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Willkommen in Absurdistan

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Schwanger und keine Lust auf Streit: Martina Fendt. Nur knapp kann sie mit ihrem Auto auf den hinter dem Haus liegenden Parkplatz fahren. (Fotos: Pfeiffer)
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Rund 70 auf 70 Zentimeter: Nachbar Eugen Kellner möchte nicht, dass sein Grund befahren wird. Deshalb hat er Randsteine und einen Pfosten betoniert.

Berchtesgaden – Wenn Martina Fendt auf den Parkplatz ihres Hauses fahren möchte, erfordert das besondere Fahrkünste. Was daran liegen mag, dass Nachbar Eugen Kellner ein paar Randsteine inklusive Holzpflock vor seiner Hecke einbetoniert hat, mitten auf Fendts Fahrweg. Um die Kurve zu kommen, wird damit aber schwierig. Autos, größer als ein Golf, haben keine Chance. Dass die Geschichte ein gütliches Ende findet, ist unwahrscheinlich.


»Ich war jahrelang immer gutmütig«, sagt Eugen Kellner. Die Vorbesitzerin des Hauses, in dem nun Martina Fendt wohnt, habe jederzeit Kellners Grund, nicht größer als ein Quadratmeter, überfahren dürfen, um problemlos auf den Parkplatz hinter dem Haus zu kommen. »Das war eine nette alte Dame. Ein Geben und Nehmen«, sagt Kellner. Ein mündlicher Vertrag habe bestanden. Als die Frau dann aber starb, habe Kellner beschlossen, auf sein Recht zu bestehen. Denn im Vorfeld hatte es einige Unstimmigkeiten mit den Erben gegeben.

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Man muss weiter ausholen, wenn man Eugen Kellners Geschichte verstehen will. Er hat sein Haus an der Koch-Sternfeld-Straße vor über 20 Jahren gekauft. Damals war er Ende 20. Zu mehreren Seiten liegen Nachbarsgrundstücke. Dort, wo die Zäune gezogen worden waren, ließ Kellner Hecken pflanzen. Viele Jahre ist das her. Nachgemessen hat er damals nicht. »Ich war unwissend, dachte, dass ich das Maximale raushole, wenn ich die Hecken dort pflanze, wo der Zaun verläuft.« Falsch gedacht.

Er pflanzte die Hecken auf seinem Grund, reduzierte dadurch sein Grundstück. Auch die Garage, die er baute, hätte er größer machen können. Wusste er aber nicht. Jetzt kann er nichts mehr ändern. Die Garage steht. Die Hecke genießt Bestandsschutz. »Ich habe – im Nachhinein betrachtet – immer auf einen Teil meines Grunds verzichtet.« Das wolle er künftig nicht mehr tun. Egal, was kommt. Martina Fendt hat vor zwei Jahren das Haus an der Koch-Sternfeld-Straße gekauft. Direkt neben dem Haus von Eugen Kellner. »Ich wollte einfach nur ruhig wohnen, ohne Probleme«, sagt sie. Sie ist im sechsten Monat schwanger. Martina Fendt wusste, dass es zwischen Kellner und der Vorbesitzerin des Hauses eine mündliche Absprache gegeben hatte, die der Dame erlaubte, über Kellners Grund zu fahren. Also erkundigte sie sich ebenso bei Kellner. Ohne Erfolg. »Frau Fendt hat bereits beim Kauf des Hauses gewusst, dass sie meinen Grund nicht überfahren darf«, sagt Eugen Kellner.

Hinter Fendts Haus liegt der Parkplatz für sie und ihren Mieter. Um dorthin zu kommen, muss sie an Eugen Kellners Hecke entlang, dort, wo jetzt das etwa 70 auf 70 Zentimeter große Stück Grund mit Randsteinen betoniert ist. Inklusive des Holzpfostens. Mit ihrem kleinen Auto kommt sie gerade so vorbei. Aber auch nur deshalb, weil sie an ihrem Haus eine Wandnische einbaute. Damit sie besser einschlagen kann. Martina Fendts Mieter kann nicht mehr hinter dem Haus auf den Parkplatz fahren. »Das Auto ist tiefer gelegt, er kommt nicht mehr an den betonierten Randsteinen vorbei und muss jetzt woanders parken«, sagt Fendt.

Bis vor wenigen Tagen hat Eugen Kellner den Randstein immer nur gelegt, nicht betoniert. »Allerdings musste ich feststellen, dass der Stein jeden Tag auf wundersame Weise verrutschte«, erzählt er. Das hat ihn geärgert. Jeden Tag aufs Neue. Bis er sich entschloss, zunächst die Steine zu betonieren. Später auch noch den Holzpfosten. »An dem kann sich meine Nachbarin besser orientieren«, sagt Eugen Kellner. Für Martina Fendt bedeutet der Pfosten nichts weiter als Schikane. Da es aus ihrer Sicht schwieriger wird, an der Ecke vorbeizukommen.

Doch die Sache wird noch absurder: Weil Eugen Kellner Martina Fendts Grundstück betreten musste, wenn er die Randsteine neu ausrichten wollte, erteilte ihm Martina Fendt Grundstücksverbot. An das sich Eugen Kellner laut Nachbarin aber nicht hielt. Kellner bestreitet das. Fendt hat sogar schon die Polizei hinzugezogen. Aber die kann in diesem Fall nichts tun. »Ich will einfach keinen Stress«, sagt die schwangere Martina Fendt, sichtlich erschöpft von der nachbarschaftlichen Fehde.

Kellner hat kürzlich angeboten, das Stück Grund an Fendt zu vermieten. 70 auf 70 Zentimeter für 100 Euro pro Monat. Martina Fendt findet das unverschämt. Im Gegenzug bot sie Eugen Kellner an, das Ministück an Grund zu kaufen. Sie ist bereit, einen vierstelligen Betrag zu zahlen. »Nur, damit das endlich alles aufhört.« Ans Verkaufen denkt Kellner aber nicht. »Wieso sollte ich das tun«, fragt er. Er müsse die Sache nun durchziehen. Die Nachbarin habe ja gewusst, dass sie den Grund nicht zum Überfahren nutzen dürfe. Martina Fendt möchte jetzt vor Gericht gehen. Kilian Pfeiffer

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