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»Wir sind keine Billiglöhner«

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Die Busse bleiben stehen: Auch wenn sich nicht alle Fahrer am Warnstreik beteiligen, ist die Forderung deutlich: mehr Lohn. »Wir wollen einen gerechten Lohn«, heißt es bei den Busfahrern. Seitens des Arbeitgebers wurden wegen des Streiks Konsequenzen angedroht, sagen die Mitarbeiter. Trotzdem wird gestreikt. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Erboste Anrufe von erzürnten Eltern musste sich gestern Paul Eichinger anhören. Er ist Geschäftsstellenleiter der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) München und unterstützt die Busfahrer des Regionalverkehrs Oberbayern (RVO), die in der Niederlassung im Stangenwald die Arbeit niedergelegt haben. Nicht alle der rund 50 Beschäftigten beteiligten sich zwar am 24-stündigen Warnstreik. Trotzdem wollte man ein deutliches Zeichen setzen. »Unser Arbeitgeber hat uns wegen des Streiks mit Folgen gedroht«, so äußert sich ein Busfahrer gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«.


Insgesamt waren es am Donnerstag rund 100 RVO-Busfahrer, die an den Standorten Traunstein, Berchtesgaden und Rosenheim dem Aufruf zum Warnstreik der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) gefolgt waren – ein Großteil der RVO-Busse blieb in den Depots.

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In Berchtesgaden beteiligte sich rund ein Dutzend Busfahrer an dem kurzfristig einberufenen Warnstreik, in Traunstein rund 40. In Berchtesgaden wurden vor allem Fremdfirmen beauftragt, um alle Buslinien bedienen zu können. Wichtige Linien wie der Kehlstein, auf den bei schönem Wetter 3 000 Gäste am Tag befördert werden, waren von den Streiks nicht betroffen. Trotzdem fiel so manche andere Linie aus.

»Wir müssen endlich an die Öffentlichkeit, auch wenn es uns leidtut, dass nicht alle Kunden mit dem Bus fahren können«, so EVG-Mann Paul Eichinger gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«.

Seit April 2014 verhandle man vergeblich mit der Deutschen Bahn, deren Tochtergesellschaft der RVO ist. »Aber die DB ist kein verlässlicher Tarifpartner mehr, wenn sie neue Gesellschaften gründet, um tarifflüchtig werden zu können«, so Frank Hauenstein von der EVG. In der Tat hat die Deutsche Bahn vor mehreren Jahren eine »Billigtochter« gegründet, die DB Regio Bus Bayern (DRB), deren Angestellte deutlich unter Tarif gezahlt werden. »Uns wurde bereits gedroht, dass künftige Streckenausschreibungen nicht mehr an den RVO, sondern die DRB vergeben werden könnten«, so ein Berchtesgadener Busfahrer. »Lohndumping in einem Busunternehmen der Deutschen Bahn AG ist für uns nicht hinnehmbar«, heißt es von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft auf einer Fahrgastinfo, die aktuell an den Bushaltestellen im Talkessel aushängt. Nach Angaben der EVG zeichnet sich bei den Tarifverhandlungen – fünf Verhandlungsrunden sind mittlerweile ergebnislos verstrichen – für die rund 650 Beschäftigten keine Lösung ab. Verhandlungsführer Isidoro Peronace verweist darauf, dass die Mitglieder bereits akzeptiert hätten, dass es seit April 2014 keine Lohnerhöhung gebe, sondern pauschal monatlich 70 Euro. Künftig solle es analog zur DB AG 5,1 Prozent mehr in zwei Stufen (4 Prozent ab Januar 2016 und weitere 1,1 Prozent ab Januar 2017) geben.

Auch Paul Eichinger ist der Auffassung, »dass es keinen Unterschied mehr zwischen den Angestellten geben soll, die vor und nach dem 31. Dezember 2005 eingestellt wurden.« Weiterhin soll es eine schrittweise Angleichung beim Weihnachtsgeld und beim Urlaub bis 2020 geben. Bislang werden die Forderungen der Arbeitnehmer nicht akzeptiert. Die Lage scheint aktuell aussichtslos.

Hinzu kommt die Unzufriedenheit bei den Busfahrern über geteilte Dienste. Eichinger: »Einige fangen in der Früh an, fahren bis Mittag, dann geht es nachmittags weiter mit der Beförderung.« Die Zeit dazwischen werde nicht bezahlt. Oft lohnt sich das Heimfahren nicht, vor allem, wenn man nicht im Talkessel wohnt. In Berchtesgaden sei die Lage mit geteilten Diensten zwar noch nicht so schlimm, heißt es bei den Busfahrern, »in Traunstein und Rosenheim ist das aber bereits gang und gäbe.«

»Die Streikbereitschaft im Berchtesgadener Land ist nicht so hoch wie in Traunstein und Rosenheim«, sagt der Berchtesgadener RVO-Niederlassungsleiter Andreas Datz auf Anfrage des »Berchtesgadener Anzeiger«. 10 Prozent aller Fahrten seien im Landkreis ausgefallen, in Rosenheim seien es 60, in Traunstein gar 80 Prozent.

»Es geht hier nicht um Tarifflucht, es geht um die Wettbewerbsfähigkeit und damit um die Arbeitsplätze«, erklärt auch der Traunsteiner RVO-Niederlassungsleiter Michael Schmidt, der mit seinen Mitarbeitern im Büro händeringend nach Ersatzbussen und -fahrern suchte, damit das Chaos einigermaßen in Grenzen blieb. Begonnen habe alles damit, dass die Linien – nicht zuletzt wegen Richtlinien der EU – alle acht Jahre neu ausgeschrieben und vergeben werden. In München gingen sie an den MVV, weil der günstiger war als der RVO. »Das hat zur Schließung des Betriebsstandorts mit rund 60 Mitarbeitern geführt.« Deshalb habe man einen eigenen Tarif für neu eingestellte Mitarbeiter ab dem 31. Dezember 2005 mit niedrigeren Löhnen beschlossen, »denn im Wettbewerb waren wir zu teuer.« Trotzdem: »Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit und damit um die Arbeitsplätze der Busfahrer.«

Bei der EVG heißt es: »Bus- und Schulbusfahrer sind keine 'Billiglöhner'.« Kilian Pfeiffer

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