufgeschlossen. Aber ich wurde auch schief angeschaut«, lacht der Sportstudent. Viele Leute hätten auch das erste Schild ganz unten übersehen, fährt er fort. »Wenn man das erste Schild verpasst hat, auf dem die Erklärungen stehen, versteht man vielleicht die anderen Prozentschilder nicht mehr. Darum wollen wir nun auch weiter oben eine Erklärung anbringen«, so der Hesse. Außerdem überlegt er, ob man auch die Höhenmeter angeben soll. »Das wäre eine zusätzliche Motivation.« Was dem Forscher aufgefallen ist: Eine breite Masse der Befragten wusste nicht, wie man den Puls misst. »Viele sagten, sie hätten doch gar keinen Pulsmesser dabei«, erzählt Ringleb. Jedoch braucht man dafür nur seine Hand und eine Uhr.

Die Einheimischen waren fast alle einer Meinung, was die neuen Schilder betrifft: »Wir brauchen das nicht«, lautete hier die Antwort. Aber das Angebot richte sich auch eher an Leute, die nicht so oft in den Bergen unterwegs und weniger fit sind. »Ein großes Problem: Die Leute fangen viel zu schnell an. Sie gehen anfangs in zu hohem Tempo und sind dann schnell erschöpft«, weiß der Sportwissenschaftler. Hier helfen die 20-Prozent-Markierungen: Wer nach der ersten Markierung schon konditionell am Ende ist, kann entweder sein Tempo drosseln oder muss sogar umkehren. »Erst vor Kurzem ist dort wieder eine ältere Frau zusammengebrochen, wegen Kreislaufschwierigkeiten«, so Ringleb.

Eine Einheimische hat auch Kritik an dem Projekt geäußert. Sie habe sich beschwert, dass die Natur mit Schildern zugestellt werde. Fritz Rasp, Geschäftsleiter der Tourist-Info Ramsau, sagte auf Nachfrage zum Thema Ähnliches: »Wir finden das Projekt sehr gut, wollen aber auch nicht zu viele Schilder im Bergsteigerdorf aufstellen.« Annabelle Voss