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»Wir lernen Deutsch«

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Sprache und Integration: VHS-Kursleiter Max Bundschuh vermittelt Flüchtlingen grundlegende Deutschkenntnisse. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Was heißt eigentlich »Wir lernen Deutsch« auf syrisch? Scherwan, der junge syrische Asylbewerber schreibt es gleich mit einem Lächeln an die Schultafel. »nhno ntaAlm ALARabia.« Die Marktgemeinde Berchtesgaden hat in ihrem VHS-Frühjahrssemester drei Deutschkurse für Anfänger mit unterschiedlichen Vorkenntnissen eingerichtet. Für die Asylbewerber übernimmt die Gemeinde die Kosten. Um mehr über Kursinhalte, Teilnehmer und Lernmotivation zu erfahren, drückte der »Berchtesgadener Anzeiger« noch einmal die Schulbank und nahm am Unterricht teil.


Das Schwammwasser ist noch nicht ganz getrocknet, da quietscht auch schon die weiße Kreide über die grüne Tafelfläche. Mit einem lockeren »Guten Abend« oder einem herzlichen »Hallo«, begrüßt Max Bundschuh seine Teilnehmer und leitet den 90-minütigen Unterricht ein. Direkt vor ihm haben Abdul, Abdul Mati und Scherwan an ihren Schultischen Platz genommen und hören gleich aufmerksam zu. Jeder hat ein Namensschild gebastelt und seine Lern- und Schreibmaterialien auf dem Tisch ausgebreitet. Es kann losgehen.

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Verstehen und verständigen

Jeweils einmal pro Woche vermittelt der ehemalige Studiendirektor der CJD-Christophorusschulen, Max Bundschuh, Basiswissen der deutschen Sprache. Der aktuelle Semesterblock ist für zehn Doppelstunden ausgeschrieben. Noch sind die Deutschkurse nicht komplett mit der angestrebten Zielgruppe belegt. So mischen sich aktuell auch viele Lernwillige aus Osteuropa unter die Flüchtlinge, die aber hauptsächlich aus den Krisengebieten Syrien, Afghanistan oder Pakistan stammen. Sensibilität ist für den ehemaligen Studiendirektor angesagt.

Für die Lernenden ist es die erste grundlegende Hilfsmaßnahme, um sich in einer neuen Kultur und in einer neuen Sprache zurechtzufinden. Es gilt sich zu orientieren, zu verstehen und sich zu verständigen. Die jungen Araber sind zwischen 20 und 25 Jahre alt. Manche können kaum einen Satz Deutsch fehlerfrei über die Lippen bringen. Auch Analphabeten soll das VHS-Programm ansprechen. Wenige sprechen englisch oder besitzen lediglich rudimentäre Kenntnisse. Dennoch muss ein Konsens im Lerntempo gefunden werden. Eine komplexe Herausforderung also für den Kursleiter Bundschuh.

»Alle Teilnehmer sind wirklich sehr motiviert und haben bereits große Neugier entwickelt. Es ist ein Erfolg in vielen kleinen Fortschritten. Die Männer haben begriffen, dass sie ohne Deutsch hier keine Chance haben«, erklärt der Studiendirektor. »Neben der Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse haben die Kurse auch einen integrativen Charakter«, sagt Bundschuh weiter.

So ist nicht nur der Erwerb der Sprachkenntnisse Gegenstand des Unterrichts, sondern auch die Umsetzung der erlernten Kenntnisse im deutschen Alltag wichtig. In den ersten Lernstunden sind Basisgespräche der Themenschwerpunkt. Das Beschreiben der eigenen Person oder das Bewältigen von unterschiedlichsten Alltagssituationen wird geübt. Auch die Konfrontation mit Grammatikregeln bleibt allen Kursteilnehmern nicht ersparrt. Das weiß auch Abdul. Er ist ein aufmerksamer Schüler. Seine Haare sind kurz und pechschwarz. Der 21-jährige Syrer ist ganz vertieft in sein Lehrbuch und folgt wie alle anderen den Sprechübungen des Studiendirektors. Der Unterricht ist bereits in vollem Gange und es beginnt die Abfrage der Hausaufgaben. Artikelzuordnung und Pluralbildungen stehen jetzt auf dem Lehrplan.

Fleiß und Disziplin

Immer wird fleißig mitgeschrieben. Meist ist es mucksmäuschenstill im Klassenzimmer. Das ist auch das Verdienst des Kursleiters. Max Bundschuh wird ernstgenommen. Er ist einfühlsam und freundlich. Seine Schüler respektieren ihn. Selbst als plötzlich ein Handy klingelt, verschwindet es gleich mit einem entschuldigenden Grinsen des Besitzers im Rucksack und sofort wird eifrig weitergepaukt. Schnell sind die 90 Minuten um. Zum Stundenausklang wird in der letzten Lektion der CD-Player angestellt und Sprech- und Klangbeispiele demonstriert. Jetzt erfährt der Kurs eine Niveausteigerung. Themenbezogene Übungen sind im Dialog zuzuordnen. Das fällt manchem anfangs gar nicht so leicht. Oft sind die Asylbewerber unsicher und es wird noch schüchtern genuschelt. Nach drei Wiederholungen und gestärktem Selbstbewusstsein gewinnt deren Aussprache an Routine.

Aber nicht immer verläuft alles nach Stundenplan. »Vorige Woche sind sechs Syrer nicht zum Unterricht erschienen. Unentschuldigt, bis heute. Auch das kommt vor«, bedauert Bundschuh. »In solchen Fällen handeln wir konsequent. Nach wiederholtem, unentschuldigtem Fehlen werden die Teilnehmer vom Unterricht ausgeschlossen.« Wie es sich für einen ordentlichen Unterricht gehört, schließt Max Bundschuh mit den Worten: »Hausaufgabe zum nächsten Mal ...« Und Abdul Mati wischt unaufgefordert die Tafel für den nachfolgenden Kurs. Jörg Tessnow